Wiener Festwochen: Nackter Wahnsinn vor der Premiere

Theater nach einem Film übers Theater: „Opening Night“ wird bei der Inszenierung von Regisseur Ivo van Hove zu einer unübersichtlichen Show auf der Bühne des Wiener Volkstheaters, die nur am Schluss überzeugt.

(c) Jan Versweyveld / Wiener Festwochen

Es ist heiß, es ist laut, auf der Bühne des Volkstheaters tummeln sich Darsteller, die Schauspieler und ein Produktionsteam für ein Stück irgendwo am Broadway spielen. Auch echte Techniker, die für Ivo van Hoves Inszenierung von „Opening Night“ zuständig sind, sitzen im Hintergrund an einem Tisch, und ein Teil des wirklichen Publikums muss auf einem künstlichen Parkett rechts auf der Bühne gezwungenermaßen Publikum spielen. Für ein paar Minuten verschwindet es sogar hinter einem Vorhang. Die Aktionen auf dem unübersichtlichen Set von Jan Versweyveld, das auch noch als Garderobe und Maske dient, werden auf mehrere Bildschirme und eine riesige Leinwand übertragen, samt deutscher Übersetzung aus dem Niederländischen. Zu viele Reize? Da flippt auch noch der Regisseur (im Stück) aus; er wisse nicht, was er aus dem Drama „The Second Wife“ machen solle, er verstehe es nicht.

 

Großes Kino in Nahaufnahme

Das kann man leider auch für einen Gutteil der fünf Jahre alten Produktion der renommierten Toneelgroep aus Amsterdam und vom NTGent behaupten, die am Dienstag im Rahmen der Wiener Festwochen mit zwei Jahren Verzögerung Premiere hatte: Die Show bleibt über weite Strecken hektisches Getriebe. Chaos am Rande des Nervenzusammenbruchs kurz vor der Premiere eines Stückes ist auch das vordergründige Thema des Films „Opening Night“, mit dem John Cassavetes 1977 reüssierte. Es wird dort brillant in Szene gesetzt, mit Gena Rowlands als Myrtle Gordon, einer kapriziösen, alternden, genialen Diva, für die Leben und Fiktion ineinanderfließen. Sie wehrt sich gegen den Text, legt sich mit Kollegen an, trinkt. Zur Premiere kommt sie schwer alkoholisiert.
Das ist der Stoff, aus dem die Broadway-Träume Hollywoods sind. Nur kann eben van Hoves Dramatisierung mit diesem Film nicht mithalten, obwohl Elsie de Brauw als Myrtle von ihren Fähigkeiten her Rowlands ebenbürtig scheint. Das zeigt sich im Finale der zweieinhalb Stunden, als im Stück die Premiere von „The Second Wife“ gespielt wird, im großartigen Dialog zwischen Myrtle und Maurice (Jacob Derwig). Ihre Gesichter werden in Nahaufnahme auf der Rückwand des Theaters gezeigt – großes Kino aus Holland. Zuvor aber ist dieses ehrgeizige Projekt problematisch. Eine ohnehin schon verschachtelte Geschichte wird durch die Simultaneität schwer durchschaubar. In der Mitte wird geprobt, an den Rändern kommentiert, dazwischen agieren Techniker, und all das wird von zwei Kameraleuten ständig dokumentiert – ein irres Filmset auf der Bühne also. Wenn van Hove im Gegensatz zum Regisseur im Stück weiß, was er will, dann kann er uns nur eines signalisieren wollen: Theater ist der nackte Wahnsinn.
Apropos Blöße: Im Film leidet Myrtle darunter, dass ein Mädchen, welches sie um ein Autogramm gebeten hat, überfahren wird und stirbt. Bei van Hove hört man einen Knall aus dem Off, auf die gläserne Ausgangstür hinten spritzt reichlich Blut. Damit ist es aber nicht vorbei mit diesem Symbol für Jugend und Tod. Diese Nancy (Hélène Devos) irrt als Einbildung der Diva mehrmals über die Bühne, einmal sogar nackt und zuweilen auch willig – ein blühendes Leben, das von Myrtle schließlich erwürgt wird.
Das sind Mätzchen, deren Wirkung im Getümmel rasch verpufft, bei Weitem nicht so intensiv wie das schöne Finale von Myrtle und Maurice, das vor allem durch eines wirkt – Ruhe. Dem Rest des Ensembles ist so viel Muße zuvor allerdings nicht vergönnt: Chris Nietvelt darf als meist wackere Dramatikerin Sarah Schauspielerinnen hassen, der Regisseur (Fedja van Huêt) wirkt hysterischer als die Diva, der Produzent (Fred Goessens) ist für Beruhigungsversuche zuständig, meist vergeblich. Am Ende aber bleibt ein wenig Zeit fürs Spiel mit der Liebe, mit Emotionen in stiller Größe. Die Diva und ihr Partner üben harmonisch das Verbeugen. Schluss, Kuss und „Heart of Gold“.
Letzter Termin im Volkstheater: 26. Mai

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