Filmfestspiele Venedig: Das echte Grauen der gefälschten Bilder

Brian De Palma rechnet in „Redacted“ brisant und radikal mit dem Irakkrieg ab. Bisher in Venedig konzeptuell als Einziger in derselben Liga: der exzellente spanische Horrorfilm „Rec“.

(c) Jody Shapiro

„Wenn man zu etwas keine Bilder findet, muss man sie eben selber machen“, sagt der große deutsche Regisseur und Autor Alexander Kluge, der von der Filmmostra Venedig heuer geehrt wird (beide haben einen 75er zu feiern). Die brisanteste Demonstration von Kluges Diktum liefern aber nicht seine eigenen, hauptsächlich aus seiner TV-Arbeit zusammengestellten Festivalbeiträge, sondern ein Wettbewerbsfilm von Hollywoodregisseur Brian De Palma: Dessen Irakkrieg-Abrechnung Redacted spaltet die Meinungen wie selten ein Film. Ihm ist sogar das rare Kunststück gelungen, einen Saal voller Filmjournalisten, die ihre Reaktion sonst nur zu gern in voreiligem Applaus wie Buhrufen kundtun, in ratloser Stille zurückzulassen.


Inszeniertes Dokumentarmaterial

Dabei hat De Palma die (an Berichten über den schrecklichen Tod einer 14-jährigen Irakerin angelehnte) Geschichte von Redacted schon einmal erzählt, im Vietnamfilm Die Verdammten des Krieges, 1989: Ein Trupp US-Soldaten vergewaltigt und ermordet eine Einheimische, ein Rekrut weigert sich mitzumachen und bringt das Kriegsverbrechen ans Tageslicht. Doch diesmal konstruiert De Palma seine Story in Bruchstücken, aus inszeniertem „Dokumentarmaterial“ – dem Videotagebuch eines Soldaten, Aufnahmen von Überwachungskameras und Nachrichtensendungen, Onlinevideos auf arabischen und amerikanischen Homepages, Geständnissen in Blogs. Es ist auf den ersten Blick eine Art YouTube-Gegenentwurf zur offiziellen Weißwäsche – der Titel Redacted bezieht sich auf das, was im US-Medienmainstream als unliebsam „wegredigiert“ wird, immer wieder im Film wird das mit ausgeschwärzten Worten und Bildelementen betont.

Aber die Bilder, die De Palma selber gemacht hat, interessieren ihn nicht bloß als Gegenpropaganda, auch wenn sein Porträt des lähmenden Lebens am Iraker Grenzposten eine klare, vernichtende Bilanz der US-Besatzung zieht: Der dauernde Druck macht die Soldaten zu Zeitbomben, die Explosion ist unvermeidlich.

De Palma, der – lange bevor er zu Unrecht als bloßer Hitchcock-Epigone schubladisiert wurde – in den 60ern als politischer Pamphletist begann, konstruiert die Eskalation simpel (aber nicht unplausibel), wenn er zuerst die ohnehin Gewaltbereiten ausrasten lässt, in Gruppenszenen, die in Leerlauf und Aggression auf das Living Theatre zurückgreifen (auch das verfilmte De Palma). Die Rückkehr von Sixties-Agitprop ist gepaart mit rabiaten Satire-Anflügen; als Einführung dient die gnadenlose Pokerface-Parodie einer Betroffenheitsdoku: Mit dem die ständige Manipulation durch Bilder betonenden Medienmixkonzept wird daraus ein echt böses Bildkonvolut zum Grauen der Gegenwart – das, auch daran erinnern die vielen Web-Oberflächen von Redacted, jeder daheim am Rechner hat.

Wie bieder und veraltet wirken danach Wettbewerbsbeiträge wie das konstruierte Irakdrama In The Valley of Elah von Paul Haggis oder der Scheinproblemfilm Michael Clayton, wo George Clooney als Scherge einer Anwaltskanzlei (im Dienst ach so böser Großkonzerne) die Gewissenskrise kriegt.

Frankreichs Altmeister Eric Rohmer hingegen zieht sich mit dem heiter-lyrischen Schäferstück Les Amours d'Astrée et de Céladon gleich in eine paradiesische Vergangenheit zurück und Japans Regie-Exzentriker Takeshi Kitano spottet allem Wahnsinn, im Versuch, „kubistisches Kino“ zu machen, mit einer Komödie namens Kantoku banzai! – Glory to the Filmmaker! heißt das, und der Ruhm gebührt offenbar dem, der (außer Konkurrenz) im Dada-Delirium schwelgt.

Auch außer Konkurrenz lief jener Film, der es bislang konzeptuell mit De Palma aufnehmen kann: Rec, ein spanisches Horrorstück von Genrespezialist Jaume Balaguero und Paco Plaza, beginnt als Reality-TV, aber diese vermeintliche Wirklichkeit entgleitet schnell in ein Schreckensszenario. Aber das Schrecklichste ist, dass die Kamera einfach immer weiterläuft – weil der Zuseher nie genug bekommen kann.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.09.2007)

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