"Die Reise des roten Ballons": Puppenspielerin in Ekstase

Ab Freitag fliegt der rote Ballon wieder: Im neuen Tribut mit Juliette Binoche und im originalen Klassiker.

(c) Stadtkino

Eine Schulklasse wird beim Ausflug ins Musée d'Orsay von der Lehrerin angehalten, ein Gemälde von Félix Valloton zu interpretieren: Ist „Le ballon“ ein glückliches oder ein trauriges Bild? Nach widersprüchlichen Wortmeldungen plädieren einige kleine Beobachter für einen vernünftigen Kompromiss – ein Teil des Bildes liege im Dunkel, ein Teil im Hellen: Es zeige Glück und Traurigkeit zugleich.

Aus Kindermund liefert der taiwanesische Meisterregisseur Hou Hsiao-hsien damit gegen Ende des Films einen ungewohnt naheliegenden Interpretationsnachsatz zu seinem beiläufigen Paris-Panorama "Le voyage du ballon rouge", ein wenig Doppelbödigkeit lässt der alte Fuchs aber schon mitschwingen: Sein neuer Film ist nicht nur sein erster Europa-Ausflug und freier, ferner Tribut an den Kinderfilmklassiker "Le ballon rouge" (1956) von Albert Lamorisse, sondern auch Auftragsarbeit – eben für das Musée d'Orsay.

Der Froschmann mit der Angel

Quasi nach Auftragserledigung lässt Hou dann überm Nachspann den Figuren eines Puppentheaters das letzte Wort: Zur Aufführung kommt der Höhepunkt eines im Film mehrfach auftauchenden Stücks aus der Yuan-Dynastie (13./14. Jht.) – illustriert wird ein magisches Äquivalent zum hiesigen Sprichwort, dass die Liebe Berge versetzt.

Rührend ist das, weil die Liebe in Hous Film sonst kaum merklich in den gestressten Resten seines Porträts von der Einsamkeit modernen Großstadtlebens lauert. Die geliebte Marionettenkunst dient Hou als Kontrast in seiner französischen Fantasie, die sich mit kleinen Notizen zu Kunst und Leben begnügt: In der Heimat Taiwan war sie im biografischen Meisterwerk Der Puppenspieler (1993) noch Basis tiefgründiger Geschichtsbetrachtung, in der Fremde wird sie Teil eines bemerkenswert umstandslos installierten Reflexionsapparats, mit dem sich Hou in eine andere Kultur projiziert.

Denn die Reise von Hous rotem Ballon hat mindestens so viel mit einer Idee des französischen Kinos zu tun wie mit der Wirklichkeit: Unvermittelt taucht manchmal der klassische, kugelrunde Ballon (teils zu aufdringlichem Klavierklimpern) auf, in einer hübschen Szene demonstriert Hou gar dessen Steuerung – ein Mann, zur späteren digitalen Retusche im froschgrünen Anzug, wandert mit einer Angel vorm Personal.

Die zentrale Position im Ensemble nimmt eine andere filmische Ikone der Grande Nation ein, auch ihr Erscheinungsbild demonstrativ übersteuert: Juliette Binoche, in geschmacklich fragwürdiger Garderobe und mit nachlässig blondiertem Haarschopf, als gestresste Alleinerzieherin und Leiterin eines Avantgarde-Puppentheaters, spielt mit strapaziöser Verve: Das Wechselspiel von Trauer und Glück, das den Film sonst unaufdringlich prägt, steigert sich an ihrer Figur zu bipolaren Extremen. Um sie häufen sich die Konfliktzonen, zwischen beängstigend intensiver, fast hysterischer Ekstase beim Vertonen der Puppen und nicht minder anstrengenden Privatkrisen: Der Gatte ist ausgewandert, einer seiner Freunde ist als Untermieter treppab Monate im Zahlungsrückstand, stellt aber Ansprüche. Es bleibt zu wenig Zeit: Um den Sohn kümmert sich eine höfliche Asiatin, hinter deren neutralem Interesse eine Faszination spürbar ist, die Hous Haltung entspricht – obendrein ist sie Filmstudentin, arbeitet auch an einem Remake von Lamorisses Rotem Ballon.

Raffiniertes Lichtspiel

In der Mischung aus Distanz und Begehren zum Pariser Leben ist auch Absicherung zu spüren: Ungewohnte Ungenauigkeiten gibt es in Hous Auswärtsspiel, etwa in der Handhabung der Crêpes, da helfen noch so viele Projektions- und Reflexionsebenen nicht. Aber wo andere Regisseure derzeit im Zug der Globalisierung ratlos in fremden Filmkulturen und Idiomen stranden – mit dem von Hongkongern inszenierten Hollywood-Horror The Messengers startet Freitag ein krasses Beispiel –, ist die Meisterschaft Hous auch in minderer Arbeit zu erahnen: Allein wie er das enge Apartment vermisst, in ungeschnittenen Einstellungen, deren raffiniertes Lichtspiel Kameramann Mark Lee Pin-bing so subtil gestaltet, dass die Wirkung ans Dokumentarische grenzt, gibt eine Ahnung von Hous Gabe, das Profunde unforciert über Details des Alltags zu vermitteln.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.12.2007)

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