ABBA-Musical: Ein Waterloo der Emotionen

Der Film zum Bühnenerfolg „Mamma Mia!“ hat zwar Stars wie Meryl Streep und Pierce Brosnan, scheitert aber an der Kunst der Künstlichkeit. Ab Freitag.

(c) Universal Studios (Peter Mountain)

Um gleich vorab üblicher Herablassung mit gebotenem Ernst entgegenzutreten: Die popkulturellen Verdienste von ABBA sind unbestreitbar. Zwar ist das musikalische ?uvre der Schweden umstritten, doch prägend: Über 20 Jahre nach dem Ende der Band bewähren sich ihre Melodien noch als Schlüsselwerke der U-Musik des 20. Jahrhunderts.

Dass 1999 eine hauchdünne Geschichte um ihre unverwüstlichsten Ohrwürmer gespannt wurde und das Ergebnis als Musical „Mamma Mia!“ Welterfolge feiern konnte, durfte man bislang als auffällige Fußnote im ABBA-Universum abkanzeln. Nun ist das Singtanzspiel von Phyllida Lloyd, die bereits die Bühnenfassung dirigierte, auf die Leinwand gehievt worden: mit Starschauspielern und „Gute Laune“-Imperativ. Die Story ist, wie bei den meisten Musicals, vorwiegend Bindeschmalz zur Vorbereitung auf die Essenz des Genres: die Musiknummern.

Es geht um Donna (Meryl Streep), eine Frau mittleren Alters, die sich auf einer (frei erfundenen) griechischen Insel mit einer Pension selbstständig gemacht hat. Deren bildhübsche Tochter Sophie (Amanda Seyfried) gedenkt in wenigen Tagen den feschen Sky (Dominic Cooper) zu ehelichen. Bevor in die Zukunft geblickt werden kann, will der blonde Wonneproppen noch in der Vergangenheit aufräumen: Mamas stibitztes Tagebuch macht klar, dass Donna in jungen Jahren kein Kind von Traurigkeit war. Die brennende Frage nach Sophies leiblichem Vater ist so leicht nicht zu beantworten.

 

Spiel mit dem Tanz, Kalkül mit dem Kitsch

Die drei aussichtsreichsten Kandidaten werden zur Hochzeitsfeier geladen: Verwicklungen sind absehbar, es wäre der Grundstock für einen leichten Sommerfilm – doch der löst sich zwischen den Fingern auf. Denn Filmmusicals brauchen vor allem eines: einen Regisseur, der sie kontrollieren kann. Das Spiel mit dem Tanz ist ein gefährliches: Er will den Bildraum erobern, aus Chaos Formen choreografieren und Tempo, Rhythmus, Bedeutung der Songs formulieren. Im besten Fall – in den Inszenierungen eines Vincente Minnelli oder Busby Berkeley – entwickelt sich da ein urtümlicher Rauschzustand beim Zuseher, und transgressive Momente werden möglich: Man „geht mit“, sinnlich und mit dem ganzen Körper – und sei die Musik auch noch so schlecht.

Mamma Mia! hingegen zieht vorbei wie irgendeine weitere romantische Komödie: Lloyd versteht sich kaum auf Grandezza, auf Pomp und Kulissen, eben auf die Kunst der Künstlichkeit. Die idyllische griechische Naturlandschaft muss als Hintergrund reichen, die Musiknummern singt sich das gut gelaunte Ensemble zu wie Dialoge, über allem thront das Kalkül mit dem Kitsch, der nur sein darf, weil man sich gleich wieder davon distanzieren kann. Das enttäuscht, da beim Musical zwingende Beschränkungen des Erzählkinos wie Logik und Nachvollziehbarkeit in Grund und Boden gefeiert werden könnten: In diesem Genre sind schließlich aufklappende Pappendeckelhintergründe oder Interieurs aus Plastikguss normal.

Erst wenn die Geschichte, die doch eigentlich nur bedeutungsloser Vorwand sein sollte, zu Ende erzählt ist, dürfen die Götter im Olymp (man urlaubt ja in Griechenland) zur Eurovisions-Schnulze „Waterloo“ feiern: Die Ladys (Streep, Christine Baranski, Julie Walters) tanzen und singen mit den Gentlemen (Pierce Brosnan, Stellan Skarsgaard, Colin Firth) auf einer Bühne um die Wette – eher aber um die Welt. Links und rechts leuchtet alles, die Discokugel glänzt: Die letzten Minuten sind zweifellos die besten des Films. Für den Rest gilt eine Weisheit von ABBA: „Don't go wasting your emotion!“

CHRONOLOGIE

Das Bühnenmusical„Mamma Mia!“hatte 1999 in London Premiere, genau 25 Jahre nach dem Sieg von ABBA beim Eurovision Song Contest. Die Bühnenshow ging auf Welttournee, es gab auch eine deutsche Version. Bis Dezember 2006 sahen sie über 30 Mio. Menschen, also etwa 11.000 täglich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.07.2008)

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