Oliver Stone: Marihuana, Geschenk der Götter

Nächste Woche startet Oliver Stones Drogenthriller "Savages": Der Regisseur spricht mit der "Presse" über den politischen Wahnsinn und den Rechtsruck der USA und seine Drogenerfahrungen.

Oliver Stone Marihuana Geschenk
Oliver Stone Marihuana Geschenk
Oliver Stone – (c) EPA (ETTORE FERRARI)

Mit „Savages“ haben Sie jetzt einen Thriller vor dem Hintergrund des Drogenkrieges gedreht. Gehen Sie so etwas anders an als Ihre politischen Filme wie „W.“ über Bush?

Oliver Stone: Für mich ist da kein Unterschied. Ich sehe alle Stoffe aus der Perspektive des Dramatikers. Mein Job ist es, die Geschichte unterhaltsam zu machen. Die Herausforderung ist, den richtigen Ton zu finden, damit es glaubwürdig wirkt. Der Film ist dann schon larger than life, aber erst muss ich gründlich recherchieren – wie bei meinen Filmbiografien von Nixon oder Bush. Ich habe mich in den Marihuanahandel eingearbeitet, Pflanzer getroffen, um ihre Mentalität zu studieren. Auch Buchhalter und Computerhacker, die für die Geldwäsche sorgen. Auf der mexikanischen Seite habe ich Kriminelle besucht. John Travolta spielt einen korrupten Drogenfahnder, da habe ich mich bei der „Drug Enforcement Agency“ (DEA) informiert. Ich brauche Grundlagen, um die Landschaft glaubwürdig zu machen – egal, ob bei einem schweren politischen Thema oder einem romantischen Thriller wie hier.

 

Was reizte Sie an Don Winslows Roman?

Winslow berichtete schon über die Drogenkriege der 1960er und 70er, über die mexikanisch-kolumbianische Kokain-Connection und die DEA. Mit „Savages“ spann er daraus eine verrückte Fantasie: Was passiert, wenn das mexikanische Kartell in die USA kommt und die zwei Kulturen aufeinandertreffen – eine tolle Grundlage. Ich mag viele seiner Ideen: Dass ein Soldat von Einsätzen im Irak und in Afghanistan heimkehrt, neue Technik mitbringt und sich damit im Drogenkrieg wiederfindet. Die Brutalität – Köpfe abhacken usw. – wirkt wie aus dem Irak mitgebracht: Die ganze Welt ist immer barbarischer geworden, und der mexikanische Drogenkrieg ist besonders mörderisch. 50.000 Leute sind umgebracht worden, seit Calderon den Krieg militarisiert hat – eine Situation wie in Bagdad! Natürlich ist so etwas wie in „Savages“ nie passiert: Das Kartell kam nie nach Kalifornien. Sie kaufen Land dort, aber sie vermeiden Publicity, also auch Morde, sie wollen unauffällig bleiben: Solange sie nicht auf dem Radar der Öffentlichkeit sind, können sie mehr Geld machen. Und nur darum geht's: das Geld.

Glauben Sie, man könnte dem Drogenkrieg durch Legalisierungen beikommen?

Natürlich! Schon Nixon tat das vor 40 Jahren nicht, als es möglich war. Seither ist das Budget für diesen Krieg immer weiter angeschwollen: eine unaufhaltsame Tretmühle. Wenn ein Politiker eine Beschneidung der Ausgaben dafür forderte, würden sofort irgendwelche Eltern schreien, deren Kinder im Drogenkrieg getötet wurden. Offen gesagt: Es ist wie mit dem War on Terror. Auch der Krieg im Irak und Iran, in Afghanistan, das läuft alles gleich. Es gibt Geld für die Militärbasen: Wie zum Teufel könnten wir es streichen? Da protestieren sofort alle, weil sie dabei mitschneiden. Es geht nur um Eigeninteressen. Niemand hat sich je freiwillig das Gehalt reduzieren lassen. Die Welt geht den Bach runter, solange es den Leuten gleich ist, wie sehr wir die Umwelt verschmutzen. Und immer derselbe beschissene Grund: Jobs. Hoffnungslos!

 

In „Savages“ heißt es, Drogen zu nehmen sei nur eine vernünftige Reaktion auf den Wahnsinn dieser Welt. Stimmen Sie zu?

Total! Was ist geisteskranker? Marihuana zu rauchen oder die Invasion im Irak? Ehrlich gesagt, unser Establishment ist da völlig geistlos. Leute sitzen im Gefängnis, weil sie Marihuana geraucht haben. Wir haben das größte Gefängnissystem der Welt, größer als das von Russland oder China! Die Gefängnisse werden gebaut, weil es Geld bringt. Big money! Die Gewerkschaft der Gefängnisaufseher ist sehr mächtig: Sie wollen mehr Gefangene, damit das Geld weiterfließt. Ebenso die DEA: Mit ihrem 30-Milliarden-Dollar-Budget schicken sie Agenten in die ganze Welt, von Kolumbien über Mexiko in den Mittleren Osten. Da lässt sich der Drogenkrieg leicht mit dem War on Terrorvermischen, gerade in unserer Orwell-Welt. Da schneiden viele mächtige Interessengruppen mit. Der nächste Schritt ist der Narco-Terrorstaat, der alles kontrolliert. Das begann schon mit Noriega: Der war „unser Mann“, unser CIA-Kontakt – bis er die Contras in Nicaragua unterstützte und die Geheimdienste entschieden, er sei ab jetzt ein Narco-Terrorist. So kam es zur Invasion in Panama, nachdem die Mauer fiel. Und wissen Sie was? Dafür wurde eine Friedensdividende versprochen!

Bereuen Sie denn Ihre Drogenerfahrungen?

Das bereue ich nicht, ich habe daraus gelernt. Nach dem Vietnam-Krieg war es nichts Ungewöhnliches, und ich bin einige Dämonen wieder losgeworden. Ich habe nie Filme über Drogenabhängige gemacht – außer man zählt Al Pacino als „Scarface“! Drogen sind bei mir nur der Mechanismus, der die Handlung in Gang setzt. Filme wie „Requiem for a Dream“ sind nicht mein Ding. Mich interessieren Geld und Macht.

 

Bald startet Ihre neue Fernsehserie „The Untold History of the United States“.

Ja, im November: Sie dauert zehn Stunden, dazu erscheint ein Buch von 800 Seiten. Das Ambitionierteste, das ich je gemacht habe: eine Geschichte der USA aus linker Perspektive. Ich will Sachen zeigen, die man bei uns nicht in der Schule lernt. Eine alternative Sicht auf unsere Historie. Am Anfang geht es um die Gründe, warum Harry Truman die Atombombe abwerfen ließ – und warum er das nicht hätte tun sollen!

 

Würde Sie ein Film über Obama reizen?

Nicht wirklich, aber er kommt in der „Untold History“ vor: Sie werden schon sehen! Obama hat sich einem System angeschlossen, das durch nichts aufzuhalten ist! Das Problem ist das System selbst. Interessanter wäre Reagan, der hat eindeutig am meisten dazu beigetragen. Seit Nixon ist diese Nation immer weiter nach rechts gerutscht – nunmehr völlig! Schockierend für uns, die wir in den 1960ern aufgewachsen sind.

 

Stimmt es, dass Sie bei „Platoon“ mit Ihren Schauspielern Marihuana geraucht haben?

Nein! Nie auf dem Set, da geht es um die Arbeit. Und jeder reagiert darauf anders, es wäre närrisch! Eine Party in der Freizeit wäre was anderes. Ich wäre nur sehr wählerisch, wer kommen dürfte!

 

Aber Sie haben schon gesagt, Marihuana sei ein Geschenk der Götter.

Ja, ein Geschenk der Götter, keine Droge. Sondern eine Pflanze, ein Heilkraut mit medizinischem Wert, das haben Ärzte wieder und wieder bewiesen. Es hilft Menschen mit Schmerzen, und es kann ein spiritueller Segen sein. Aber es liegt an der Person: Manche können alles missbrauchen. Dann steigen sie aufs Motorrad und krachen wo rein!

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.10.2012)

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