Bogdan Bogdanovic in Wiener Spital verstorben

Der 87-jährige serbische Architekt, Bildhauer und Autor hatte am Donnerstag einen Herzinfarkt erlitten. Der ehemalige Bürgermeister von Belgrad lebte seit 1993 in Wien.

Bogdan Bogdanovic Wiener Spital
Bogdan Bogdanovic Wiener Spital

Das Hauptwerk des unorthodoxen Stadtforschers, Surrealisten, Querdenkers und Schriftstellers von hohen Graden waren seine über 20 antifaschistischen und jeden „sozialistischen Realismus“ meidenden Gedenkstätten, die, über das ganze ehemalige Jugoslawien verteilt, bis heute zu den eindrucksvollsten, versöhnenden, in die Landschaft eingeschriebenen Monumenten der europäischen Kultur gehören.

Bogdan Bogdanović, am 20. August 1922 in Belgrad geboren, entstammte einem intellektuellen Elternhaus, in dem mehrere Sprachen selbstverständlich waren (Vater: Literaturkritiker, Direktor des Nationaltheaters). Schon im Gymnasium gehörte er zu den von Breton begeisterten Belgrader Surrealisten, mit 22 „ein wenig“ (wie sich B. B. ausdrückte) zu den Partisanen, wurde aber schwer verwundet. Als junger Architekt ist er deprimiert über die beruflichen Aussichten in der sozialistischen Bauwirklichkeit. Eine Architektur sozialistisch dem Inhalt und national der Form nach interessiert ihn nicht. 1951 gewinnt er den Wettbewerb für das Denkmal der jüdischen Opfer des Faschismus in Belgrad, eine Begegnung mit einer „anderen Welt“ und Schlüsselerlebnis für alle künftigen Arbeiten.

Bürgermeister von Belgrad. Nach Titos Tod einige Jahre Bürgermeister von Belgrad, ein „schlechter Politiker“ (nach eigener Aussage), aber ein kritischer politischer Kopf. Austritt aus der serbischen Akademie der Künste und Wissenschaften. 1987 Rückzug aus dem universitären Leben. Im September schreibt er den berühmten antinationalistischen und antimilitaristischen Sechzig-Seiten-Brief an Milo?ević und das Zentralkomitee. Antwort: „Den Brief, in dem Sie kritische Bemerkungen über die Arbeit der achten Sitzung machen und der uns nicht erreicht hat, können Sie, sofern Sie es für notwendig erachten, dem Zentralkomitee übermitteln.“
sEs beginnt eine wütende Kampagne der Diffamierung, Beschmierung des Hauses, Lynchaufrufe, schließlich 1993 Exil in Wien. Hier entstehen der Reihe nach die faszinierenden Bücher: „Die Stadt und der Tod“, „Architektur der Erinnerung“, „Die Stadt und die Zukunft“ (bei Wieser), schließlich „Der verdammte Baumeister“, „Vom Glück in den Städten“ und „Die grüne Schachtel“ (bei Zsolnay). 2009 findet eine umfassende Ausstellung seiner Zeichnungen im Architekturzentrum Wien statt.

Bogdan Bogdanović entwickelte eine eigenständige „Sprache“ im Darstellen von Inhalten, eine, wenn man es paradox formulieren darf, Präzision des Unbestimmbaren. Er verbannte aus seinen Gedenkstätten das ideologische Vokabular und er zog sich auf zeitlose Symbole zurück. Zitat: „Was ich vermochte, war, auf archaische Formen zurückzugreifen. Ich war davon überzeugt, dass die Verständlichkeit der Symbole umso größer war, je tiefer die Semantik in die metahistorischen Schichten der menschlichen Phantasie hineinreichte.“

Bogdanovićs Denkmäler, Gedenkstätten und Nekropolen sind, auch wenn sie von gebannten Monstern belagert werden, positive, versöhnende, verbindende, der Zukunft und dem Leben zugewandte, aber auch aus der Zeit hinausweisende Orte. Kein Zufall, dass viele davon von jungen Menschen oder spielenden Kindern bevölkert werden. Es gibt nichts Vergleichbares in der europäischen Kunst der Moderne, kaum Erinnerungsstätten, die so tief mit der Kultur und Landschaft von Regionen verbunden sind.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.06.2010)

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