Bachmann-Preis: Schaurige Himbeeren und ein Mann, der vom Himmel fiel

Am Samstag fanden die letzten vier Lesungen für den Literaturpreis statt. Ein Kandidat empfiehlt sich für das Finale: Der Frankfurter Autor Eckhart Nickel.

BACHMANN-PREIS 2017: 1. TAG DES WETTLESENS / JURY / PESCHKA
BACHMANN-PREIS 2017: 1. TAG DES WETTLESENS / JURY / PESCHKA
APA/GERT EGGENBERGER

Nach 14 Lesungen geht bei den 41. Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt ein Favoriten-Trio in das Rennen um den Ingeborg-Bachmann-Preis: Sähe der morgige Zieleinlauf Ferdinand Schmalz vor John Wray und Eckhart Nickel, wäre es keine Überraschung.

Ein "Geschmacksprofi, der sich keine Beeren aufbinden lassen will", und ein "Mann, der vom Himmel fiel", waren die Protagonisten der ersten Texte am Samstag. Der 1966 geborene Frankfurter Buchhändler, Germanist (Promotion über das Spätwerk von Thomas Bernhard), Journalist und Autor Eckhart Nickel, selbst als Juror u.a. für den Clemens-Brentano-Preis tätig, eröffnete am Samstag den letzten Lesetag. "Hysteria" heißt sein Text, der eine Idylle brüchig werden lässt. Seltsame Himbeeren eines Marktstands führen Protagonist Bergheim zur Kooperative "Sommerfrische", in der ihn nicht nur die landwirtschaftlichen Erzeugnisse irritieren. Eine raffinierte, zivilisationskritische Schauergeschichte zwischen Biodynamik und Gentechnik entfaltet sich, in der alles Natürliche auf unheimliche Weise leicht verschoben zu sein scheint, möglicherweise Resultat der Umtriebe der Gärtnerin Asche und des "Dermoplastikers" Dr. Haupt, denen er in der Anlage begegnet.

Die Jury zeigte sich gespalten. Kontrahenten in der erstmals etwas hitzigeren, doch hoch unterhaltsamen Diskussion waren erneut Klaus Kastberger, der sich "sehr überzeugt" zeigte ("Ich persönlich mag diese Käferdichter!"; "Er vermittelt auf sanfte Art, dass etwas nicht stimmt.") und Meike Feßmann, die "eine Poetik forcierter Dünnhäutigkeit" ortete: Es handle sich um einen antiquierten Dekadenztext, der deutliche Referenzen an einen Sprachkritik-Klassiker, nämlich Hugo von Hofmannsthals "Brief des Lord Chandos". Stefan Gmünder hatte "Respekt vor diesem Text, glaube aber auch, dass er symbolisch überladen und überfrachtet ist. Michael Wiederstein, der Nickel eingeladen hatte, fand den Text "fantastisch".

"Loses Mappe" von Gianna Molinari

Die 1988 in Basel geborene und heute in Zürich lebende Schweizerin Gianna Molinari las auf Einladung von Hildegard Keller. Ihr Text "Loses Mappe", in dem Fotos und Zeitungsausschnitte eingearbeitet sind, beschäftigt sich mit dem realen Fall eines afrikanischen Flüchtlings, der im Mai 2010 im Fahrwerkschacht eines Flugzeugs erfror und beim Ausfahren des Fahrwerks in der Anflugschneise zum Flughafen Zürich auf die Erde stürzte. Protagonist Lose, ein Jäger und Angestellter des Wachdienstes eines demnächst zusperrenden Kartonherstellers, sah den Sturz von seinem Hochsitz und sammelte in der Folge Ausschnitte, Fotos und Untersuchungsergebnisse zur Identität des Mannes, "der vom Himmel fiel".

Unentschieden zeigte sich die Jury. Während sich etwa Hildegard Keller ("Der Text verschränkt wunderbar das Globale und das Lokale.") und Stefan Gmünder ("gut gemacht, äußerst präzise gearbeitet") begeistert davon zeigten, wie hier ein aktuelles Thema literarisch verarbeitet wurde, sah Klaus Kastberger zwischen Journalismus und Literatur, "einen Mittelweg, der mich nicht ganz überzeugt hat". Hubert Winkels fand den Text "etwas langweilig in seiner Wiederholungsstruktur".

Preis wird am Sonntag vergeben

Maxi Obexer und Urs Mannhart finalisierten das Wettlesen am Samstag. Die in Berlin lebende Südtirolerin Maxi Obexer (Jahrgang 1970), die u.a. in Wien Philosophie und Theaterwissenschaften studiert hat, beschäftigt sich in ihren Theaterstücken, Hörspielen, Essays und Romanen vor allem mit den vielfältigen Aspekten von Migration und Einwanderungspolitik. Auch in ihrem Wettbewerbstext "Europas längster Sommer" geht es um Einbürgerungsurkunden, "unbefristete Aufenthaltserlaubnis" und "Freizügigkeitsbescheinigung". Die Erzählerin fährt mit dem Zug von Bozen nach Berlin. Ihr deutsches Einbürgerungsverfahren wurde positiv abgeschlossen, die Urkunde liegt zum Abholen bereit. Am Bahnhof Franzensfeste steigen aber auch sechs junge Männer ein, die es zwar über den Brenner schaffen, aber in Rosenheim von der deutschen Polizei aus dem Zug geholt werden. Ihr Text fand allerdings nur wenige Anhänger.

Der 1975 geborene Schweizer Urs Mannhart las auf Einladung von Michael Wiederstein als letzter des 14-köpfigen Feldes seinen Text "Ein Bier im Banja", der mit zwei Dutzend Pferden konfrontiert, mit dem Ehepaar Asamat und Assjel sowie den beiden Männern Anarbek und Norsultan, die in einer schneereichen Winternacht einen Wolf fangen möchten. In der personenreichen Geschichte, die von einem teilnehmenden Beobachter erzählt wird, gibt es auch Kalmirsa, den 47-jährigen Sohn eines Wolfsjägers, und seinen Vater Oorghan.

Im sommerlichen Klagenfurt wirkte dieser "schöne Text von Männern und Wölfen", der "ins wilde Kirgistan" entführt (Juror Stefan Gmünder), etwas exotisch. "Manchmal ist es mir ein bisschen zu Foto-Tapete", meinte Sandra Kegel. Hildegard Keller konnte sich mit dem Verhandelten "nicht besonders identifizieren", aber: "Mannhart kann schreiben, keine Frage."

Am morgigen Sonntag werden von den sieben Juroren in öffentlicher Abstimmung die Preise vergeben: der mit 25.000 Euro dotierte Bachmann-Preis, der erstmals vergebene Deutschlandfunk-Preis (12.500 Euro), der Kelag-Preis (10.000 Euro) sowie der 3sat-Preis (7.500 Euro). Das Publikum bestimmt via Internet, wer den mit 7.000 Euro dotierten BKS-Bank-Publikumspreis mit nach Hause nimmt. Im Vorjahr gewann Sharon Dodua Otoo den Ingeborg-Bachmann-Preis.

(APA)

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