10,000 B.C.: Erinnerungen an die Zukunft im Kino

Ein Heldenmythos wie eine hässliche Kinderzeichnung: Roland Emmerich übernimmt sich im Steinzeitspektakel „10,000 B.C.“ und produziert profunde Traurigkeit.

(c) Warner

Am Anfang war das Feuer und mit ihm kam die Legende. Von dieser Kausalbeziehung ist der in Hollywood tätige deutsche Regisseur Roland Emmerich überzeugt, wenn er einmal mehr zur großen Erzählung ausholt: Sein Steinzeitspektakel 10,000 B.C. hat historische Glaubwürdigkeit nicht nötig, ist es doch von Anfang an als Märchen angelegt.

Sobald Omar Sharif (leider nur in der Originalversion) sonor behauptet: „Nur die Zeit kann uns zeigen, was Wahrheit und was Legende ist“, durchsuchen nur ewige Stinkstiefel die Kino-Knochenhäuser nach dokumentarischem Wert.

Der junge D'Leh (Steven Strait) ist einer der besten Jäger des Yagal-Stammes: Wer den Manak (ein Mammut) erlegt, wird mit dem „weißen Speer“ zum Anführer. Für den Steinzeitburschen steht viel auf dem Spiel: Geht er siegreich aus der Jagd hervor, darf er die blauäugige Schöne Evolet (Camilla Belle, am Anfang von Spielbergs Vergessene Welt von Dinosauriern gefressen) zur Frau nehmen – und kann eine alte Familienschuld tilgen.

Denn seit der Vater vor mehr als 20 Jahren den Stamm über Nacht verließ, gilt D'Leh als „Sohn eines Feiglings“. Emmerichs Kino ist erfolgreich, da es einfach ist: Kratzt man die Tricks ab und nimmt man das Genre (Science-Fiction, Monsterfilm, Weltuntergang) weg, dann kommt man zur Ursuppe des Blockbusters: In 10,000 B.C. wird Evolet – außerdem Schlüsselfigur einer Prophezeiung – von einer Reiterhorde entführt, D'Leh eilt hinterher, durchquert Dschungel und Wüste und erwehrt sich diverser Krieger und Kreaturen. Irgendwo warten seelische Reifung und Lebensglück als Heldenziel.

Ein Heros, ein Mentor, eine damsel in distress: George Lucas und Steven Spielberg verkochten diese Zutaten zu Sternenkriegen und Schatzjagden, Emmerich inszeniert sie frei nach Joseph Campbells mythentheoretischem Grundlagentext „Der Heros in tausend Gestalten“. Mitten im Blockbuster hockt immer die abwesende, verlorene oder zerrüttete Vaterfigur. Der deutsche Filmschreiber Georg Seeßlen hat die Spielbergiana auf dieses Thema heruntergebrochen: Im turbulenten Jahr 1968 war der US-Regisseur 22 Jahre alt, seine Generation konnte sich als erste in eindeutige Opposition zu „den Vätern“ bringen.


Präastronautik und Mammuts

Schlummert auch in Emmerichs Katastrophenfilmen ein rebellischer Kern? Hat das „Spielbergle aus Stuttgart“ seine Homosexualität zum Godzilla gemacht, der die bestehende Ordnung zerschlägt? Jenseits vulgärpsychologischer Interpretationen geht es eher ums Einmümmeln in die Ewigkeit: „Erinnerungen an die Zukunft“, Erich von Dänikens Buchtitel, wäre auch eine gute Überschrift für Emmerichs Filmschaffen: Der 52-Jährige hat die Theorien des Schweizer Autors verschlungen, ist selbst ein Anhänger der Präastronautik.

Deren Vertreter glauben, dass insbesondere die Hochkulturen des Altertums außerirdischen Ursprungs sind: Emmrichs Stargate führte Wissenschaftler in ein Paralleluniversum ägyptischer Gottmenschen, in 10,000 B.C. endet die Heldenreise an einer halbfertigen Pyramide. Gülden schimmernde Tyrannen lassen das Monument von Sklaven errichten: D'Leh muss den Herrscher stürzen, um seine Evolet zu befreien.

Emmerichs Filme sind kindlich naiv: Der Regisseur strahlt, wenn er von „seinen“ Säbelzahntigern und Mammuts erzählt, und dass ihm gelungen ist, eine „neue Welt“ zu erschaffen. So wirkt 10,000 B.C.bombastisch zärtlich, entfaltet darin eine profunde Traurigkeit: Emmerich hat sich mit seinem Urzeit-Projekt überhoben, rechnete nicht damit, dass ihm Außenaufnahmen so viel Schwierigkeiten bereiten würden. Monatelang bereinigte er die visuellen Effekte von Fehlern, damit sie „echt“ wirken. Das tun sie immer noch nicht. Es fühlt sich eher so an, als würde man von einem Kind eine Zeichnung geschenkt bekommen, die man trotz guten Willens hässlich findet.

STEINZEITFANTASIEN

Weiter zurück als „10,000 B.C.“begaben sich Victor Mature (als Höhlenmensch Tumak, 1940 im Hollywoodfilm „One Million B.C.“) sowie Raquel Welch (als Tumaks Geliebte, im britischen Remake „One Million Years B.C.“, 1966).

Für „Am Anfang war das Feuer“ holte Jean-Jacques Annaud 1981 den Zoologen Desmond Morris für die Gestik seiner Urzeitler, Autor Anthony Burgess für ihre Laute.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.03.2008)

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