„Die Schabe ist ein tolles Symbol“

„Ich seh ich seh“ ist ein beklemmendes Psychoterror-Kammerspiel. „Die Presse“ sprach mit dem Regieduo über Kinder, Schaben und den Blick auf die Welt.

Ich seh ich seh
Ich seh ich seh
(c) Ulirch Seidl Film Productions

Ich ist ein anderer, und manchmal kann einem dieser andere ganz schön unheimlich werden: Wenn etwa die Mutter nach einer Schönheits-OP heimkommt und irgendwie nicht mehr dieselbe ist. So ergeht es den eineiigen Zwillingen in „Ich seh ich seh“, dem hervorragenden Spielfilmdebüt von Veronika Franz und Severin Fiala. Dem Regieduo ist ein so beklemmendes wie berückendes Psychoterror-Kammerspiel gelungen, das jene Präzision und Intelligenz aufweist, die man von avancierten österreichischen Produktionen gewohnt ist, sich dabei aber keinerlei Zügel anlegt und völlig rückhaltlos seinem Genre frönt. Das Ergebnis ist im besten Sinne erschütternd und fand international bereits großen Anklang – so wurde der Film etwa von Radius, einem Vertriebsarm der Weinstein Company, für den amerikanischen Markt angekauft; eine Seltenheit im deutschsprachigen Kinobereich.

 

Die Presse: „Ich seh ich seh“ ist ein waschechter Horrorfilm. Österreich hat ja keine sehr reichhaltige Horrorkino-Tradition – was hat Sie an dem Genre gereizt?

Veronika Franz: Wir wollten einen Film machen, den wir uns selbst anschauen würden. Ich will mich als Kinozuschauer nicht wie im Theater distanzieren können, ich will überwältigt werden, mitschwitzen, mitweinen, mitzittern – und wenn diese Erfahrung zu Ende ist, kann ich mir Gedanken darüber machen, ob das jetzt mehr war als nur eine Hochschaubahn. Ich bin davon überzeugt, dass es in vielen Horrorfilmen genauso um existenzielle Dinge geht wie in den sogenannten Kunst- und Arthaus-Filmen.

Severin Fiala: Im Arthaus-Bereich gibt es natürlich auch großartige Filme, aber bei denen, die für mich nicht funktionieren, ist das Problem oft, dass man sich das distanziert anschaut und schon dabei über die Inhalte urteilt. Horrorfilme schaffen es dagegen ganz gut, das Publikum in die Leinwand hineinzuziehen und den Sicherheitsabstand einzureißen, weil sie einen körperlich so packen.

 

In Ihrem Film wird das Grundvertrauen zwischen Mutter und Kindern auf eine extreme Probe gestellt – ein altes Motiv im Horrorgenre. Was fasziniert Sie daran?

Franz: Wir sind ja Kinder und Mütter!

Fiala: Der Horror wird stärker, je tiefer er in der Realität wurzelt. Dieses familiäre Urvertrauen ist etwas sehr Allgemeingültiges, damit kann jeder etwas anfangen, wir genauso.

Franz: Ich finde, es geht auch um Machtverhältnisse zwischen Kindern und Erwachsenen, darum, wer in der Familie die Fäden in der Hand hält. Als Mutter habe ich oft das Gefühl, dass man immer die Klügere und die Weisere sein sollte, die weiß, wo es langgeht und die Kinder dazu bringt, zu tun, was richtig ist; aber es ist oft umgekehrt.

 

W. C. Fields hat einmal gesagt, dass man im Film nie mit Kindern und Tieren arbeiten sollte, weil sie zu unberechenbar sind. Sie haben für Ihr Langspielfilmdebüt gleich zwei sehr junge Hauptdarsteller gecastet. Wie war es, mit ihnen zu drehen?

Franz: Wir haben sogar Kinder und Tiere im Film! Mit Lukas und Elias war die Zusammenarbeit aber sehr einfach und angenehm, auch weil Kinder Autoritäten grundsätzlich vertrauen. Bei einem Schauspieler gibt es immer das Risiko, dass er dem Regisseur misstraut, weil er ihn für einen Trottel hält – der sagt das einem aber nicht, sondern macht einfach was anderes. Wenn man einem Kind sagt, dass etwas super war, glaubt es einem das auch.

Franz: Wir hatten großes Glück mit den beiden. Sie waren enorm intelligent, sensibel und ehrgeizig. Daher war klar: Wenn was nicht geklappt hat, haben wir ihnen was Falsches gesagt.

 

Hatten Sie selbst Schwierigkeiten damit, die Zwillinge auseinanderzuhalten?

Franz: Im Gegenteil: Wir wollten sie ursprünglich fast nicht besetzen, weil sie sich zu unähnlich schauen, aber als wir während des Drehs gemerkt haben, dass unser Continuity-Mensch sie ständig verwechselt, war das keine Frage mehr.

 

Wussten die Zwillinge, wovon der Film handeln wird?

Franz: Sie haben am Anfang außer der Ausgangssituation gar nicht gewusst, worum es geht. Wir haben chronologisch gedreht und ihnen von Tag zu Tag mehr verraten. Dadurch waren sie wahnsinnig interessiert, für sie war das wie ein Puzzle. Sie haben auch versucht, das Team auszufragen, aber das musste sich bedeckt halten, es durfte auch kein Drehbuch auf dem Set herumliegen.

Fiala: Diese Spannung war wichtig, um sie dabeizuhalten, grundsätzlich haben wir uns aber bemüht, die Atmosphäre während des Drehs im Kontrast zu der des Films zu gestalten. Sie hatten immer Spaß, wenn nicht gedreht wurde, und sagen heute noch, dass es der schönste Sommer ihres Lebens war. Und die wirklich expliziten Horrorszenen sind bei der Aufnahme sehr technisch – da war ihnen noch am ehesten fad.

 

Haben sie den Film schon gesehen?

Fiala: Das haben ihre Eltern nicht erlaubt.

 

Schaben spielen eine besondere Rolle in eurem Film. Braucht man da einen eigenen Tiertrainer?

Fiala: Wir hatten einen ganz großartigen Insektentrainer, der ist hauptberuflich Versicherungsmakler in Niederösterreich. Er hat für uns 2000 Fauchschaben angekauft, gepflegt und gefüttert.

Franz: Wir haben den Schauspielern im Vorfeld auch ein paar Schaben zur Vorbereitung geschenkt. Die Schabe ist ja ein tolles Symbol für den Horror hinter den Fassaden, die gibt es nämlich wirklich überall. Experten haben uns versichert, dass es nirgendwo so sauber sein kann, dass da nicht im Untergrund oder hinter den Latten Schaben herumkrabbeln könnten.

Fiala: Mein bester Jugendfreund hatte Schaben als Haustier. Für mich ist das also eine Art Kindheitserinnerung.

 

Wie funktioniert die Arbeitsteilung bei einem Regieduo?

Franz: Die gibt es bei uns nicht. Gegen jedes Effizienzdenken haben wir alle Schritte gemeinsam gemacht und sind trotzdem davon überzeugt, dass wir damit schneller waren, als es jeder allein gewesen wäre. Wir sind füreinander immer der erste Filter, der erste Kritiker, der erste Zuschauer. Wenn ich eine Idee habe, und Severin findet sie schlecht, ist sie weg.

Fiala: Wir kennen uns schon sehr lange und wissen, dass wir bei den wichtigen Dingen völlig uneitel sind. Da geht es nie darum, recht zu behalten.

 

Sie verkünden am Ende des Abspanns stolz, dass Ihr Film auf 35 Millimeter gedreht wurde. Warum haben Sie sich für dieses Format entschieden?

Fiala: Wir haben viele Formate ausprobiert und verglichen. Unser Kameramann Martin Gschlacht hat uns am Anfang von 35 Millimeter abgeraten, wegen des größeren Aufwands, aber am Ende hat es uns immer noch am besten gefallen, weil es geheimnisvoller ist und nicht so kalt wie das Digitale.

Franz: Es geht auch um eine gewisse Unschärfe und Unregelmäßigkeit, die das Material mit sich bringt. Mein Blick auf die Welt ist ja auch kein digitaler Blick. Ich bin etwas Lebendiges und will etwas Lebendiges auf der Leinwand sehen.

Fiala: Außerdem wirkt es sich auf die Arbeitsmethode aus. Mit digitaler Technik hat man die Möglichkeit, einfach mal aufs Knopferl zu drücken und die Kamera durchlaufen zu lassen, in der Hoffnung, dass schon etwas Brauchbares dabei sein wird. Da macht sich im Team schnell eine gewisse Gleichgültigkeit breit. Wenn man aber weiß, dass es bei jedem Take um etwas geht, erzeugt das eine ganz andere Konzentration.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.01.2015)

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