Grandioses Verschwinden jenseits des Liebestodes

Christoph Marthalers "Isoldes Abendbrot" mit Anne Sofie von Otter: Musiktheater um die Grandezza des Abschieds.

Bochum Christoph Marthaler Regisseur Musiker und Intendant Ruhrtriennale ab 2018 Vorstellung Int
Bochum Christoph Marthaler Regisseur Musiker und Intendant Ruhrtriennale ab 2018 Vorstellung Int
Christoph Marthaler – (c) imago/Eibner (imago stock&people)

„Alles ist ganz genau das, wonach es aussieht“, versichert der Pianist Bendix Dethleffsen zu Beginn treuherzig. Dann setzt er sich ans Klavier und führt einen längeren, aussichtslosen Kampf gegen einen viel zu dicken Packen loser Notenblätter, die einfach nicht auf dem schmalen Pult liegen bleiben wollen. Seinem Vorspruch nach wäre die niederdrückend holzgetäfelte Hotelbar mit den immer wieder Ringelspiel fahrenden Hockern, den braunen Lederfauteuils und dem falschen Kaminfeuer, das sich per Knopfdruck in die Wand dreht und stattdessen ein Pedalharmonium zugänglich macht, wirklich eine Hotelbar (Bühne: Duri Bischoff). Und die drei famosen Herren Raphael Clamer, Graham F. Valentine und Ueli Jäggi, von denen am Schluss zu Gustav Mahlers „Ich bin der Welt abhandengekommen“, mit dem Rücken zum Publikum gesungen von Anne Sofie von Otter, nur noch schön drapierte Versatzstücke auf den langsam sich drehenden Sitzen übrig bleiben, wären also tatsächlich verschwunden – wie Menschen aus Hotels und Bars einfach wieder verschwinden, nachdem sie getrunken, geraucht, mehr oder minder dummes Zeug gebrabbelt und sich auf vielfältige, virtuose Weise lächerlich gemacht haben: Jedes Pathos ist hier paniert mit Peinlichkeit.

Ein meisterhaft ungelenkes Herrentrio. Der Liebestod wird zum Sauflied höherer (oder besser: tieferer) Ordnung, die „Bilder einer Ausstellung“ quäken im Midi-Sound. Und das Herrentrio scharwenzelt meisterhaft ungelenk um von Otter herum, die schillernde, in jeder Sekunde, mit jeder Geste präsente Zentralfigur des Abends. Von der Bardame bis zum Diseusen-Vamp, von Dowland bis Elvis Costello hat sie alles drauf, schlüpft in diverse Rollen und fällt punktgenau wieder aus ihnen heraus, verkörpert mit Selbstironie und bewegender Größe das „Après“ einer gloriosen Zeit: Immerhin steht „Isoldes Abendbrot“ auf dem Theaterzettel, ein Lied- und Songprogramm vom Solo bis zum Quartett erklingt – und man spielt: Christoph Marthaler.


Tiefsinn des Absurden. Marthalers Schweizer Landsmann Friedrich Dürrenmatt lässt in seinem Stück „Romulus der Große“ über den letzten römischen Kaiser, der sich nicht mehr gegen die anrückenden Germanen wehren kann, die Titelfigur zumindest seine Wortwahl verteidigen: Nicht „Frühstück“ soll es heißen, sondern „Morgenessen. Was in meinem Hause klassisches Latein ist, bestimme ich.“ Mit dem nämlichen Selbstbewusstsein verfügt Marthaler schon seit Jahrzehnten, wie seine Spielart fesselnden Musiktheaters aussieht: skurril, mit hintersinnigen Kontrapunkten, gespeist vom Tiefsinn des Absurden. In den zwei kompakten, traumhaften Stunden von „Isoldes Abendbrot“ gelingt ihm das wieder einmal exemplarisch. Ihr Morgenessen hat Isolde hier lang hinter sich, nach dem Liebestod bleibt ihr längst nur mehr das Abendbrot. Es könnte auch das Gnadenbrot sein. Als Chemielaborantin Brangäne serviert sie tödliche Cocktails. Beim Bolero spielt sie den Secondo-Part am Klavier und jault. Im knallroten Abendkleid haucht sie Juliette Grécos „Déshabillez-moi“, während sich Clamer schlagzeugspielend auf dem Boden wälzt und die anderen beiden sich ausziehen, um mit den Labels ihrer Kleidung anzugeben. Als bissige Flitterwöchnerin bricht sie in Songs von Noël Coward aus, denn: „Strange, how potent cheap music is!“ Das gilt auch für Marthalers Theater. Großer Jubel.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.06.2016)

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