„Soldate Jeanette“: Ausbrechen aus dem Austro-Kino-Klischee

Kampf (mit) der Krise: Daniel Hoesls Debütfilm „Soldate Jeanette“ und Peter Schreiners „Fata Morgana“.

„Soldate Jeanette“
„Soldate Jeanette“
„Soldate Jeanette“ – Filmfestival Rotterdam

Braucht es eine Verschwörung, um dem Diktat der Förderstellen zu entkommen? „European Film Conspiracy“ heißt das Kollektiv hinter Daniel Hoesls heimischem Debütfilm „Soldate Jeanette“, der heuer auf internationalen Festivals reüssiert hat, in Rotterdam preisgekrönt wurde.

Dem stark drehbuchorientierten Fördersystem, das oft – von Fernsehauflagen verstärkt – gleichgeschalteten Euro-Einheitsbrei produziert, halten Hoesl und Mitstreiter eine Billigalternative entgegen. Um 65.000 Euro produziert, mit einer Excel-Tabelle von Szenenbeschreibungen statt eines Skripts improvisiert, ist „Soldate Jeanette“ selbst die Geschichte einer Verweigerung: Inhaltlich dreht man bourgeoisen Institutionen eine lange Nase, während die Ästhetik gutbürgerlichen Kunstkinos kanalisiert und gelegentlich parodiert wird. Die Theaterschauspielerin Johanna Orsini-Rosenberg ist ein Idealtyp für die Hauptrolle: Als Fanni ist sie abwechselnd aristokratisch und hantig – aber vor allem hat sie irgendwann genug.

Die Eröffnungsszene mit Gerald Matt als übertreibendem Designermode-Verkäufer muss man aushalten (einige Szenefiguren spielen Nebenrollen), immerhin wirft Fanni die Einkäufe gleich in den Altkleidercontainer. Später wird sie kurzerhand Geld anzünden: Auch wenn der Soundtrack von Klassik zu Spätwerken der deutschen New-Wave-Musikerin Bettina Köster („Die tödliche Doris“) reicht, scheint letztlich Hamburger Diskurspop näher zu liegen: „Schillernd wie süße Geldzerstörung“ sangen Cpt. Kirk &. schon 1992 auf ihrem Album „Reformhölle“.

Weniger als Reformhölle denn als ironische Konzeptkunst erlebt Fanni ihre Befreiung über Gegensatzpaare: Nachdem sie einen Frauenfilm des Hoesl-Idols Jean-Luc Godard verschläft, geht es von der Stadt aufs Land, wo die arme Anna (Christina Reichstaler) zur Freundin im Unzufriedensein wird, Aufbruch ins Ungewisse inklusive. Geeint wird „Soldate Jeanette“ durch eine kühle, stringente Bildsprache – in Kameramann Gerald Kerkletz hat Hoesl einen kongenialen Mitverschwörer. Ob der modische Rebellen-Gestus, samt Selbststilisierung des Regisseurs in Dandy-Pose, zum Ausbruch aus Austro-Kino-Klischees reicht, bleibt auch offen.

 

Eine existenzielle Erfahrung

Der österreichische Sensibilist Peter Schreiner arbeitet schon seit über drei Dekaden an ganz persönlichen Gegenentwürfen, die sich nicht durch ein simples Dagegensein definieren, sondern durch ein rigoroses Suchen, mit Resultaten, die abwechselnd schroff und unglaublich zartfühlend sind. Mit „Fata Morgana“ hat er einen seiner monumentalsten Entwürfe vorgelegt: Die Figuren dieses (Seelen-)Landschaftsfilms durchqueren die libysche Sahara und die Lausitz und debattieren über die letzten Dinge. Außen- und Innenwelt spiegeln einander in monolithischen Panoramen und Nahaufnahmen. Auch das ein Film zur Krisenzeit – und eine existenzielle Erfahrung, gerade auf der Riesenleinwand. „Fata Morgana“: 7., 9., 13. 10. im Gartenbau; „Soldate Jeanette“: ab 4.10. in diversen Kinos.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.10.2013)

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