Robin Williams: Ach, Captain, sag', es war doch nur Spaß!

Nachruf. Der große Verwandlungskünstler Robin Williams, der im US-Kino wie auch bei Solo-Auftritten brillierte, wurde nur 63 Jahre alt. Der Oscar-Preisträger soll an Depressionen gelitten haben. In Hollywood ist man schockiert.

FILE AUSTRALIA ROBIN WILLIAMS
FILE AUSTRALIA ROBIN WILLIAMS
Robin Williams – (c) APA/EPA/TRACEY NEARMY (TRACEY NEARMY)

Wenn der Hollywood-Star Robin Williams, der seine Bühnenkarriere in den Siebzigerjahren als Stand-up-Comedian begann, einen Sketch über die Sucht nach Alkohol und Rauschgift spielte, konnte er furchtbar brutal sein. Zu sich selbst. Dann schrie er zum Beispiel bei „Live at the Met", dass er gar keine Probleme habe - und verschüttete zugleich zitternd Wasser aus einem Becher. Dann nannte er Kokain die „Schuppen des Teufels" und schwärmte von dieser „wunderbaren" Droge: „Gebt mir mehr von all dem Zeug, das mich paranoid und impotent macht!" Da brüllte die Menge und klatschte sich auf die Schenkel.

In solchen Momenten aber war Williams, an den sich Freunde in ersten Reaktionen auf den frühen Tod mit 63 Jahren als warmherzig, großzügig und doch auch unnahbar erinnerten, ganz der traurige Clown. Alle im Publikum lachten, während der Spaßmacher längst weinte, ohne dass sie es merkten. Über Jahrzehnte kämpfte er gegen Probleme mit der Sucht. Als sein Freund John Belushi 1982 an einer Überdosis gestorben war, hörte Williams mit dem Koksen auf. 20 Jahre lang war er auch dem Alkohol entwöhnt, bis er 2006 einen Rückschlag erlitt. Trinken aus Angst vor dem Leben. 2013/14 hatte er mit einer TV-Serie wenig Erfolg. „The Crazy Ones" wurde nach nur einer Saison abgesetzt. Noch einmal die Angst vor dem Absturz. Er machte in diesem Sommer erneut eine Entziehungskur, „zur Feinabstimmung". Williams litt seit langer Zeit an schweren Depressionen. Am Montag wurde er in seinem Haus in Tiburon in Kalifornien tot aufgefunden. Nach Angaben der Polizei von Dienstagabend hat sich der Schauspieler erhängt.

Einen Oscar für „Good Will Hunting"

Hollywood verliert einen großen Charakterdarsteller. Er war ein Proteus, ein Genie der Imitation und Verstellung. Seine erste große Rolle im Kino hatte er als Titelheld in Robert Altmans Komödie „Popeye" (1980), die arg verrissen wurde. Dreimal war Williams für den Oscar als bester Hauptdarsteller nominiert - für seine Rollen als Radio-DJ in „Good Morning, Vietnam" (1987), als großherziger Literaturprofessor in „Dead Poets' Society" (1989) und als vom Schicksal derangierter Witwer in „The Fisher King" (1991), die zu seinen besten Filmen gehören. Gewonnen hat er einen Oscar als bester Nebendarsteller: In „Good Will Hunting" (1997) war er als Psychologe überragend, der einem Mathematik-Genie (Matt Damon) hilft, seine emotionalen Probleme zu lindern. Zudem erhielt er unter anderem zwei Emmys, vier Golden Globes und fünf Grammys. Bewundernswert war seine Vielseitigkeit.

Williams glänzte in Familienfilmen, etwa als Peter Pan in Steven Spielbergs „Hook" (1991) oder als verkleidete Haushälterin in der Komödie „Mrs. Doubtfire" (1993). Er sorgte fürs Sentiment in Melodramen, zum Beispiel als Autor in „The World According to Garp" (1982). Er lieh Trickfilmfiguren seine Stimme, seinen Humor, und war zudem ein Meister von Cameo-Auftritten. Der Mann konnte zaubern mit seinem Charme. Die erste große Premiere im Theater hatte er spät, in „Waiting for Godot" (1988), noch später kam er an den Broadway: „Bengal Tiger at the Bagdad Zoo" (2011) spielt nach der US-Invasion im Irak.

Psychopathen und Mörder

Im reifen Alter gab er im Kino Psychopathen, um das Repertoire zu erweitern - den mörderischen Erpresser in „Insomnia", den schwerst gestörten Laboranten in „One Hour Photo", den Finsterling in „Death to Smoochy" (alle drei 2002). Sogar Trash machte er durch seine flinke Beweglichkeit erträglich. Angeblich sollen ihm manche Drehbuchautoren gar keinen Text geschrieben, sondern nur seinen Einsatz markiert haben. Williams erfand so manche Rolle spontan. Er konnte politisch ungeheuer scharf und bissig sein. Da kannte er fast keine Schmerzgrenze. Aber böse war ihm wohl niemand wirklich. Denn am meisten machte sich dieser filigrane Spötter über das eigene Ego lustig.

Williams wurde am 21. Juli 1951 in Chicago als Sohn wohlhabender Eltern geboren. Sein Vater war Manager beim Autokonzern Ford, seine Mutter war ein Ex-Model. Erzogen hat ihn, wie er erzählte, die Nanny. Komödiant sei er nur geworden, damit die Mama auf ihn aufmerksam werde. Nach einer Jugend in Michigan und in San Francisco studierte er in Kalifornien Politologie, schloss dies aber ebenso wenig ab wie Literatur und Drama an der Juilliard School in New York, wo er sich mit dem späteren „Superman" Christopher Reeve befreundete.

Nach Lehrjahren als Kabarettist in Clubs von Los Angeles bis San Francisco wurde Williams durchs Fernsehen landesweit bekannt, trat häufig in Serien wie „The Richard Pryor Show" und „Saturday Night Live" auf. Die surreale TV-Serie „Mork & Mindy" (1978 bis 1982) brachte den Durchbruch, er spielte einen Außerirdischen. Mit dem Ruhm kamen auch die privaten Probleme. Williams gestand einmal, damals zu viel Alkohol, Drogen und Sex gehabt zu haben. Zwei Ehen, aus denen drei Kinder entstammten, scheiterten. Bis zuletzt hat dieser Verwandlungskünstler mit all seiner Energie an mehreren Filmen gearbeitet. Bis zur Erschöpfung.

Reaktionen auf Williams' Tod

US-Präsident Barack Obama: „Er trat in unser Leben als Außerirdischer – aber schließlich hat er jedes Element des menschlichen Geistes berührt. Robin Williams war ein Flieger, ein Arzt, ein Flaschengeist, ein Kindermädchen, ein Präsident, ein Professor, ein Peter Pan und alles dazwischen. Er war einmalig. Er brachte uns zum Lachen. Er brachte uns zum Weinen . . .“
Regisseur Steven Spielberg: „Robin war ein Gewitter an komischem Genie, und unser Lachen war der Donner, der ihn gehalten hat.“
In den sozialen Netzwerken kursieren Fotos von Fans, die sich zum Abschiedssalut auf die Tische stellten: „Oh, Captain, my Captain!“

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