La Bohème: „Schlimm genug, dass sie singen“

Robert Dornhelm dreht eine „La Bohème“ für das Kino – Anna Netrebko und Rolando Villazón sind die Stars des Millionenprojektes.

(c) AP (Miguel Villagran)

Blätterteigpastetchen, Gemüseterrinnen und eine gebratene Ente werden im berühmten Café Momus – realistisch nachgebaut in den Wiener Rosenhügel-Filmstudios – serviert. Das Geflügel wurde Rolando Villazón zum Problem. „Wir haben die Szene ein Dutzend Mal wiederholt, Rolando aß von der Ente – und irgendwann musste er auf die Toilette rennen“, erzählt Anna Netrebko, die Filmpartnerin des Tenors. Sie verkörpert die Mimi in Puccinis „La Bohème“, Villazón spielt den Möchtegerndichter Rodolfo.

Regie führt Robert Dornhelm, der zuletzt die vierteilige Tolstoi-Verfilmung „Krieg und Frieden“ sowie die Dokumentation „Karajan – oder: Die Schönheit, wie ich sie sehe“ (Ausstrahlung zu Karajans 100.Geburtstag im April) drehte. Es ist der erste Opernfilm des österreichischen Regisseurs, und er macht ihn, „um den Sängern Anna Netrebko und Rolando Villazón ein Denkmal zu setzen“. Wobei gerade die Tatsache, dass seine Darsteller singen und nicht sprechen, eine Herausforderung für ihn darstellt. „Schlimm genug, dass sie singen. Ich habe herausgefunden, dass Realismus in dem Genre nicht funktioniert. Die Oper ist eine durch und durch artifizielle Kunstform. Es gab anfangs die Überlegung, den Film in Paris zu drehen, an Originalschauplätzen. Die Idee haben wir aber schnell verworfen – künstlerisch und stilistisch macht es keinen Sinn, mit Sonnenlicht und pseudorealistisch zu arbeiten“, so Dornhelm.


„Sicher kein Zeffirelli“

Und so wird es eine reine Studioproduktion mit einem Setting, wie es auf der Opernbühne kaum mehr denkbar ist: In der aktuell bespielten Halle ist ein Pariser Stadtviertel originalgetreu nachgebaut, in einer anderen Halle kann man eine verschneite Straßenszene begutachten. Auch die Kostüme sind historisch. Möglicherweise ist Netrebkos Kleid etwas stärker dekolletiert als zur Jahrhundertwende üblich, aber der Rest stimmt: Goldhäubchen bei ihr, verschlissenes Künstler-Outfit bei ihm. Ein Kostüm-Film à la Zeffirelli (der die „Bohème“ 1967 drehte) werde es dennoch nicht werden, verspricht Dornhelm. „Ich will Zeffirelli nicht schlechtmachen. Was er für die Oper gemacht hat, funktioniert noch immer. Aber der Film ist mittlerweile etwas verstaubt.“ Die moderne Videofilm-Ästhetik liege ihm fern, so der Regisseur, „aber ich möchte viel mit Licht und Schatten, mit Schwarz und Weiß arbeiten“.

Zumindest um den musikalischen Part muss sich Dornhelm nicht mehr kümmern. Die musikalische Einspielung stammt aus der Aufzeichnung der konzertanten Aufführung der Bohème im April 2007 in der Münchner Philharmonie am Gasteig (Chor und Orchester des Bayerischen Rundfunks, Bertrand de Billy). Um realistisch zu wirken, singen die Darsteller bei den Dreharbeiten dennoch mit – zumindest leise.

Einige von ihnen singen auch zu fremder Stimme: George von Bergen mimt den Maler Marcello (zum Gesang von Boaz Daniel), Adrian Eröd den Musiker Schaunard (zu Stephane Degout), Ioan Holender den Alcidoro (zu Ticiano Bracci). „Ich habe mir die Aufnahmen sehr, sehr oft angehört. Eigenartig ist es schon, zu fremdem Gesang die Lippen zu bewegen“, meint von Bergen.


2000 Euro Tagesgage für Holender

Staatsoperndirektor Holender genießt seine neue Rolle sichtlich. „Ich glaube, die Idee kam von der Anuschka Netrebko. Heute ist mein zweiter Drehtag, und ich habe unendlich viel gelernt. Eine Opulenz herrscht hier, was Zeit und Requisiten betrifft – davon kann die Staatsoper nur träumen.“ Filmregisseure habe er bisher in der Oper gemieden, „doch ab jetzt halte ich es für ausgeschlossen, dass sie in der Staatsoper inszenieren“, sagt Holender mit einem Augenzwinkern zu seinem Cousin Dornhelm. 2000 Euro beträgt die Tagesgage von Holender, drei Tage ist er im Einsatz. „Da arbeiten wir aber zwölf Stunden. Das ist nicht wie in der Staatsoper, wo es fixe Pausen und eine Gewerkschaft gibt.“ Die „zig Wiederholungen“ einer Szene findet er quälend.

Professioneller sehen das die beiden Hauptdarsteller. „Dass wir 17 Mal die gleiche Szene spielen, ist kein Problem. Wir wussten ja, dass das beim Film so ist“, sagt Netrebko. Schwierig seien anfangs Mimik und Gestik gewesen. „Auf der Opernbühne muss man in den Bewegungen übertreiben. Hier nicht. Robert hat uns das beigebracht.“ Es ist das Ende des 14.Drehtages, Halbzeit am Set. Die Stimmung ist gut. Der Regisseur streut seinen Darstellern Rosen, diese wiederum loben seine Arbeitsweise. „Ich war erstaunt, wie sanftmütig Robert ist. Er ist immer guter Laune“, so Netrebko.

Im Mai soll die fünf Millionen Euro teure Großproduktion von Unitel (eine einstige Kirch/Karajan-Gründung) gemeinsam mit der österreichischen MR-Film fertig sein, um möglicherweise beim Filmfestival in Cannes präsentiert werden zu können. In Österreich hat der Film mit Constantin bereits einen Verleih, in Deutschland und Frankreich werden Gespräche geführt. Opernfans müssen sich dennoch nicht fürchten, das Paar Netrebko/Villazón nur noch im Kino zu hören, gab die schwangere Sopranistin Entwarnung. „Wir werden die Oper noch oft gemeinsam singen.“

DER FILM

La Bohème ist eine Produktion von Unitel und MR-Film in Koproduktion mit ZDF, ORF und Classica.

Kinopremiere soll beim Filmfestival Cannes sein (als Special Screening).www.labohemefilm.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.02.2008)

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