Der Papst moderiert den Song Contest

Falk Richters Uraufführung von "Città del Vaticano" wird bei den Festwochen im Schauspielhaus Wien zu einer Wutrede gegen das Römisch-Katholische.

Singen für den Vatikan: Die Fantasie einer Boygroup von Missbrauchten.
Singen für den Vatikan: Die Fantasie einer Boygroup von Missbrauchten.
Singen für den Vatikan: Die Fantasie einer Boygroup von Missbrauchten. – Matthias Heschl

Nein, einen Sesselkreis benötigten die sieben Schauspieler und Tänzer nicht bei der Uraufführung von „Città del Vaticano“ am Freitag im Wiener Schauspielhaus, einer Koproduktion mit den Wiener Festwochen. Es genügte ein langer Tisch mit Sesseln am rechten Rand, wohin sich die Künstler jeweils nach ihren Szenen zurückzogen. Die sonst fast leere Bühne ist anfangs noch mit einem leichten Vorhang verhüllt. Auf ihm sieht man so wie später im Hintergrund Motive des irischen Schreckensmalers Francis Bacon angedeutet: schreiende hohe Würdenträger der katholischen Kirche.

Diese Bilder passen zur Situation, jedenfalls zur platten ersten von zwei Stunden der Inszenierung des Dramatikers Falk Richter und des Choreografen Nir de Volff. Sie lassen das Septett all ihren Frust über den Vatikan herausbrüllen und -speien. Die Kirche in Rom: böse. Ihre Bank: die böseste aller Banken. Die Geistlichen: Kinderschänder. Der abgetretene Papst Benedikt XVI: ein hässlicher, schrecklicher Mann.


„Geilerer“ Islam. Rasch etabliert sich eine fiktive Therapierunde, die in meist kunstloser Form Konfessionen attackiert. Der Islam steigt dabei recht günstig aus, denn er habe, wie der IS beweise, „geilere“ Kämpfer. So muss die alte Mutter Kirche mit all ihren subjektiven Schwächen wie auch objektiven Verbrechen wieder einmal singulär dazu herhalten, die bald schon ermüdenden Komplexe netter junger Männer und Frauen zu reflektieren. Sie machen das mit fast mystischer Inbrunst.

Religion ist in diesen Rollenspielen des Teufels. Kritische Literatur sowie offenbar persönliche Erfahrungen, die zuvor bei intensiven Workshop-Sessionen im Rahmen der Biennale di Venezia verarbeitet wurden, ergeben eine ziemlich aggressive Melange aus Weltverschwörung und Beichte kleiner privater Verfehlungen. Allerdings ist die Verwurzelung im Christentum schwach ausgeprägt. Nur einer in dem Stück stand ihm als Kind und Jugendlicher einmal nahe, wie er bekennt und wie sein Vortrag eines naiven Kirchenliedes beweist. Steffen Link spielt diese Rolle, er ist so wie Vassilissa Reznikoff Ensemblemitglied des Schauspielhauses. Beide machen eine gute Figur.

Die übrigen fünf Performer und Performerinnen wurden in Venedig aus einer Reihe internationaler Bewerber ausgewählt: Telmo Branco, Gabriel da Costa, Johannes Frick und Christian Wagner imponieren in Wien vor allem durch ihre exzellenten Tanzeinlagen, vereinzelt auch in ihren (auf Deutsch, Englisch, Französisch vorgetragenen) Bekenntnissen. Tatjana Pessoa spielt die Moderatorin mit Mikrofon, sie presst den anderen Intimes ab. Das ist dann großteils doch nur künstlerisch ambitioniertes Partygeplapper. Es stellt sich heraus, dass eine vor allem bi- und homosexuell orientierte, hedonistische Gruppe Dampf ablässt. Sie legt ihre Finger auf offene Wunden. Der Vatikan sei ein Sündenpfuhl, der Homosexualität verurteile, deren Priester sie zugleich aber heimlich intensiv praktizierten, so wie den Kindesmissbrauch, der zugedeckt werde.

Man redet sich in Rage, Falk Richter fügt auch höchst Aktuelles hinzu, etwa über die FPÖ und rechtsextreme Strömungen in Deutschland und anderswo in Europa. Das ist routinierte Klage. Aber gegen Ende hin geschieht ein Wunder, wird diese Inszenierung sogar spannend und witzig, reizt zur Empathie. In tollen Soli bricht aus den Darstellern heraus, was sie sind: „Ich bin . . .“ Da zeigt sich sehr viel kollektive Schuld, ein Weltverantwortungsgefühl. Die Sehnsucht nach biederem Idyll wird in einem Brief an einen künftigen Sohn enthüllt: Papa mit seinem Lover und seine Ex als Mama. Das sind die Guten. Steffen wiederum träumt vom Eurovision Song Contest: Eine Gruppe Missbrauchter trete dort als Boygroup für den Vatikan an – und gewinne. Der nächste Contest finde in Rom statt, der Papst müsse moderieren. In Latein. Und schon tanzen sie zu „Chandelier“ von Sia, halb nackt, geißeln sich mit roten Shirts oder nehmen sie als Schleier. Das wirkt erlösend.

Regisseur und Choreograf

Falk Richter wurde 1969 in Hamburg geboren. Dort studierte er Linguistik, Philosophie und Regie. Als Dramatiker und Regisseur ist er seit 1994 auf renommierten Bühnen präsent, auch bei den Salzburger Festspielen und in Wien. Werke u.a.: „Gott ist ein DJ“, „Electronic City“, „Unter Eis“, „Trust“.

Nir de Volff, 1974 in Tel Aviv geboren, studierte Tanz an der Bat-Dor-Hochschule. 1995 war er Israels Tänzer des Jahres. Choreografien u.a. in Amsterdam, Frankfurt, Prag, Berlin.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.05.2016)

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