Belgier Christophe Slagmuylder wird neuer Festwochen-Chef

Der Spezialist für Kunst und Gegenwartstheater wird die Nachfolge von Tomas Zierhofer-Kin antreten. Dabei hatte er schon andere Pläne.

Seit 2007 leitete Christophe Slagmuylder Kunstenfestivaldesarts in Brüssel.
Seit 2007 leitete Christophe Slagmuylder Kunstenfestivaldesarts in Brüssel.
Seit 2007 leitete Christophe Slagmuylder Kunstenfestivaldesarts in Brüssel. – Bea Borgers

Ein Belgier soll die Wiener Festwochen wieder auf Kurs bringen: Der 51-jährige Christophe Slagmuylder, der sich als Leiter des renommierten Kunstenfestivaldesarts in Brüssel einen Namen machte, wird Tomas Zierhofer-Kin, dessen Vertrag nach zwei von Publikum wie Medien stark kritisierten Saisonen vorzeitig aufgelöst wurde, nachfolgen – zunächst interimistisch für 2019. Eine Ausschreibung für die Ausgaben ab 2020 ist geplant.

Dabei hatte Slagmuylder, der in Brüssel geboren wurde, dort Kunstgeschichte studiert und visuelle Theorie unterrichtet hat, schon andere Pläne: Im Februar erst wurde er als neuer Leiter des Festivals „Theater der Welt“ vorgestellt. Dieses findet alle drei Jahre in wechselnden Städten statt – 2020 in Düsseldorf. Die Vorbereitungen sollten schon diesen Sommer starten. Dass er stattdessen nach Wien kommt, hatte „Profil“ in seiner Onlineausgabe berichtet, kurz darauf wurde die Meldung bestätigt.

„Besitze keine nationale Identität“

Slagmuylder ist ein europaweit geschätzter Kurator und Spezialist für Gegenwartstheater, das Brüssler Kunstenfestivaldesarts ist ein Bühnenfest, bei dem die Grenzen zwischen Sprechtheater, Tanz und bildender Kunst verschwimmen. 2002 stieß Slagmuylder zum Programmteam, 2007 übernahm er die Leitung – von Frie Leysen, die 2014 unter Markus Hinterhäuser das Schauspielprogramm der Wiener Festwochen verantworten sollte. Der neue Festwochen-Chef kennt die internationale Theaterszene gut. Als wichtige Impulse, die seinen Weg von der bildenden zur darstellenden Kunst begleiteten, nannte er Jan Fabre, Anne Teresa De Keersmaeker und Wim Vandekeybus – Namen, die auch in Wien regelmäßig präsent waren.

Bild und Bewegung prägen ihn mehr als Sprache: Als Belgier besitze er „keine tief in der Vergangenheit wurzelnde nationale Identität“, sagte er der „Westdeutschen Zeitung“. „Das ist ein Vorteil für die Avantgarde.“ Doch schätze er auch das traditionelle Theater, ohne das es keine Avantgarde geben könne. Am Theater liebe er „die Möglichkeit, Alternativen zum gegenwärtigen zu imaginieren“.

"Festivals sind besondere Orte", erklärte Slagmuylder vor vier Monaten, als er zum Theater-der-Welt-Direktor berufen wurde: "Sie können es sich erlauben, sich abseits der ausgetretenen Pfade zu bewegen. Sie bieten eine außergewöhnliche Erfahrung der Gegenwart, indem sie Künstler und künstlerische Arbeiten aus verschiedenen Teilen der Welt auf Zeit zusammen bringen. Sie eröffnen die Möglichkeit, die Zukunft zu denken, indem sie den Austausch von Ideen befördern."

Wies "unfertige" Grazer Produktion zurück

Am Mittwoch wird er von Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler offiziell präsentiert. Sie hatte mit ihm vor Jahren ihre liebe Not: Als Kunstenfestival-Leiter wies er eine Produktion des Grazer Theater im Bahnhof 2010 als „unfertig“ und „noch nicht zur Aufführung geeignet“ zurück – was den Koproduzenten Steirischer Herbst, den Kaup-Hasler leitete, überraschte. „Das ist nicht nachvollziehbar“, sagte sie damals: „Wir lassen auch schwierige und riskante künstlerische Prozesse zu.“

Vergangene Woche war Tomas Zierhofer-Kin, der die Wiener Festwochen zwei Jahre lang leitete, nach anhaltender Kritik von Medien und Publikum zurückgetreten. Von einer "konsensualen Entscheidung" sprach Stadträtin Kaup-Hasler, die damit ihre erste Amtshandlung durchführte. Zierhofer-Kin hatte einen Fünfjahresvertrag mit der Stadt Wien unterschrieben, der nun vorzeitig aufgelöst wird.

(kanu)

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