Banalität der Hölle: Himmler-Doku hatte Premiere in Berlin

„Der Anständige“ beruht auf dem Fund von 276 Briefen Heinrich Himmlers und seiner Frau.

Heinrich Himmler, Der Anständige
Heinrich Himmler, Der Anständige
Heinrich Himmler – (c) Wikipedia

Ohne Interviews mit Experten, ohne erläuternde Kommentare, nur mit Archivmaterial und den Stimmen von Tobias Moretti und Sophie Rois, die die Briefe von Heinrich und Marga Himmler lesen: Die israelische Regisseurin Vanessa Lapa hat ihren Dokumentarfilm „Der Anständige“ bewusst karg inszeniert. Er wurde am Sonntag bei der Berlinale erstmals vorgeführt, in Anwesenheit u. a. von Moretti, Rois, Filmfinancier Martin Schlaff, Oscar-Preisträger Stefan Ruzowitzky und ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz. Der ORF hat als einziger deutschsprachiger TV-Sender den Film mitfinanziert, er wird ihn im Herbst zeigen, nicht, wie zunächst geplant, noch im Februar.

David Lapa, der Vater der Regisseurin, hat die Sammlung der Himmler-Briefe 2006 aus dem Nachlass eines israelischen Staatsbürgers namens Chaim Rosenthal gekauft, der sie in seinem Schlafzimmer in Tel Aviv unter seinem Bett versteckt hatte. Wie die Briefe, die US-Soldaten nach Kriegsende aus Himmlers Haus in Gmund am Tegernsee mitgenommen hatten, in Rosenthals Besitz gekommen waren, ist bis dato nicht sicher geklärt. Lapa begann 2007 mit der Recherche in über 180 Archiven, die Briefe wurden u. a. vom deutschen Bundesarchiv auf Echtheit geprüft. Die deutsche Zeitung „Die Welt“ hat sie bereits auszugsweise publiziert.

Buch von Katrin Himmler

„Nachdem Vanessa Lapa damit zu mir gekommen war, habe ich mich zuerst vergewissert, dass ich nicht in eine ,Schtonk 2‘-Falle tappe“, sagt Felix Breisach, der für den ORF den Film koproduzierte, in Anspielung auf die Veröffentlichung vermeintlicher Hitler-Tagebücher im „Stern“ 1983. Über die Himmler-Briefe meint Breisach: „Dieser Fund schreibt zwar nicht die Geschichte des Holocaust neu, aber er eröffnet eine neue Dimension. Der darauf beruhende Film lässt uns die Perfidität dieses Mannes spüren und sehen, wie aus einem ganz normalen Menschen ein Massenmörder werden kann.“ Es sei „erschreckend und erstaunlich, wie banal die Hölle sich nicht nur darstellt, sondern wie banal sich das Inferno der Unvorstellbarkeit einfügt“.

Bei der Premiere anwesend war auch die Politologin Katrin Himmler, eine Großnichte Heinrich Himmlers, die sich mit den Themen Rassismus und Interkulturalität befasst und 2005 das Buch „Die Brüder Himmler. Eine deutsche Familiengeschichte“ veröffentlicht hat. Sie hat das Material mit dem Historiker Michael Wildt zum Buch „Himmler privat. Briefe eines Massenmörders“ verarbeitet. Vom Film und von der Zusammenarbeit mit Lapa zeigte sie sich begeistert. (APA/red)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.02.2014)

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