Porno: Die "Befreiung" der Bilder garantiert noch keinen Freigeist

Die Kampagne zu Lars von Triers "Nymphomaniac" ist sensationell – wie der Film selbst verweist sie auf die skandinavische Sexfilmwelle, aus der das Goldene Zeitalter des Porno-Films hervorging.

Nymphomaniac Werbekampagne
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Nymphomaniac Werbekampagne – Filmladen

Um die Plakatkampagne zu Lars von Triers „Nymphomaniac“ sensationell gut zu finden, muss man den historischen Kontext nicht kennen. Die Poster zum Film zeigten das gleiche Motiv in 14 Variationen: ein Gesicht beim Orgasmus. Von Hauptdarstellerin Charlotte Gainsbourg bis zu Gaststars wie Udo Kier (natürlich mit der lustigsten Grimasse) warfen sich die Schauspieler in eine Pose, die einen berühmten skandinavischen Kinomoment zitiert: In einer Schlüsselszene des dänischen Films „Ich, eine Frau“ (1965) lässt sich die als Krankenschwester tätige Titelheldin von einem Patienten verführen.

Sie zieht sich aus, der Mann beginnt sie zu streicheln, es folgt die lange Großaufnahme, die Darstellerin Essy Persson zur Sexikone gemacht hat: Zu sehen ist nur ihr Gesicht, auf dem sich ihr Orgasmus spiegelt. Das Bild kam auch damals aufs Poster – und der freizügige Film wurde zum Welterfolg und Wegbereiter eines sexuell revolutionären Umbruchs, als schrittweise die Zensurschranken fielen, nachdem vor allem das skandinavische Kino deutliche Leinwanderotik salonfähig machte. Pornografie ist schon aus Definitionsgründen immer eine Frage des Kontexts: Als sie 1969 – zunächst in den Niederlanden und Dänemark – legalisiert wurde, gab es kein Zurück.

„Ich, eine Frau“ gehört noch in die erste Phase der skandinavischen „Sensationsfilm“-Welle: Nacktheit wurde darin geschmackvoll inszeniert, Sex eher impliziert. Die Handlung war im Prinzip die gleiche wie bei „Nymphomaniac“: Nach einem anonymen autobiografischen Bekenntnis-Bestseller ging es um die sexuelle Selbstfindung eines Mädchens aus puritanischer Familie. Im Zuge der Eskapaden erkennt sie, dass sie nicht einen Mann will, sondern alle Männer – am Ende lacht sie ihrem Vergewaltiger hysterisch ins Gesicht. Die filmunerfahrene Darstellerin Essy Persson wurde als Verkörperung eines modernen, urbanen Frauentyps gewählt, der Coup ging auf. Zuvor ist Skandinaviens Sexfilmwelle mit ländlich-natürlicher Nacktheit angerollt. Auch Filme von Ingmar Bergman wurden gerade in Übersee zu Exporterfolgen: Reißerische Kampagnen verkauften seriöse Werke als Sexfutter.


Erregung um den nicht erregten Penis.
Die endgültige Explosion kam 1967 mit „Ich bin neugierig (gelb)“: Der Schwede Vilgot Sjöman kreuzte semidokumentarisch politischen Protest mit Sex. Oralverkehr und ein (nicht erigierter) Penis sorgten für Zensurfragen, Obszönitätsurteile und Kassenrekorde. Zuerst über den Umweg „belehrender“ Dokumentationen eroberte der nicht simulierte Geschlechtsakt die normalen Kinos: Der reguläre Vertrieb des kargen Pionierwerks „Mona, the Virgin Nymph“ von US-Produzent Bill Osco läutete 1970 für gut eine Dekade das Goldene Zeitalter des Pornofilms ein.

Der Zeitgeist verhieß ein neues, befreites Lebensgefühl, „Porno Chic“ war die Devise: Zum Top-Ten-Hit wurde die Fellatio-Komödie „Deep Throat“ (1972) nicht dank einsamer Männer in Regenmänteln, sondern als angesagtes Date Movie für Paare – die lustvolle Heiterkeit des Films half, den Graben zu überwinden. Pornografie entstieg endgültig der Anonymität als (semi-)klandestines Gewerbe und wurde zur kommerziellen Industrie: Die „Deep Throat“-Oralkünstlerin Linda Lovelace wurde erste Vertreterin des (fast exklusiv weiblichen) Starsystems im Porno.

Kurz gab es neben der Ausschlachtung des Trends aber auch die Option für ein so ernsthaftes wie explizites Kino. Wie die psychedelische Porno-Utopie „Behind the Green Door“ (1972), mit der die Brüder Jim und Artie Mitchell Marilyn Chambers zum Star machten, um sie bei „Resurrection of Eve“ (1973) ins Zentrum eines durchgearbeiteten Dramas zu stellen, das die Selbstverwirklichung einer Ehefrau durch expliziten (Swinger-)Sex positiv als Unabhängigkeitsprozess begriff. Chambers spielte bald bei David Cronenberg („Rabid“, 1976), es gab damals wenig Berührungsängste zwischen Sexbranche und Mainstream.


Von Jean Gabin nahtlos zum Porno.
So wechselte in Frankreich ein Regisseur wie Claude Bernard-Aubert nahtlos von Starvehikeln wie „Die Affäre Dominici“ (1973) mit Jean Gabin zu Pornos, die er als Burd Tranbaree zeichnete. Kultregisseur Jean Rollin finanzierte seine fantastischen Filme durch Pseudonym-Hardcore-Lohnarbeit, der Sexspezialist Francis Leroi inszenierte zwischendurch ein kleines Meisterwerk mit der Lovecraft'schen Fabel „Der Dämon der Insel“ (1983) – die Videokassetten seiner Pornos wurden mit „vom ehemaligen Regieassistenten Claude Chabrol“ beworben. Indessen lancierte die berühmte Porno-Aktrice Brigitte Lahaie eine Parallelkarriere im Mainstream mit dem Thriller „I wie Ikarus“ (1980) oder dem Actionfilm „L'exécutrice“ (1986) von ihrem vormaligen Sexspielleiter Michel Caputo.

Auch in Skandinavien waren die Grenzen fließend: Von Triers Darsteller-Coach und gelegentlicher Ko-Regisseur, Morten Anfred, ist ein Veteran der Sexfilmwelle, ebenso Schauspieler Stellan Skarsgård oder Regisseur Gabriel Axel, später für „Babettes Fest“ Oscar-prämiert. Bekannte Stars spielten u.a. in den dänischen „Astrologie“-Pornokomödien wie „Im Zeichen des Stiers“ (1974), die populäre Schlager wurden (und Videohits bleiben): Ihr Bauernschwank-Humor übertrumpfte den Zwischendurch-Hardcore.

Aber Marktführer wurde nach einigen Präzedenzurteilen rasch die USA. Produzent Osco setzte nun erfolgreich auf eine Comedy-Strategie: Die Parodie „Flesh Gordon“ (1974) musste es beim Softcore belassen, „Alice in Wonderland“ (1976) war dann ein fröhlich-bizarres Porno-Musical. „Deep Throat“-Regisseur Gerard Damiano sah sich zu Recht als Künstler: „The Devil in Miss Jones“ (1973) enthielt mindestens soviel Jean-Paul Sartre wie echten Sex und war an der US-Kassa erfolgreicher als der Bond-Film „Leben und sterben lassen“. Radley Metzger, als Importeur von „Ich, eine Frau“ reich geworden, lieferte indes ambitionierten Hochglanz-Hardcore, etwa mit „The Opening of Misty Beethoven“ (1976) nach George Bernard Shaws „Pygmalion“.

Quer durch die Genres wurde mit Porno experimentiert, von „A Dirty Western“ (1975) zur atmosphärischen Schauergeschichte „Through the Looking Glass“ (1976). Aber der Reiz des Neuen verflog, eine andere Ära kam: Mit Videothekenhits wie „Debbie Does Dallas“ (ein genialer Titel, auch wenn die Cheerleader beim Sex-Fundraising nie bis Dallas kommen), 1978 noch auf Film für das Kino produziert.

„Caligula“ (1980) war der imperiale Abgang vor der Video-Ära: Autor Gore Vidal und Regisseur Tinto Brass mussten zusehen, wie Produzent und „Penthouse“-Besitzer Bob Guccione das starbesetzte (Helen Mirren, John Gielgud, Peter O'Toole u.v.m.) Dekadenz-Spektakel mit Porno-Exzessen ausstaffierte. Es galt als Desaster – wurde aber auch ein Kultfilm auf Video. Im Heimgebrauch fand Pornografie ein ideales Schlupfloch vor der konservativen Reaktion der Achtzigerjahre. Die Entscheidung der Porno-Branche war übrigens zuvor ausschlaggebend für den Sieg von VHS über Betamax im Kampf der Videoformate. Im Internet allgegenwärtig, ist Porno heute das „stillste Big Business der Welt“ – geschätzter Jahresumsatz: 97 Milliarden Dollar. Laut Wirtschaftsmagazin „Forbes“ sind vier Prozent aller Websites und zehn bis 15 Prozent aller Suchanfragen pornografischer Natur.

Als Geschäft hat Porno gesiegt, die sexuelle Revolution der Bildproduktion ist wie viele Utopien aus dem 68er-Umfeld ausgeblieben. Die „befreiten“ Bilder sind eben keine Garantie für Freigeist. Im Gegenteil. Wo zur Hochblüte echt umstrittene Explizit-Kunst wie Pasolinis „Die 120 Tage von Sodom“ (1975) und Nagisa Ôshimas „Im Reich der Sinne“ (1976) zum Porno-Renommee beitrug, gibt es auf dem heutigen Markt nur mehr kalkulierte Skandalfilme, von Catherine Breillat („Romance“) bis zu von Trier, dessen Firma Zentropa die einzige Mainstream-Produktion mit Porno-Tochter (namens Puzzy Power) ist.

Über „Nymphomaniac“ schwebt noch ein skandinavischer Sexklassiker: Der Film „Gift“ über die Gefahr einer sexuell entgrenzten Jugend führte 1966 zum Zensurkrieg, weil Regisseur Knud Leif Thomsen Hardcore-Szenen wollte, um den Verfall der Werte zu zeigen – Porno gegen Porno. „Ich bin nicht gegen Pornografie, weil ich sie für ,schädlich‘ halte“, erklärte sich Thomsen, „sondern weil sie eine unvermeidliche Konsequenz des rein materiellen Lebensstils ist.“ Die Geschichte der Pornografie gibt ihm weiterhin recht.

Zur person

Lars von Trier wurde (ohne von) 1956 in Kopenhagen geboren. Schon in der Kindheit plagten ihn Neurosen.

Als Filmstudent ab 1976 gewann von Trier schon mehrere Preise, sein erster Langfilm „The Element of Crime“ lief 1984 gleich im Wettbewerb von Cannes, von Trier erhielt dafür den Großen Technikpreis.

Als Vorzeigeregisseur Dänemarks hat von Trier seither zahllose Preise eingefahren, die Goldene Palme von Cannes erhielt er 2000 für sein Todestrakt-Musical „Dancer in the Dark“ mit Björk.

Als Provokateur gilt er weniger wegen der Filme, sondern wegen der Zwangsneurosen und entsprechenden Äußerungen: Zuletzt löste ein Hitler-Sager in Cannes 2011 einen Shitstorm aus. Seither verweigert von Trier Interviews.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.03.2014)

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