Wiener Festwochen: Trauriges Theater aus Teheran

"Die Anpassung" erzählt von erschütternden Frauenschicksalen im Iran. Die Aufführung besteht allerdings im Wesentlichen aus einem Frontalvortrag, was mühsam ist.

(c) Reza Ghaziani / Wiener Festwochen

Schwer, oft langwierig in der Zubereitung, aber köstlich ist die persische Küche. In Wien gibt es mehrere Restaurants, die derzeit Kult sind. Wer in den Iran reisen möchte, muss auch bei Gruppen- und Studienreisen lange Verhaltensvorschriften und Reisewarnungen für bestimmte Gebiete studieren. Also kommt das iranische Theater zu uns, zu den Wiener Festwochen, ins MQ. „Die Anpassung“ heißt das Stück von Mahin Sadri, die u. a. Partnerin von Amir Reza Koohestani ist. Mit ihm präsentierte sie bei den Festwochen 2008 im Brut „Quartet: A Journey to North“. In dieser dokumentarischen Installation sprechen Mörder und Hinterbliebene über den Tod.

„Die Anpassung“ ist vom Konzept her ähnlich: Drei Schauspielerinnen erläutern Schicksale von Frauen im Iran: Eine verliebt sich in einen verheirateten Mann, das gemeinsame Kind muss sie auf seinen Wunsch abtreiben. Sie wird beschuldigt, die Gattin ihres Geliebten ermordet zu haben, und hingerichtet. Eine andere Frau ist mit einem Piloten verheiratet, der gezwungen wird, in ein Hotel zu fliegen, stirbt und als Märtyrer gefeiert wird. Sohn und Witwe bleiben zurück. Eine weitere Frau schafft es, eine Karriere als Bergsteigerin zu starten, die sie in den Himalaya führt. Als ihr Verlobter bei einer Expedition verschwindet, bei der sie Gruppenleiterin ist, setzt eine Hetze gegen sie ein.

 

Die Küche als Refugium

Schauplatz der Performance, die Afsâneh Mâhian inszeniert hat, ist eine weitläufige Küche. Die Frauen (Sétâreh Eskandari, Elhâm Kordâ, Bârân Kosari) schneiden Gemüse, kochen, bereiten Kuchen zu. Über den Boden kollern die berühmten persischen Limetten (Loomi), steinharte Wurfgeschosse, die in Eintöpfen ein herrliches, gleichermaßen strenges wie säuerliches Aroma entfalten. Die Früchte wirken wie ein Symbol für eine Kultur, die gleichermaßen anziehend wie schwer zugänglich wirkt. Ihr Schicksal scheinen die drei Frauen mit einem gewissen Phlegma anzunehmen. Selbst wenn sie schreien, klingt das wie Klagen über das Unveränderbare, die Bindung an die Familie und die Verwurzelung in einer mit Gott verbundenen unumstößlichen Ordnung.

Doch meistens lächeln die Schauspielerinnen, während sie von den schrecklichen Schicksalen dieser Frauen erzählen, in deren Leben sich 37 Jahre iranische Geschichte seit der Islamischen Revolution 1979 widerspiegeln: der Sturz des Schah, die Rückkehr von Ayatollah Khomeini aus dem Pariser Exil und die Etablierung eines Regimes, in dem die Geistlichkeit bis heute die Oberhand hat. Die immer wiederkehrenden, aber bis heute im Grunde vergeblichen Versuche, mehr Freiheit für den Einzelnen, speziell für die Frauen, zu gewinnen, scheitern.

Im Westen fragt man sich oft, warum, aber eine Ursache ist wohl die Verbundenheit mit jahrhundertelangen Traditionen, ein gesellschaftlicher Gegenentwurf zum Leben in den USA oder in Europa. An diese unüberbrückbare Kluft erinnern etwa die Cartoons von Marjane Satrapi („Persepolis“), aber auch diese Aufführung. Sobald eine der drei Frauen einen Fluchtversuch wagt, wird sie von der Gesellschaft zurückgerissen, scheint alsbald selbst von Zweifeln heimgesucht und resigniert. Leyla, die Bergsteigerin, die am weitesten kommt, stürzt ab, ihr letzter Blick gilt dem Gipfel, den sie erreicht hat, fast scheint sie erleichtert zu sein über das Ende. Der Preis des Sieges ist der Tod, nicht nur des Öfteren für Bergsteiger, auch für Systemflüchtlinge. Dieser Fatalismus hat auch etwas Irritierendes, die Ergebung in das Elend mit einem Lächeln ist dem Westler fremd.

Was stört: der monotone Frontalvortrag, der aus dem Iranischen ins Deutsche übersetzt wird, sodass man praktisch ein Hörspiel mit Laufband vorgesetzt bekommt. Der statische Spielstil ist vermutlich beabsichtigt, diese Frauen leben in einer Welt, in der sie weder sich noch etwas bewegen können, sie müssen sich ständig auf ihre Umgebung konzentrieren, dürfen nicht ihr Gesicht verlieren. Autorin Mahin Sadri und Regisseurin Afsâneh Mâhian wurden in den 70er-Jahren geboren, sie erzählen von ihrer Lebenszeit und von Frustrationen, die das Regime ihrer Generation bescherte. Starker Schlussapplaus nach 100 Minuten ohne Pause.

„Die Anpassung“ ist noch am 15. und 16. Juni im Wiener Museumsquartier zu sehen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.06.2016)

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