2012: Die Abrechnung des Feuilleton

Die erweiterte Kulturjahreswertung, erstellt von der "Presse"-Kulturredaktion: Von Oper über Film bis zu den besten TV-Sendungen.

(c) Die Presse (Clemens Fabry)


Theater

Dörte Lyssewski und Nicholas Ofczarek – APA ( HANS KLAUS TECHT)

  • GOLD. Dörte Lyssewski brillierte in „Endstation Sehnsucht“ am Burgtheater, ist zudem in Stücken von Tracy Letts, Peter Handke, und William Shakespeare zu sehen, sowie in „Fool of Love“.
  • SILBER. Caroline Peters bewies ihre Wandlungsfähigkeit in der Burg und am Akademietheater u. a. als Salondame in „Onkel Wanja“ und als souveräne Professorin für Nervenkrankheiten in „Professor Bernhardi“.
  • BRONZE. Raphael von Bargen ist ebenfalls ein Multitalent. Derzeit spielt er an der Josefstadt Eilert Løvborg in „Hedda Gabler“, zuvor war er in „Woyzeck & The Tiger Lillies“ bei den Vereinigten Bühnen zu sehen.
  • SCHROTT. Kammerspiele. Die Boulevard-Bühne wird renoviert. Gut! Doch die Programm-Qualität schwankt zu stark: Brachiale Flops („Lucky Stiff“) einerseits, niveauvolle Unterhaltung (siehe unten) andererseits.
  • URGESTEIN. Otto Schenk ist als Vater Edek in Lily Bretts „Chuzpe“ in den Kammerspielen ein Erlebnis.

 

Autoren

Christoph Ransmayr – (c) APA (ROLAND SCHLAGER)

  • GOLD. Christoph Ransmayr. „Atlas eines ängstlichen Mannes“ zählt zu den schönsten Werken des Oberösterreichers, eine Summe von Reportagen, die sozusagen ein ganzes Leben auf Wanderschaft beschreibt.
  • SILBER. Friederike Mayröcker. Sie ist Österreichs ungekrönte Poeta laureata. 2012 hat sie „Von den Umarmungen“ und „ich sitze nur GRAUSAM da“ publiziert. Es ist reine Dichtkunst.
  • BRONZE. Clemens J. Setz. Der Autor aus Graz hat sich mit dem Roman „Indigo“ endgültig als erstklassiger Erzähler etabliert.
  • SCHROTT. „Was gesagt werden muss“. Als Lyriker ist der große Günter Grass nicht mehr in Form: Sein „poetischer“ Einwurf zur Israel-Politik war eine peinliche Anmaßung.
  • URGESTEIN. Peter Handke. Ein Film porträtierte seinen Heimatort Griffen, und alle gratulierten ihm zum 70. Geburtstag. Mit dem „Versuch über den Stillen Ort“ hat Handke indessen bewiesen, dass ihm die Sprache noch so dient wie er ihr.

 

Film

Cosmopolis – (c) Einhorn
 

  • GOLD. „Cosmopolis“. Apokalypse als Farce: Robert Pattinson auf Rundfahrt als lebender Toter der Wall Street. David Cronenbergs Bilanz in Finanzkrisenzeiten: zwerchfellerschütternd niederschmetternd.
  • SILBER. „Haus der Sünde“. Die letzten Monate im Pariser Nobelbordell „L'Apollonide“ als Fin-de-Siècle-Fiebertraum: Bertrand Bonello mischt Gefängnis- und Familienfilm zum hypnotischen Historienkino.
  • BRONZE. „Resident Evil: Retribution“. Milla Jovovich im virtuellen Endkampf: Actionkino wie ein Musical, inszeniert von Paul W. S. Anderson, einem der wenigen Regisseure, die mit 3-D tatsächlich umzugehen wissen.
  • SCHROTT. „Prometheus“. Ridley Scott schändet seinen Klassiker „Alien“ mit einer wirren New-Age-Vorgeschichte: prätentiöses Designerkino für die Anhänger von Erich von Däniken.
  • URGESTEIN. „Die Muppets“. Da tanzen alle Puppen: großes Comeback für Kermit, Miss Piggy & Co., bot famose Familienunterhaltung als dunkles Zeitbild. In den USA angeprangert als „kommunistische Gehirnwäsche“!

Pop

Bob Dylan
Bob Dylan
Bob Dylan – EPA/DOMENECH CASTELLO

 

  • GOLD. Bob Dylan. Der beste Auftritt mit Präsidenten, der beste Song über ein sinkendes Schiff („Tempest“), bestes Album seit 15 Jahren (ebenfalls): Gründe genug, um den alten Meister einmal in der alterslosen Kategorie zu ehren.
  • SILBER. Miike Snow. Delikate Hysterie, getrieben durch nervöses Klavier: vorbildlich unrockistische Rockmusik aus Schweden. Funktionierte sogar in St. Pölten.
  • BRONZE. Nino aus Wien. „Irgendwo ist es immer Sommer“: Allein für diese Zeile gehört dem wirrsten Kopf aus Hirschstetten eine Medaille. Aber auch für den Reim Prater/Psychiater und sein Album „Bulbureal“.
  • SCHROTT. Best-of-Editionen. Ja, die Stones sind gut, live und auf Platte. Aber das ist kein Grund, alle Jahre wieder neue Hit-Kollektionen mit blöden Covers herauszugeben. Grrr!
  • URGESTEIN. PIL. Ja, man kann viel spotten über die alte Sexpistole. Aber John Lydons Remake von Public Image Ltd. hat uns mit „One Drop“ zumindest den besten Zornbinkerl-Dub seit 1979 beschert: „We are the ageless, we are teenagers . . .“ Ja!

 

Klassik

Musikverein – EPA/HERBERT NEUBAUER

 

  • GOLD. Der Musikverein, präziser: Die Gesellschaft der Musikfreunde feierte ihren 200. Geburtstag und tat so nobel wie großzügig – Klassik auf höchstem Niveau und Neues, eigens zum Geburtstag geordert. All das bei geringstem öffentlichem Zuschuss!
  • SILBER. Harriet Krijgh, die blutjunge holländische Cellistin, spielte sich mit Haydn im Konzerthaus und Sonaten im Musikverein in die allererste Reihe der neuen Musikergeneration.
  • BRONZE. Das Forellenquintett wurde beim Festival von Grafengg zum Symbol edelster Kammermusik-Kultur: Intendant Buchbinder am Klavier und Überraschungsgast Michael Schade, der das Lied sang.
  • SCHROTT. Der Brahms-Zyklus. Die Wiener Philharmoniker vergessen in jüngster Zeit gern auf ihre große Geschichte und bieten jetzt schon Symphonien-Zyklen, die Chefsache sein müssten, mit Dirigenten vom Schlage Daniele Gattis . . .
  • URGESTEIN. Georges Prêtre, trotz Schicksalsschlägen im 88. Lebensjahr nach wie vor „Maestro 100.000 Volt“ – jüngst mit den Symphonikern, demnächst philharmonisch.

 

Kunst

(c) APA (ROLAND SCHLAGER)

 

  • GOLD. Klimt. Ein bisschen hat man sich gefürchtet vor dem Jubiläumsjahr – es war großartig! Vom Bild „Die nackte Wahrheit“ im Theatermuseum bis zur Brücke im KHM, ein Oberseminar für Klimt-Aficionados. Schön war's.
  • SILBER. Documenta. Die US-Kuratorin hat uns unterhalten (Wahlrecht für Erdbeeren!) und gebildet: Derart verschränkt zeigte sich die „D“ noch nie mit Welt und Geschichte. Publikumsrekord.
  • BRONZE. Maximilian I. Profunde, toll inszenierte Ausstellung der Albertina rund um ein frisch restauriertes Hauptwerk der Sammlung, den Triumphzug für Maximilian I. Das wollen wir hier sehen!
  • SCHROTT. Todesfälle. War das Jahr 2012 für die österreichische Kunst ein ähnliches Schicksalsjahr wie 1918 es war? Damals starben Schiele, Klimt, Kolo Moser und Otto Wagner. Heuer Pichler, West, Domenig. Wir trauern.
  • URGESTEIN. Nackte Männer. Es gab sie von Beginn an, nackte Männer in der Kunst. Nur noch nie haben wir sie derart konzentriert genießen dürfen – vom Leopold-Museum übers Lentos bis zu Wurm in der Albertina.

 

Hörbuch

(c) Warner
 


  • GOLD. „Der Hobbit“. Der frühe Roman von John Ronald Reuel Tolkien, der in das Universum von „Der Herr der Ringe“ einführt, ist wieder Pflichtlektüre. Und dann liest auch noch Gert Heidenreich das ganze Abenteuer ungekürzt.
  • SILBER. „Erzählerstimmen“. Die „Bibliothek der Autoren“ präsentiert auf 44 CDs 183 Dichter im Originalton – von Arthur Schnitzler und Alfred Döblin über Max Frisch und H. C. Artmann zu Elfriede Jelinek und Herta Müller bis Feridun Zaimoglu.
  • BRONZE. „1913“. Florian Illies macht mit seiner raffinierten Collage über das nervöse Jahr vor dem Ersten Weltkrieg Lust auf Geschichte. Dieser Stoff sollte besonders in der Krise von heute hellhörig werden lassen.
  • SCHROTT. „Shades of Grey“. Teil I und II der Sadomaso-Trilogie von E. L. James sind 2000 Minuten Qual. Und im Jänner 2013 kommt noch Teil III!
  • URGESTEIN. „Ulysses“. Der Jahrhundertroman von James Joyce in einer differenzierten Einspielung der Übersetzung von Hans Wollschläger.


Oper

De Billy – APA-FOTO: GEORG HOCHMUTH

  • GOLD. Bertrand de Billy hat heuer nicht nur die wichtigste Opernpremiere, Hindemiths „Mathis“ im Theater an der Wien, dirigiert, sondern auch im Repertoire am Ring für höchste Qualität gesorgt: „Don Carlos“, „Otello“, „Tannhäuser“. Bravo.
  • SILBER. „La donna del lago“, Rossinis kaum bekannte Oper geriet im Theater an der Wien zur Sensation: So aufregend kann Belcanto szenisch und musikalisch sein.
  • BRONZE. „Ariadne auf Naxos“ bei den Salzburger Festspielen wurde zwar nicht zum musikalischen, aber zum theatralischen Erlebnis dank Sven-Eric Bechtolfs ganz auf den grandiosen Cornelius Obonya zugeschnittener Bearbeitung von Hofmannsthals Text.
  • SCHROTT. „La Bohème“, auch bei den Salzburger Festspielen: Der Beweis, dass auch Anna Netrebko nichts retten kann, wenn Regie wie musikalische Leitung versagen.
  • URGESTEIN. Alfred Sramek, das treueste Ensemblemitglied – bis heute bei jedem Auftritt der Garant für fein und mit Witz gestaltete Partien, ob groß, ob klein, ob en miniature.

Skandale

DeWitte – (c) APA (FRANZ NEUMAYR/MMV)

  • GOLD. Michael De Witte, Klaus Kretschmer und ein ungenannter Dritter werden in der Osterfestspiel-Affäre angeklagt. Der Gesamtschaden wird mit 3,2 Mio. Euro beziffert. Stattlich für ein kleines Festival.
  • SILBER. Gerald Matt. Wie immer man die Vorwürfe beurteilen mag – dass der ideenreiche Direktor der Kunsthalle Wien auf Druck der Grünen im März zurücktreten musste, ist ein großer Verlust für Wiens Kunstszene.
  • BRONZE. Shermin Langhoff. Seltsam: Die Schauspieldirektorin der Festwochen ließ sich erst engagieren und sagte dann ab. Gut: Der designierte Intendant Markus Hinterhäuser fand würdigen Ersatz. Die Belgierin Frie Leysen übernimmt das Schauspiel.
  • SCHROTT. Völkerkundemuseum. Die Neugestaltung wird seit Jahren aufgeschoben. Die Kunstkammer war wichtiger. Jetzt ist aber Schluss mit Ausreden: Geld her für die Ethnologie!
  • URGESTEIN. Peter Noever. RH-Rohbericht fand manipulierte Besucherzahlen, stattliche Reisebudgets, verlorene Objekte. Die Verdienste des ehemaligen MAK-Chefs schrumpfen angesichts seiner Malversationen.

Jazz

China Moses –

  • GOLD. China Moses. Die Tochter von Superstar Dee Dee Bridgewater erwies sich u. a. in Salzburg als perfekte Diva: elegant, scharfzüngig und sinnlich. Keine singt derzeit „Cry Me A River“ inniger als sie.
  • SILBER. Neneh Cherry. Noch eine große Tochter, diesfalls des Freejazzers Don Cherry. Sie fand gemeinsam mit „The Thing“ in „Dream Baby Dream“ von Suicide den ursprünglichen, tiefsten Sinn des Freejazz: den Schrei nach Veränderung.
  • BRONZE. John Surman. Melancholie und Stille – mit diesen beiden zarten Mächten im Bunde träumt sich der britische Saxofonist auf „Sallash Bells“ ins Reich der Kindheit zurück. Erschienen auf ECM, wo sonst?
  • SCHROTT. Atonalität als Kraftmeierei. Freie Improvisation kann sehr unkommunikativ und fad sein. Das zeigte heuer u. a. Schlagzeuger Daniel Humair mit „Sweet & Sour“.
  • URGESTEIN. Paul McCartney. Diesmal landet der Lieblingsbeatle der netten Menschen hier – für „Kisses On The Bottom“, seine sentimentale Reise durch Jazz-Evergreens. Sein Pfeifen zeigt: Es ist nie zu spät, ein Bub zu sein.

 

Fernsehen

BRaunschlag – (c) ORF

  • GOLD. „Braunschlag“. David Schalkos bitterböse Provinzsatire mit Palfrader, Ofczarek und noch einer Handvoll toller heimischer Schauspieler bietet TV-Unterhaltung in guter österreichischer Kabarett-Tradition.
  • SILBER. Armin Wolf. Der Anchorman und Twitter-Kaiser sorgt in der „ZiB2“ für informative Unterhaltung – z. B. wenn er am Moderatorenpult liegend „planking“ erklärt oder Interview-Verweigerer Frank Stronach bändigt.
  • BRONZE. „Demokratie – Die Show“. Politische Satire mit Michael Ostrowski und Pia Hierzegger, die Studiogäste u. a. vor die schwierige Wahl stellen: „Blind oder nie mehr Sex?“. Bildungsfernsehen à la Puls 4.
  • SCHROTT. Sido gegen Heinzl. Rüpel-Rapper schlägt Society-Popper – das war der Zickenkrieg des Jahres 2012. Schlechte Manieren und schlechte Vorbilder – und das im öffentlich-rechtlichen Fernsehen!
  • URGESTEIN. Katrin Lampe. Die ATV-Kupplerin mit Schmolllippe und Dekolleté ist auch mit Staffel neun von „Bauer sucht Frau“ die erstaunliche Quotenqueen des Senders. Knapp 100.000 Facebook-Freunden gefällt's.

 

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