Musical: Traiskirchen und der Westen des Herzens

Das Flüchtlingsmusical bei den Festwochen im Volkstheater bringt Nachdenkliches und Heiterkeit.

Ein fulminantes Ensemble spielt das Musical „Traiskirchen“ im Volkstheater.
Ein fulminantes Ensemble spielt das Musical „Traiskirchen“ im Volkstheater.
Ein fulminantes Ensemble spielt das Musical „Traiskirchen“ im Volkstheater. – (c) Verena Schaeffer

Ein Wachturm, der auch ein Scheinwerferturm ist, und große Stäbe, die von Absperrungen stammen, aber auch an Mikado erinnern, liegen auf der Volkstheaterbühne. Freitagabend fand dort die Uraufführung von „Traiskirchen“ statt, ein Musical über Flüchtlinge und das Lager in der „Semperit-Stadt“ im Süden von Wien, wo sich 2015 eine Krise ereignete, durch den Stau von Zuwanderern. Statt 1800 Menschen drängten sich 4500 auf dem Gelände, viele schliefen im Freien, die Infrastruktur versagte, die Bevölkerung half. Für die Flüchtlinge, aber auch für die Zuseher ist das Musical eine Art Bewältigungsritual nach der Spieltheorie, die ursprünglich aus der Mathematik stammt, aber auch der Lösung von Konflikten dienen kann.

Der Homo ludens mildert seinen Kummer und im besten Fall sogar seine Traumata im Spiel. „Traiskirchen“ von Tina Leisch und Bernhard Dechant ist in diesem Sinne eine Versuchsanordnung, bei der alle Aspekte des Themas durchgespielt werden. „Schatzi, hier gibts kein Ebola und keine Vogelgrippe“, ruft ORS-Moses ins Telefon, er spricht am liebsten mit seiner Gattin. ORS ist die umstrittene Firma, die Asylwerber betreut und auch das Lager Traiskirchen, gewinnbringend, was der Firma immer wieder den Vorwurf einträgt, sie sei mehr auf den eigenen Profit als auf die Versorgung der Flüchtlinge bedacht.


Religionskonflikte. ORS-Moses ist übrigens Moussa Thiaw, ein Schwarzer, der einen typischen Wiener spielt: extrem überzeugend und urkomisch. Fast drei Dutzend Typen sind auf der Bühne, darunter ein Afghane, der dringend geheiratet werden muss (Bagher Ahmadi), der letzte Christ (Amin Khawary), Jihadisten, einer lehnt ein Medikament ab, weil Alkohol und Schweinefleisch drin sein könnten und es von Juden hergestellt wurde, ein syrischer Rebell (Johnny Mhanna), ein Mädchen, das nur redet, wenn es was zu sagen hat, aber alles weiß (Nyima Ngum) . . .

Die Vorstellung, dass Flüchtlinge ewig dankbar und demütig sind, ist falsch, sie sind eher wie Kinder, die nach schrecklichen Erlebnissen erst einmal glücklich und froh sind, aber bald holt sie die Realität des Lagers ein, die Versorgungsprobleme, die Nationalitätenkonflikte, die Sorge um kranke Kinder und die Lieben in der Heimat. Leisch und Dechant, die für Konzept, Text und Regie verantwortlich sind, umkreisen die Thematik umfassend und recht ausgewogen.

Sie möchten eine bessere Welt schaffen oder zumindest befördern, das klingt naiv und ist es auch. Das Schöne an der Produktion ist, diese Energie und dieser Optimismus stecken an. Man vergisst recht rasch, dass man das meiste, was hier verhandelt wird, schon hundertmal im Fernsehen gesehen hat. Es ist eben Spiel und hat seine eigene Aura, seine eigenen Gesetze. Wenn die Akteure über den Boden robben und aufeinander herumklettern, erinnert das an Kreationen des Serapionstheaters, man sieht die Mischung aus Träumen und Albträumen. Im Programmheft erzählt Bagher Ahmadi davon, wie er wieder in Kabul ist und durch einen Fluss schwimmt, um einer Bombe zu entkommen, die ihn aber trotzdem trifft. Dann wacht er auf und stellt fest, er ist in Österreich . . .


Lockung der Radikalen. „Es gibt ein Leben nach der Flucht, doch die Flucht wirkt fort, ein Leben lang“, schreibt Ilja Trojanow in „Nach der Flucht“. Und die Warteposition macht anfällig für Erlösungsangebote, etwa von Islamisten, die klare Botschaften vermitteln, der Westen ist des Teufels und an allem schuld.

Auch diese Männer sind hier, predigen auf der Bühne. Und der Gott der Christen ist sonderbarerweise ein Sandler bzw. ein Schlepper. Die Menschen können sich nicht recht entscheiden, sie schwanken den Radikalen ein Stück entgegen, den religiösen, doch auch den rechten Heimatverfechtern, aber mehr lockt sie der Konsum: „Geiz ist geil!“

„Gib mir Geld, dass ich mich in einen westlichen Konsumtrottel verwandeln kann!“, sagt einer. „Gib mir Arbeit, ich muss meine 6000 Euro Schulden in meinem Dorf bezahlen, sonst nimmt der Warlord meine Schwester“, bittet ein anderer.

Lebendig und lebensnah ist das Spiel, viele namhafte Musiker haben Nummern beigesteuert, darunter Eva Jantschitsch („Gustav“), die Linzer Hip-Hop-Band Texta oder Bauchklang (Philipp Sageder). Sakina Teyna schrieb das kurdische Lied „Der Westen meines Herzens“, eine Hymne auf eine Utopie, die in jedem von uns wohnt und im Grunde unerreichbar ist. Ein Hauch von Flower-Power durchzieht diesen nachdenklich und heiter stimmenden Abend, der zur Humanität aufruft und das Beste vermittelt, was Theater zu bieten hat, ein positives Gemeinschaftserlebnis.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.06.2017)

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