Geisterbahn, Troja, Fußball: Das Programm der Wiener Festwochen

Intendant Tomas Zierhofer-Kin, für sein Programm 2017 viel getadelt, will in seiner zweiten Saison dezidiert auf Welterklärung und "Sektiererisches" verzichten. Ein zentrales Thema der Festwochen soll heuer die Angst sein.

´Sehr viele Menschen haben sich in den Festwochen nicht wiedergefunden´: Thomas Zierhofer-Kin verspricht ´nichts Sektiererisches mehr´
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´Sehr viele Menschen haben sich in den Festwochen nicht wiedergefunden´: Thomas Zierhofer-Kin verspricht ´nichts Sektiererisches mehr´
"Sehr viele Menschen haben sich in den Festwochen nicht wiedergefunden": Thomas Zierhofer-Kin bei der Programmpräsentation. – (c) APA/ROLAND SCHLAGER (ROLAND SCHLAGER)

„Die Festwochen 2018 wollen sich weder anmaßen, die Welt zu verstehen, noch, sie zu erklären; wir vertrauen auf die Kraft der Kunst.“ Diese Worte des Intendanten Tomas Zierhofer-Kin bei der ersten Vorstellung des Programms seiner zweiten Saison (von 11. Mai bis 17. Juni 2018) sind auch als praktizierte Selbstkritik zu verstehen. Bei seinen ersten Festwochen habe es „kommunikative Fehler“ gegeben, sagte er: „Sehr viele Leute haben sich in den Festwochen nicht wiedergefunden.“ Heuer, so Zierhofer-Kin, werde „nichts Sektiererisches“ geboten.

Tatsächlich: Der Schwall an postkolonialistischen und gendertheoretischen Schlagworten, mit denen einen die Festwochen 2017 übergossen hatten, ist fast versiegt, das Wort „Transgender“ fiel bei der Präsentation nur ein einziges Mal! Ein zentrales Thema 2018 ist die Angst, geschürt von „Terrorist*innen und Politiker*innen aller Lager“, wie es im Programmheft steht. In diesem Sinn zeigt der Holländer Dries Verhoeven seine Performance „Phobiarama“, laut Zierhofer „eine wirkliche Geisterbahn“ und „ganz einfach gestrickt“.

Dann geht's zurück in der abendländischen Kultur: Ong Keng Sen präsentiert eine koreanische Version der „Troerinnen“ der Euripides; Ersan Mondtag, der sowohl bei Peymann als auch bei Castorf gelernt hat, inszeniert die Orestie von Aischylos textgetreu und mit vertonten Chören; der Ägypter Wael Shawky zeigt das Thema des Rolandslieds (also die Kriegszüge von Karl dem Großen gegen die Sarazenen) aus arabischer Sicht. An Shakespeares „Macbeth“ orientiert sich Christiane Jatahy aus Brasilien in „The Walking Forest“.

Marthaler aus München

Bereits 2017 Premiere in München hatte Christoph Marthalers „Tiefer Schweb“, ein absurd-komisches Stück, in dem Beamte planen, außereuropäische Flüchtlinge im Bodensee unterzubringen. Aus der Abteilung Reizüberflutung kommen u. a. eine Neubearbeitung von Kurt Hentschlägers nebeligem „Feed“ und „micro–macro“ von Ryoji Ikeda (unterstützt von den Physikern des Cern). Zur Fußball-WM passt „Stadium“ von Mohamed El Khatib, das tatsächlich 90 Minuten dauern und ein französisch-österreichisches Freundschaftsspiel sein soll.

In „Crow“ von Gisèle Vienne tanzen Kids in Zeitlupe, umso schneller folgen in „10000 gestes“ von Boris Charmatz die Gesten aufeinander. Tanz mit starkem Performance-Charakter hat ja durchaus Tradition bei den Festwochen. So wie Tschechow-Inszenierungen: Diesmal nimmt sich das laut Programmheft „aufständische“ französisch-österreichische Performance-Kollektiv Superamas „Onkel Wanja“ vor, mit Werktreue ist hier wohl eher nicht zu rechnen. Wie schon sein Vorgänger Markus Hinterhäuser hat auch Zierhofer eine „Winterreise“ im Programm, diesmal in der Orchesterversion von Hans Zender, illustriert mit Bildern vom Fußmarsch der Flüchtlinge 2014 in Ungarn.

New Order mit Orchester

Orchestral präsentiert wird auch das Werk der großen Achtzigerjahre-Band New Order. Die Reihe „Hyperreality“ (u. a. mit Kelela) gibt es auch heuer, diesmal wird die „Club Culture“ im F23 (in der ehemaligen Sargfabrik in Atzgersdorf) gefeiert. Diskurs soll unter dem Motto „Pod stütze Österreich“ stattfinden, aber deutlich weniger exklusiv und sektierisch als 2017 in der „Akademie des Verlernens“.

In den Gösserhallen am Anfang der Laxenburgerstraße soll an drei Freitagen nach den Aufführungen ein buntes, aber nicht nur spaßbetontes Programm unter dem Motto „Deep Fridays“ geboten werden, für das kein Eintritt verlangt wird. Für die Veranstaltungen, die nicht gratis sind, werden insgesamt 40.000 Karten aufgelegt; die Stadt Wien subventioniert die Festwochen heuer mit 10,4 Millionen.

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