Austrokino: Im Ausland geehrt, nun im Kino

Das Doppelporträt „Der Glanz des Tages", die Doku "Meine keine Familie" über das Leben in der Mühl-Kommune und der in den USA gedrehte Episodenfilm "South of Pico" sind nun zu sehen.

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Der Glanz des Tages – (c) Stadtkino

Was ist der Glanz des Tages? Für den obsessiv von Engagement zu Engagement hetzenden Schauspieler Philipp Hochmair ist es der große Moment auf der Bühne, wenn er sich im Publikum spiegelt. Für seinen Onkel, einen gealterten Artisten (Walter Saabel), ist es das ruhige Angeln am Fluss, einen Fisch zu fangen, den er ins Wasser zurückwirft. So macht der international preisgekrönte österreichische Film „Der Glanz des Tages“ von Tizza Covi und Rainer Frimmel einerseits keinen Hehl daraus, auf welcher Seite er steht – andererseits geht es ihm durchaus um ein ausgeglichenes Doppelporträt. Hochmair spielt Hochmair, vielleicht auch sich selbst, als einen Freiheitssuchenden, der sich auf seiner Reise – einsame Textstudien, Rückzug in die Kunstwelt – in die Isolation begibt.

Das Regieduo ist sich dieser Ironie durchaus bewusst, führt Bühnenstar Hochmair in die Maske ein und gewährt Blicke etwa auf eine traumatisierend artistisch anmutende Aufführung der Musicalversion von „Woyzeck“. Erst mit der überraschenden Ankunft seines Onkels sieht er sich verstärkt mit der Wirklichkeit konfrontiert: Dann gibt es Debatten über das Verhältnis von Kunst und Welt und heitere Einlagen wie Messerwurfübungen des ehemaligen Zirkuskünstlers auf die Burgtheater-Plastik seines Neffen. Onkel Walter setzt letztlich auch ein Zeichen, als er beschließt, für die moldauische Nachbarsfamilie die Gesetze zu brechen.

Das Interesse an marginalen Figuren und für das – nicht immer schlüssige – Wechselspiel von Dokument und Fiktion (Saabel ist natürlich nicht Hochmairs Onkel) ist eine direkte Weiterführung der letzten Arbeit von Covi und Frimmel, „La pivellina“, in der sich wiederum Saabel selbst spielte. Für „Der Glanz des Tages“ erhielt der Zirkuskünstler 2012 den Darstellerpreis in Locarno; in Saarbrücken und zuletzt bei der Grazer Diagonale wurde der Film ebenfalls prämiert. Mit ihrer betont bescheidenen, undramatisch konzipierten Zugangsweise haben sich Frimmel und Covi schon länger in einem Segment etabliert, das in der internationalen Festivalszene seinen Platz hat. Ob die intendierte politische Stoßrichtung ihres Films in dieser Sanftheit funktioniert, steht zur Debatte, ihre Produktion ist jedenfalls eine Art des Kampfes: sehr gering budgetiert trotz respektabler Erfolge im Festivalzirkus.

Eine andere Familiengeschichte ist in Paul-Julien Roberts Dokumentarfilm „Meine keine Familie“ zu studieren, der bei der Viennale 2012 den Wiener Filmpreis für die beste Dokumentation erhalten hat. Roberts Ausgangspunkt war eine persönliche Recherche zu seinem (juristischen) Vater, der in Otto Mühls Kommune auf dem Friedrichshof Selbstmord beging. Dabei sichtete er originales Archivmaterial aus der Kommunenzeit, das nun als beeindruckendes Rückgrat von Roberts Langfilmdebüt funktioniert.

 

Otto Mühl, Gott und Monster zugleich

Das Nachvollziehen der Ansätze zum alternativen Lebensmodell weicht dabei im Verlauf des Films der Dokumentation von immer skurriler anmutenden Happenings des zusehends autoritärer agierenden Mühl, der als eine Art Gott und Monster zugleich auftritt. Parallel dazu werden Ex-Kommunarden, darunter Roberts eigene Mutter, zur Faszination des Friedrichshofs und zur Definition von Familie befragt. Die spätere Verurteilung Mühls wegen Unzucht mit Unmündigen wird dabei nicht erwähnt, wiewohl ein traumatisiertes Opfer der sexuellen Einführung Minderjähriger durch Mühl bzw. seine Frau Claudia zu Wort kommt.

Die späte Entschuldigungsrede von Vertretern der ersten Generation löst bei Roberts Mutter sogar ein regelrechtes Blackout aus: Als zeitgeschichtliches Dokument handelt „Meine keine Familie“ letztlich von mangelnder Aufarbeitung. Neben der persönlichen Dimension bleibt auch eine historische über das, was von den Träumen blieb: Die meisten Kommunarden erziehen ihre Kinder heute gemäß dem einst verachteten Modell der brav-bürgerlichen Kleinfamilie.

 

Später Kinostart dient „South of Pico“

Ebenfalls einen Rückblick liefert durch seinen verspäteten Kinostart „South of Pico“, ein bereits 2007 entstandener, damals auf US-Festivals prämierter Episodenfilm des Tirolers Ernst Gossner. Der zentrale Angelpunkt seiner US-deutschen Ko-Produktion – ein Autounfall verknüpft die Geschichten der Figuren – war in der letzten Dekade ein tonangebendes Konstruktionsklischee, international („Amores perros“, „L.A. Crash“) wie national („Heile Welt“).

Gossners eigenfinanzierter Low-Budget-Film mit TV-Stars wie Henry Simmons („NYPD Blue“) oder die durch „Mad Men“ bekannt gewordene Christina Hendricks gewinnt insofern durch den zeitlichen Abstand, seine Sozialquerschnittskizze verzichtet auch auf die versöhnliche Beruhigungspille etwa der Oscar-Episoden von „L.A. Crash“, entkommt aber nicht diversen Drehbuchkrücken. Als Visitkartenfilm ist dieses Debüt aber durchaus respektabel: Inzwischen vollendet Gossner gerade „Der stille Berg“, ein heimisches Dolomitendrama aus der Zeit des Ersten Weltkriegs mit Claudia Cardinale.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.04.2013)

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