Wiener Festwochen: Zu Gast bei Gastarbeitern

"Bed and Breakfast" bei den Festwochen: Wiener Gastarbeiter laden Besucher ein, bei ihnen zu übernachten. Ein originelles Integrationsprojekt des bildenden Künstlers Alexander Nikolic.

Wiener Festwochen Gast Gastarbeitern
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Symbolbild Nächtigung – (c) FABRY Clemens

Ich bin schwul. Als Homosexueller kann ich mich in Belgrad nicht outen. Es ist nicht verboten, aber schwierig. Ich möchte in meiner Beziehung wachsen und ein normales Leben führen. Darum bin ich nach Österreich gegangen, natürlich auch wegen der Arbeit.“ Saša (33) ist Molekularbiologe und arbeitet bei einer Pharmafirma. Mit seinem Partner, dem Literaturwissenschaftler Uroš (35) – die beiden haben gebeten, nur ihre Vornamen zu nennen –, wohnt der Unternehmersohn aus Belgrad im zweiten Bezirk in der Rembrandtstraße, unweit der City. Ab 28.Mai werden die beiden ungewohnten, aber keineswegs ungebetenen Besuch bekommen. Die Wiener Festwochen haben heuer ein Projekt namens „Bed and Breakfast“ im Programm. Mit einem Ticket kann man „Gastarbeiter“ besuchen, mit ihnen plaudern, essen, ausgehen, bei ihnen übernachten – und frühstücken.


Rat mal, wer zum Essen kommt. Der bildende Künstler Alexander Nikolic (37) hat die „Uraufführung“ für die Schiene „forum festwochen ff“ konzipiert, die sich heuer der „Generation (Ex) Yu“ widmet. Nach dem Krieg in Jugoslawien Ende des letzten Jahrhunderts sind auch die Volksgruppen in Wien zerfallen. Nun können sie in direkter Interaktion erkundet werden: „Für mich ist wichtig, dass Kunst nicht Mängel der Politik kompensiert oder sozialarbeiterisch tätig ist, sondern dass sie eigenständig und ohne Mittelsmänner agiert“, sagt Nikolic. Dessen Eltern stammen aus Serbien, er wurde aber in Wien geboren. Minderheiten werden viel zu stark als Problem gesehen, der Zugang sei „paternalistisch“, ständig würden Stereotype von Menschen produziert, mit denen man in der eigenen Nachbarschaft kaum spricht – was oft nicht nur für die ausländischen, sondern auch für die inländischen Nachbarn gilt.

Das soll sich, zumindest für zwölf Stunden, ändern: 20 Haushalte wurden ausgewählt, verschiedene Volksgruppen, verschiedene Bezirke. Der Besucher bekommt einen Stadtplan und eine Telefonnummer und muss sich selbst auf den Weg machen. „Es gibt nicht wie im Theater ein Stück, das man, bequem zurückgelehnt, konsumieren kann, sondern man ist gefordert zu agieren“, betont Nikolic.

Er selbst zeigt seine Kunst hauptsächlich im Internet. Mit zwei Kunststudenten ist der in Wien und im Burgenland aufgewachsene Sohn eines Medizintechnikers in der Ottakringer Koppstraße gerade umgesiedelt: aus einem Büro in eine Kleinwohnung gegenüber. Im bisherigen Automaten-Café an der nächsten Ecke will man bald eine Galerie eröffnen.


Der Krieg und die „Ex (Yu)“-Community. Die Gastarbeiter in Wien haben in den letzten Jahrzehnten starke Umwälzungen erlebt: „Die Migranten, die in den Sechziger- und Siebzigerjahren nach Wien kamen, wurden nur als Arbeitskräfte gesehen“, erzählt Nikolic: „Sie sollten kurze Zeit bleiben, sich sozial und politisch nicht integrieren. Dafür hatten sie ihre Klubs. Die waren Teil der kommunistischen Partei. Da wurden auch die Kinder hingeschickt. Die ganze sozialistische Folklore fand in zig Kellerräumen statt. Da gab es Feste, Musik und Tombola.“ Diese Kultur soll jetzt bei „Bed and Breakfast“ wieder aufleben – beim großen Abschlussfest.

Als Jugoslawien zusammenbrach, war diese Kultur bereits brüchig. Viele Gastarbeiter hatten sich in Wien angesiedelt, ihre Kinder waren hier geboren, gingen zur Schule, sprachen besser Deutsch als die Eltern. Der Zerfall Jugoslawiens entzweite auch die Volksgruppen. Viele Klubs lösten sich auf oder wandten sich dem Nationalismus zu: „Das sah dann so aus, dass die Identität darin bestand, die Muslime rauszuschmeißen.“ Auch zwischen Serben und Kroaten kühlte das Verhältnis ab. Trotzdem „hat sich Jugoslawien in Wien länger gehalten als in Jugoslawien“, so Nikolic.


Integration statt Ghettoisierung. War er selbst von Diskriminierung betroffen? „Ja, schon. Wenn ich mit meiner Mutter im öffentlichen Raum war, habe ich ihr immer gesagt, sie soll Deutsch sprechen, damit man nicht merkt, dass wir Ausländer sind. Vor allem, als wir ins Burgenland gezogen sind, war das wichtig“, erzählt Nikolic.

Wie ist das für die absolut untypischen Gastarbeiter Saša und Uroš? Forscher Saša ist seit sieben Jahren in Österreich, Geisteswissenschaftler Uroš seit drei Jahren. Zunächst lebten die beiden in Innsbruck. Dort sei die Ghettoisierung viel schwächer als in Wien. „In Innsbruck hatten wir unseren Kreis. Wir kannten Leute aus Österreich, aber auch aus Frankreich und Neuseeland“, erzählt Saša: „In Wien kannst du dich ohne Sprachkenntnisse bewegen. Es gibt Bars, Lokale mit serbischer, bosnischer, kroatischer Küche. Du kannst Möbel einkaufen, einen Steuerberater, einen Bankberater finden – ohne ein einziges Wort Deutsch zu sprechen.“

Erst, als er nach Wien gekommen sei, habe er begonnen, sich ernsthaft mit Integration zu beschäftigen, berichtet Saša: „Alle deklarieren sich seit dem Krieg als Serben, Kroaten, Albaner, Bosniaken. Keiner will mit Jugoslawien identifiziert werden. Jugoslawe ist ein Schimpfwort.“ Uroš möchte über diese Situation seine Diplomarbeit schreiben. Saša zog seinen eigenen Schluss: „Für mich ist es wichtiger, was hiesige Politiker über Migranten sagen, als was eine rechts orientierte serbische Politik plant. Mein tägliches Leben ist jetzt mehr auf Österreich bezogen. Es ist für Schwule nicht so toll wie Paris oder New York. Aber ich habe hier als Forscher ganz andere Chancen als in Serbien, und es ist nur sechs Stunden weg von Belgrad. Meine Familie kommt mich besuchen, wir fahren zwei-, dreimal pro Jahr nach Belgrad. Trotzdem verstehe ich jetzt Österreich und Wien als meine Heimat. Ich wohne hier, ich habe mich fokussiert, ich verdiene Geld, ich zahle Steuern. Ich kann meine Liebe leben. Das ist mein Zuhause. Wie es in fünf, sechs Jahren ist, weiß ich nicht.“


Leute kennenlernen. Was erwarten Saša und Uroš von ihren Gästen? „Dies ist eine super Gelegenheit, wie man im alltäglichen Leben Migrationsfragen tatsächlich leben könnte. Wir können zeigen, wer unsere Freunde sind, welche Musik, welche Bücher, welche Filme wir mögen. Wir werden kochen und können über alles Mögliche sprechen. Wir werden künstlich für kurze Zeit Integration auf die Beine stellen“, freut sich Saša. Es hänge natürlich davon ab, wer komme: „Wenn es eine ältere Dame ist, werden wir nicht in die Disco gehen. Wenn ein paar fesche Jungs kommen, dann schon“, grinst er.

Was sind die Wermutstropfen bei der Auswanderung? Bürokratie – und dass er kaum eigenes Geld verdienen kann, sagt Uros. In Innsbruck putzte er in einer Schule. In Wien ist er weitgehend von den guten Einkünften seines Freundes abhängig. Immerhin schreibt er für eine Emigrantenzeitung, die eine Auflage von 120.000 Exemplaren hat. Sein Studium in Belgrad hat Uroš beendet, das Weiterstudieren in Wien ist nicht so einfach. Er muss mehrere Prüfungen machen, seine Diplomarbeit schreiben. Er hofft, später als Journalist arbeiten zu können: „Es geht mir viel besser als anderen Emigranten, weil ich wirtschaftlich halbwegs abgesichert bin – durch meinen Freund.“


Sprachbarrieren. Aber auch für Saša, der jetzt eine kleine Forschergruppe leitet, war nicht immer alles einfach. In der Schule lernte er Deutsch, das interessierte ihn wenig. Später stellte er fest, „dass man alles im Leben, was man gelernt hat, irgendwann brauchen kann“. Die Kollegen bestanden jedoch darauf, Englisch zu sprechen, um die Wissenschaftssprache zu praktizieren. „Also habe ich die ersten zwei, drei Jahre fast nur Englisch gesprochen, dann habe ich wieder mit Deutsch angefangen und festgestellt, das geht ganz flott.“ Über den Krieg wollen die beiden nicht sprechen, sie haben Bombardements erlebt: „Es war eine schwere Zeit“, sagen sie knapp. Auch die Frage, ob Serbien noch immer isoliert sei, bleibt unbeantwortet. Religiös sind sie nicht. Die Heimat ist in der Wohnung vor allem durch schräge Fotos präsent.

Hat es auch Leute gegeben, die keine Festwochen-Besucher empfangen wollen? Und damit ähnlich reagieren wie Österreicher, die keine Migranten in ihre Wohnung lassen würden und auch nicht an sie vermieten? „Es gab eine Familie, die Gäste empfangen wollte, aber nicht konnte, weil sie ein krankes Kind hat, und das braucht absolute Keimfreiheit“, erzählt Projektleiter Nikolic: „Natürlich gibt es auch Leute, die das grundsätzlich nicht wollen. Es gehört eine gewisse Bereitschaft dazu, das traute Heim für Personen zu öffnen, zu denen man sonst keinerlei Kontakte hat. Die Leute wollten wissen, wer kommt da. Als sie gehört haben, das sind die Festwochen, haben sie gesagt: Ok. Außerdem kennen sie mich, teilweise. Wir nehmen die Personalien der Besucher auf. Es gibt im Looshaus (wo die Karten verkauft werden) die Inszenierung eines Reisebüros.“


Geschenke für Tombola gesucht. Was fehlt? „Für die Tombola werden noch Geschenke gesucht.“ Was sagen Nikolics Eltern zu seiner zwischen Koffern, Matratzen, Aschenbechern ziemlich improvisiert wirkenden Künstlerexistenz? „Sie haben mich immer unterstützt“, betont er. Er fährt gerne nach Serbien, aber auch nach Afrika: „Die dortigen Stammeskonflikte erinnern mich an Jugoslawien.“ Geht es „Ex-Yu“ nach der Trennung besser? „Finde ich nicht, alle haben draufgezahlt, fast jede Familie in den letzten 20 Jahren. Sechs Staaten suchen sich ihre Bürger aus. Das ist doch pervers.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.05.2010)

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