"Katakomben": Das Tor zur Hölle unter Paris

Die Brüder John Erick und Drew Dowdle wollten einen Horrorfilm mit Indiana-Jones-artigem Abenteuereinschlag machen. "Katakomben" ist eine hoch spannende, beklemmende Geisterbahnfahrt, gedreht im Faux-Dokumentationsstil.

(c) Legendary Pictures/Universal Pi

Die alten Hermetiker waren sich sicher: „Das was unten ist, ist wie das, was oben ist, und das was oben ist, ist wie das, was unten ist, ein ewig dauerndes Wunder des Einen.“ Das ist einer der zwölf allegorischen Sätze, die – angeblich – auf der legendären Tabula Smaragdina niedergeschrieben wurden und die als philosophischer Grundstein aller alchemistischen und hermetischen Lehren angesehen werden. Der Makrokosmos spiegelt sich im Mikrokosmos und umgekehrt: „As Above So Below“ ist der Originaltitel des US-Horrorthrillers „Katakomben“ (derzeit im Kino). Eine Archäologiestudentin, ihr Ex-Freund und eine Handvoll junger Franzosen steigen darin in die Unterwelt von Paris hinab. Sie hoffen, dort den legendären Stein der Weisen zu finden, der dem Träger ewiges Leben schenken soll. Tatsächlich aber stoßen sie in den Katakomben auch auf etwas anderes. Man kann es Tor zur Hölle nennen oder eine Tür in das Unterbewusste.

Dreharbeiten an Original-Schauplätzen

Hinter dem Film, der sehr geschickt mit den Konventionen des Genres hantiert, stehen die Brüder John Erick und Drew Dowdle, die auch das Drehbuch geschrieben haben. Die Idee, die Geschichte in den Pariser Katakomben anzusiedeln, kam allerdings von jemand anderem, wie sie im „Presse“-Interview erzählt haben: „Drew und ich wollten einen Horrorfilm mit Indiana-Jones-artigem Abenteuereinschlag machen. Allerdings wussten wir nicht wo, bis Thomas Tull von der Produktionsfirma Legendary auf uns mit der Idee der Pariser Katakomben zugetreten ist. Und als wir dann noch herausfanden, dass der berühmte Alchemist Nicholas Flamel, dem nachgesagt wird, den Stein der Weisen entdeckt zu haben, in Paris begraben wurde und sein Grab eines der ersten war, das in die Katakomben verlegt wurde, ja, da schien dann alles zueinander zu führen.“

Die Dreharbeiten fanden dann auch, jedenfalls zum Großteil, an Original-Schauplätzen statt. Der größte Teil der Katakomben ist der Öffentlichkeit nicht zugänglich: So genannte „Cataphiles“, also Fans der unterirdischen Tunnel, verschaffen sich allerdings illegal Zugang, betätigen sich als Hobbyforscher oder feiern in den Stollen Partys. Durch eine dieser geheimen Einstiegstellen sind auch die Filmemacher in die Welt unter Paris gelangt. „Katakomben“ beginnt als Abenteuergeschichte, die durchaus an die Rätselthriller von Dan Brown erinnert: Scarlett (Perdita Weeks) und George (Ben Feldman, bekannt aus der Hit-Serie „Mad Men“) müssen Hinweise kombinieren, um immer tiefer in das Tunnel-System hinabzusteigen.

 

Mit Stirnleuchte durch die Stollen

„Katakomben“ ist im „Found Footage“-Stil inszeniert. Die Schauspieler mussten mit ihren Stirnlampen die Szenen selbst ausleuchten und zuweilen auch die Kamera halten. Dadurch entsteht eine ziemlich intensive Atmosphäre, eine Ästhetik der Unmittelbarkeit. Die Entscheidung, den Film im gerade im Horror-Genre sehr zeitgeistigen Faux-Dokumentationsstil zu inszenieren, hatte aber auch einen ganz pragmatischen Grund: „Einen Film gewöhnlich zu drehen, wäre in den Katakomben gar nicht möglich gewesen. Es hätte 100 Millionen Dollar und mehr gekostet, all die Lichter und Generatoren nach unten zu bringen.“

Aber auch der Arbeitsweise von den Dowdle-Brüdern ist es entgegengekommen, dass sie auf engem Raum und mit wenig Licht arbeiten mussten: „Unsere Drehbücher sind mehr Jazz als Mozart. Es gibt natürlich einen Anfangspunkt, aber danach möchten wir einfach auch sehen, was passiert, wenn die Schauspieler oder der Kameramann mit dem Drehort interagieren.“

Und es passiert ziemlich viel: „Katakomben“ ist eine hoch spannende, beklemmende Geisterbahnfahrt. Vor allem beeindruckt der Horrorthriller allerdings durch seinen entspannten Umgang mit dem „Found Footage“-Stil. Im Gegensatz zu anderen Vertretern des Genres zieht Dowdle das Konzept nicht orthodox durch. Das Publikum soll nicht immer überlegen müssen, wieso die – laut Drehbuch – von einem der Abenteurer gehaltene Kamera jetzt da oder dort steht und dadurch die Geschichte aus dem Blick verlieren. Der Regisseur ist überzeugt, dass das, was man heute „Found Footage“ nennt und vor allem im fantastischen Film eingesetzt wird, weitaus mehr ist als eine Modeerscheinung. „Jeder schaut sich YouTube-Videos an und alle haben sich an diesen Stil von selbst Gefilmtem gewöhnt. Es ist Teil unserer Bildsprache geworden, und dieser Stil wird sich in Zukunft nicht mehr vorwiegend auf Horrorfilme konzentrieren. Es wird ,Found Footage‘-Kinderfilme geben, zum Beispiel. Dem Publikum ist egal, ob es echt ist oder nicht: Es soll sich nur echt anfühlen. Insofern ist ,Found Footage‘ sicherlich mehr als eine Ästhetik, eher eine neue Art, Geschichten im Kino zu erzählen.“

Auch wenn „Katakomben“ im letzten Drittel die zuvor so eindrucksvoll etablierte Unheimlichkeit gegen durchschnittliche Schreckmomente eintauscht, bleibt unterm Strich einer der besseren Horrorfilme dieses Jahres übrig.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.09.2014)

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