Salomonowitz: "Ich will politische Empörung auslösen"

In ihrem neuen Dokumentarfilm "Die 727 Tage ohne Karamo" schildert Anja Salomonowitz den Alltag von binationalen Liebespaaren in Österreich. Die Regisseurin im "Presse"-Interview.

Salomonowitz will politische Empoerung
Salomonowitz will politische Empoerung
Anja Salomonowitz – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Sie bezeichnen Ihre neue Dokumentation „Die 727 Tage ohne Karamo“ als einen „Liebesfilm gegen das Gesetz“. Wie fielen die ersten Reaktionen des Publikums aus?

Anja Salomonowitz: Der Film löst Empörung aus, aber auch Verwunderung über die eigene Unwissenheit zum Thema Fremdenrecht – Gefühle, die sich in Solidarität umwandeln und den Willen, etwas zu verändern. Das ist das schönste, was meinem Film passieren kann.

 

Mit Solidarität meinen Sie Mitleid?

Nein. Mitleid zu erregen war nicht mein Ziel. Wenn du Mitleid empfindest, blickst du von oben herab. Um dich mit jemandem solidarisch zu zeigen, brauchst du aber einen Blick auf Augenhöhe. Ich wollte keinen jammernden Film machen, sondern einen, der rein durch die Aufzählung der Fakten und die Wiederholung dessen, was den Menschen angetan wurde, politische Empörung auslöst.


Um das klarzustellen: Sie sind nicht nur mit den bürokratischen Auswüchsen des Asyl- und Fremdenrechts nicht einverstanden, Sie kritisieren auch die Gesetze selbst?

Ich habe versucht zu zeigen, dass diese Geschichten nicht schicksalhaft passieren, sondern ihnen eine Struktur zugrunde liegt – nämlich die gesetzliche Lage. Daher kommen im Film so viele Betroffene vor. Bei den Interviews, die ich geführt habe, war auffallend, dass gewisse Punkte immer wieder erwähnt werden. Etwa der Irrglaube, dass mit der Hochzeit mit einem EU-Ausländer dessen Einreise und Aufenthaltsgenehmigung geregelt ist. Oder zumindest die Hoffnung, dass es nach der Hochzeit leichter sein wird.


Gibt es immer noch Leute, die das glauben?

Ich dachte zunächst auch, die Ehe schützt vor Ausweisung. Ich wusste auch nicht, dass man einen gewissen Verdienst nachweisen muss. Er besteht aus einem Grundeinkommen von 1300 Euro im Monat. Hinzu kommen die Miete und pro Kind 130 Euro. Bei zwei Kindern und einer Miete von 600 Euro bist du schnell bei 2200 Euro, die du verdienen musst, damit die Aufenthaltsgenehmigung deines Partners verlängert wird. Das sind absurde Regeln, die existenzbedrohend sind. Viele Österreicher müssten auswandern, wenn sie von diesen Gesetzen betroffen wären.


Sie sagen, dass jeder in das „Hamsterrad“ des Fremdenrechts geraten kann. Fast so, als wüssten die Leute nicht, worauf sie sich da einlassen.

Tun sie auch nicht. Die Hürden und Stolpersteine zeigen sich erst später.


Viele wissen es und lassen die Finger davon. Man könnte sagen, Ihre Protagonisten haben sich ihre Situation selbst eingebrockt.

Nein, ihre Situation wird durch die gesetzliche Lage produziert. Diese Menschen sind für das, was ihnen widerfahren ist, nicht verantwortlich.

Weil man sich nicht aussuchen kann, in wen man sich verliebt?

Das auch.


Auch wenn Sie die Frage implizit schon beantwortet haben: Die Asyl- und Fremdengesetze sind Ihnen ein Dorn im Auge?

Natürlich. Ich stelle das sogenannte Fremdenrecht grundsätzlich infrage. Zwei Menschen lernen einander kennen und nach sechs Wochen sagt er oder sie: Ich bin illegal, ein Asylwerber. Dann beschließen sie zu heiraten, weil sie nur so die Chance haben, einander näher kennenzulernen. Die Papiere für die Hochzeit aufzutreiben, ist die erste Hürde. Schafft man es doch zu heiraten, gehen die Probleme weiter. Die Fremdenpolizei macht Scheinehekontrollen, was eine sehr peinliche Erfahrung ist. Sie fragt Kinder, die die Tür aufmachen, ob sich Mama und Papa manchmal ein Bussi geben, stellt Fragen nach dem Menstruationszyklus oder der Farbe der Bettwäsche beim ersten Sex. Hinzu kommen teure Deutschkurse, das Einkommen, Briefe, Vorladungen, Angst.


Was ist falsch daran zu prüfen, ob eine Ehe nur zum Schein eingegangen wurde?

Falsch daran ist, seine Liebe dem Staat nachweisen zu müssen. Was würde passieren, wenn jede Ehe darauf überprüft wird, ob die beiden Ehepartner auch wirklich miteinander schlafen? Was, wenn sich bei einer Hochzeit herausstellt, dass eine Person finanzielle Vorteile daraus zieht? Ehen bestehen oft auch aus einem Arrangement.

Dann halten Sie Scheinehen für in Ordnung?

Manche Scheinehen sind jedenfalls liebevoller als viele Beziehungen von Liebespaaren. Ich erzähle Geschichten, ich mache keine Gesetze. Ich kann Ihnen Geschichten von Menschen erzählen, die einst nur noch durch eine Scheinehe vor der Deportation nach Auschwitz bewahrt wurden. Ich kann von heutigen Scheinehen berichten, bei denen einer den anderen nicht verlässt, weil der Partner sonst in ein Kriegsgebiet gebracht werden würde, wo ihm nach dem Leben getrachtet wird.


Viele machen es einfach nur für Geld. Und nicht, um jemandem zu helfen.

Diese Scheinehen, die Sie meinen, kommen sehr selten vor. 2012 waren es neun Aufenthaltsverbote aus diesem Grund. Der Aufwand, den die Polizei betreibt, um dem vorzubeugen und mit dem andere drangsaliert werden, steht in keinem Verhältnis dazu.

Die neun Fälle sind die Überführten. Die Dunkelziffer dürfte viel höher sein.

Ich kann nur von den Fakten ausgehen.


Ich habe vor Kurzem jemanden interviewt, der seit Jahren illegal in Wien lebt. Er stammt aus der Türkei und hat behauptet, politisch verfolgt zu werden, um Asylwerberstatus zu erlangen. In Wirklichkeit war er nur arm und ohne Perspektiven. Nach dem negativen Bescheid ist er untergetaucht. Seither will er durch die Ehe mit einer Österreicherin erreichen, dass er in Wien bleiben darf. Auch wenn es eine Scheinehe ist. Für ein solches Vorgehen haben Sie Verständnis?

Da er ohne Eheschein ausgewiesen wird, ist es logisch, dass er eine Ehe anstrebt. Was soll er also machen?


Er hätte in der Türkei bleiben können.

Er ist aber gekommen, weil er in der Türkei kein Geld verdienen konnte.

Viele Österreicher haben dafür kein Verständnis. Sie sind der Meinung, dass nicht jeder, der mit seiner wirtschaftlichen Situation unzufrieden ist, mit Märchengeschichten in Österreich um Asyl ansuchen kann. Was sagen Sie diesen Menschen?

Ich sage: Sie sollen Qualitätszeitungen lesen und sich von rechten Hetzern fernhalten. In unserem Land werden Menschen einem Terror ausgesetzt, der rassistisch ist. Nicht nur aus der Geschichte des letzten Jahrhunderts heraus, sondern aus purer Menschlichkeit müsste man das sofort abstellen.


Das mit der Menschlichkeit ist so eine Sache. Viele, die Sympathie für die Anliegen der Besetzer der Votivkirche hatten, waren sehr irritiert, als sich einige von ihnen als Schlepper entpuppt haben.

Das war nur Wahlpropaganda. Die Menschen aus der Votivkirche kämpfen für ein besseres Asylrecht, qualitätsvolle Verfahren und schlussendlich für ein Leben in Frieden. Für mich sind sie bewundernswert.

Die Schlepper auch?

Nicht nur für Politiker, auch für Asylwerber gilt die Unschuldsvermutung. Außerdem sind das keine Schlepper. Schlepper ist ein dehnbarer Begriff. Laut Definition bin ich schon ein Schlepper, wenn ich mit meinem illegalisierten Ehemann von Oberösterreich nach Passau auf ein Konzert fahren will.

Die Rede ist von organisierter Kriminalität, einem internationalen Geflecht.

Über dieses nebulöse „internationale Geflecht“ wird gesprochen, um den Unmut der Menschen zu erregen. Übrigens: Weil es diese Gesetze gibt, gibt es auch Menschen, die derartige Macht über andere haben. Natürlich ist der Mann, der andere ausnützt, ein Arschloch, aber er kann nur deswegen Geld von ihnen verlangen, weil sie nur im Kofferraum einreisen können.


Interessanter Standpunkt. Heißt das, ein Schlepper kann vor Gericht mildernde Umstände fordern, weil ihn das System so weit getrieben hat?

Das habe ich nicht gesagt. Manche Schlepper sind gewissenlose Mörder. Dennoch profitieren sie von der Notlage vieler Asylwerber und von Asylgesetzen, die so eine Kriminalität ermöglichen. Und ja, viele, die als Schlepper beschimpft werden, werden nur durch die Asylgesetze dazu.

Das könnte man auf viele Lebenslagen übertragen. So gesehen wären viele Täter eigentlich nur Opfer des Systems.

Zur Schuldfrage: Die Menschen in meinem Film haben mir erzählt, dass sich ihr bürokratischer Kampf anfühlt wie ein Rennen gegen eine unsichtbare Mauer, weil nie jemand verantwortlich ist. Die Beamtin in der MA 35 hat nur den Stempel aufgedrückt, ein anderer nur den Zettel ausgedruckt, im Innenministerium wurde nur der Punkt gemacht. Dadurch schützt sich das System und bleibt doch allgegenwärtig. In Wirklichkeit liegt die Verantwortung bei jedem Einzelnen – und zwar nicht nur bei den exekutierenden Beamten, sondern bei unserer Gesellschaft.

Anmerkung der Redaktion:

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.09.2013)

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