Philosophicum: Der Himmel über Lech, die Hölle in der Cloud

Während in Oberlech der Lichtkünstler James Turrell den Himmel zeigt, wird unten beim Philosophicum Lech über die Hölle gesprochen. Michael Köhlmeier und Konrad Paul Liessmann begannen das Symposion mit ihrem philosophisch-literarischen Vorabend.

Skyspace-Lech von James Turrell
Skyspace-Lech von James Turrell
Skyspace-Lech von James Turrell – Florian Holzherr

„Man kann’s gar nicht verfehlen“, sagen die Lecher, wenn man sie nach dem Weg zu dem „Sky Space“ fragt, den ihnen der britische Lichtkünstler James Turrell gebaut hat. Doch, man kann. Man kann ziemlich lang im frühherbstlichen Oberlech umherirren, bis man die Kuppel findet, und dann auch noch den Eingang. Dann sitzt man in einem ovalförmigen Raum auf graubraunem Stein und schaut hinauf, auf einen ovalförmigen Auschnitt und sieht – den Himmel. Wolken, ein bisschen Sonne. Keine Engel, keine Chöre, und keine Lichtshow. „Above us only sky“, wie John Lennon singt. Warum nicht die Farben, die Turrell versprochen hat? „Ein technisches Gebrechen“, erfährt man am Abend. Trotzdem war’s schön, man hat den Himmel gerahmt gesehen, auf 1780 Meter Seehöhe.

Hinab in die Unterwelt!

Die abendländischen Helden und Halbgötter, von Orpheus über Aeneas bis Jesus, müssen dagegen alle hinab in die Unterwelt, erzählte Michael Köhlmeier bei der Märchenstunde, mit der er seit Menschengedenken – etwas genauer: seit 21 Jahren – gemeinsam mit Konrad Paul Liessmann das Philosophicum Lech einbegleitet. Auch Theseus musste hinab, gemeinsam mit seinem Freund Perithoos, dem es nach Persephone gelüstete, der Fürstin der Unterwelt. Was deren Fürsten, dem Hades, nicht ganz recht war. Und so ließ er die beiden warten, in einem angenehmen, völlig neutralen Raum, in dem absolut nichts passiert. „Heaven is a place where nothing ever happens“, heißt es bei den Talking Heads, bei den Alten war die Unterwelt so, ein ewiges Wartezimmer, in dem man nie aufgerufen wird. Tatmenschen wie dem Achill das ärgste vorstellbare Grauen. Diese Vorstellung ähnle den Utopien der heutigen Transhumanisten, kommentierte Liessmann: „Die moderne Unterwelt ist die Cloud.“

Skyspace-Lech von James Turrell
Skyspace-Lech von James Turrell
Skyspace-Lech von James Turrell – (c) Florian Holzherr

Der gerechte Teufel

Köhlmeiers zweites Märchen – von den Brüdern Grimm als „Des Teufels rußiger Bruder“ aufgeschrieben – führte in eine weniger apathische Hölle. Für den vom Krieg gequälten Soldaten, den ein geradezu mitleidiger Teufel dort hin schickt, ist sie geradezu eine Erlösung: Er muss dort nur zusammenkehren. Mehr noch: Der Kehricht stellt sich, als der Soldat wieder auf die Erde kommt, als Gold heraus! Und dem Wirten, der ihn um dieses Gold prellen will, muss der Soldat nur mit der Teufelskralle drohen, der Unhold versteht schon: Ihm drohen heiße Höllenstrafen, wie sie die ehemaligen militärischen Vorgesetzten des Soldaten bereits erleiden…

Was für eine gerechte Hölle! Das eben sei das Merkwürdige am Teufel, kommentierte Liessmann, dass er, der Böse, sein Böses in den Dienst der Gerechtigkeit stelle, die man doch gemeinhin als gut ansieht. Die Hölle sei eben das andere: Wenn es auf Erden ungerecht zugehe, müsse in der Hölle just die Gerechtigkeit herrschen. Und wenn unsere Welt schon höllisch sei, müsse es in der Hölle gar nicht mehr so schlimm sein.

Christi Kreuz aus Adams Baum

Für den Himmel spreche das bessere Klima, für die Hölle die bessere Gesellschaft, in dieser Richtung haben sich schon Molière, Shaw und Wilde geäußert, Liessmann schloss sich an: "Es ist doch immer wieder erstaunlich, wenn man in der Hölle trifft." Manchmal sogar Propheten – so in der dritten Geschichte, die Köhlmeier brachte, einer Stelle aus dem apokryphen Nikodemusevangelium. Dort wächst aus einem Zweig des Baums der Erkenntnis, den Seth seinem Vater Adam aufs Grab gelegt hat, ein Baum, aus der ein paar Jahrhunderte später König Salomo der Königin von Saba eine Brücke baut. Doch sie geht nicht darüber, denn man hat ihr geweissagt: Mit diesem Baum soll der König der Könige erhöht werden. So reißt Salomo die Brücke ab, das schwere Holz fällt hinab in die Unterwelt, dort jubeln die Propheten, denn auch Hades weiß: Er ist nicht der König der Könige. Er schiebt den Stamm wieder in die Oberwelt, dort kommt er im römisch besetzten Israel heraus, und es geschieht damit, was damit geschehen muss: Aus ihm wird das Kreuz Christi, des Königs der Könige.

Theologisch überhöht: So wird Adams Holz der Erbsünde zu Christi Holz der Erlösung, und die Hölle ist dafür eine notwendige Durchgangsstation. Man wird von ihr noch einiges hören in diesen Tagen in Lech. Einen kleinen Vorgeschmack gab Köhlmeier mit einem Witz, der einen Sünder in die Hölle führt, wo alles wider Erwarten ganz himmlisch ist, mit Park und Pool. Nur aus einer weit entfernten Hütte tönen Schmerzensschreie. „Was ist das?“, fragt der Sünder erschrocken. „Ach nichts“, sagt ein Teufel: „Das sind nur die Katholiken. Die wollen das so.“

Zu einer anderen Höllenvision fand Liessmann tags darauf in einer Diskussion mit „Presse“-Chefredakteur Rainer Nowak und Kulturminister Gernot Blümel, themengerecht im Heizwerk von Lech. Die Bildungsreformen hätten ihm sieben Jahre seines Lebens gekostet, klagte er – und wünschte den Bildungspolitikern: „Dass sie bis in alle Ewigkeit Reformen machen müssen, die immer dann, wenn sie gerade fertig sind, außer Kraft gesetzt werden.“ Wobei: Wer weiß, ob sie damit nicht glücklich würden wie Sisyphos mit seinem Stein?

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