Josef Hader: "Brenner ist brüchig wie nie zuvor"

Josef Hader erklärt der »Presse«, warum er nicht richtig berühmt ist, warum Roland Düringer ihn für altklug hält und welche Politiker der Brenner wählen würde.

(c) Dor Film / Patrick Wally

Als Filmschauspieler hat man selten die Gelegenheit, häufiger in dieselbe Rolle zu schlüpfen. Macht es das leichter?

Josef Hader: Man muss sich damit beschäftigen, wie viel oder wie wenig man vom eigenen Alterungsprozess in die Figur hineinnimmt. Was dazu kommt, ist, dass wir versuchen, im Drehbuch der Figur mit jedem Film neue Herausforderungen zu geben. Und deswegen ist der Anfang einerseits einfach, aber ab dann fühlt es sich an, als würde man ihn zum ersten Mal spielen. Vielleicht auch, weil wir immer tiefer in den Brenner hineinkommen.

Regisseur Wolfgang Murnberger, Romanautor Wolf Haas und Sie selbst arbeiten jetzt schon zum vierten Mal an einem Brenner-Krimi. Hat man da große Lust, die Figur durch Extreme zu jagen, schon allein, damit es nicht langweilig wird?

Die Extreme entstehen dadurch, dass wir fast panische Angst haben, uns zu wiederholen. Da kommt man automatisch in Extreme hinein. Wir haben uns unter einigen noch nicht verfilmten Brenner-Romanen für diese Geschichte entschieden, weil wir da das Gefühl hatten, dass wir damit etwas Neues versuchen können. Nämlich die Figur eines Detektivs mit ihrer eigenen Vergangenheit zu konfrontieren und sie so brüchig zu machen wie noch nie zuvor.

„Das ewige Leben“ ist für eine größere Produktion erstaunlich radikal und sehr düster. Die Hauptfigur ist ein versoffener, depressiver Expolizist. Hätte so ein Projekt überhaupt eine Chance finanziert zu werden, wenn es kein Brenner-Krimi wäre?

Das weiß ich nicht. Aber ich glaube, dass der Film auch auffällig wäre, wenn er einfach aus dem Stand so da wäre. Durch diese Verschränkung von Drama und Komödie kommt man einer existenziellen Erfahrung, was Leben bedeutet, sehr nahe.

Die Brenner-Filme sind auch gesellschaftskritisch. Ist das etwas, was Sie daran angezogen hat?

Wir haben lange überlegt, wie wir mit den vordergründigen gesellschaftspolitischen Themen des Romans – die Bürgerwehr, die Roma-Problematik – umgehen sollen. Wir haben uns dann dafür entschieden, sie wegzulassen, anstatt sie nur ein bisschen am Rand zu behandeln. Ich finde interessant, dass Sie jetzt sagen, der Film sei gesellschaftskritisch. Das könnte aber bedeuten, dass der Ansatz, eine intensive, existenzielle Geschichte zu erzählen, oft bessere Ergebnisse zeitigt als das Vorhaben, dezidiert einen gesellschaftskritischen Film zu machen.

Sie sind mittlerweile sehr eng mit der Figur des Simon Brenner verwachsen. Machen Ihnen der Erfolg der Filme und der damit verbundene Ruhm auch manchmal Angst?

Der Ruhm ist sehr verhalten (lacht). Richtig berühmt wird man, wenn man via Fernsehen immer zu Hause in den Wohnzimmern ist. Und das bin ich nicht. Dadurch ist der Ruhm nicht so spürbar oder gar lästig.


Ruhm kann auch ein Zeichen dafür sein, dass man von einem sehr großen Publikum geliebt wird. Prinzipiell ist das durchaus wünschenswert für einen Künstler.

Wenn man das zu starke Gefühl bekommt, etwas erreicht zu haben, kann das auch sehr hinderlich sein. So ein Gefühl hatte ich aber noch nie. „Indien“ ist vielleicht eine Ausnahme. Da war ich noch jung und dachte dann schon, da jetzt einen tollen Film gemacht zu haben, eben ohne gelernt zu haben, wie man im Film spielt oder gar ein Drehbuch schreibt. Ich habe dann jahrelang auch kein Filmangebot angenommen, aus reiner Angst, dass es schlechter wird. Nach ein paar Jahren bin ich draufgekommen, dass man dann überhaupt keine Filme mehr macht. Und dass man aufpassen muss, in so einer eingebildeten Bedeutsamkeit nicht zu versülzen.

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Die Momente, in denen Sie in „Das ewige Leben“ mit Roland Düringer spielen, sind zum Niederknien. Düringer hat ja in den vergangenen Jahren sein Leben komplett umgekrempelt, der modernen Welt sozusagen abgeschworen. Bewundern Sie das, wäre das auch etwas für Josef Hader?

Ich kenne den Roland schon lange. Wir sind nicht eng befreundet, aber ich kenne ihn gut genug, um zu sagen, dass seine große Qualität ist, dass er immer kompromisslos so lebt und arbeitet, wie er ist. Als Mensch hat er eine große Entwicklung gemacht und das ist jetzt genauso kompromisslos auch in seinen Programmen und darin, wie er mit der Öffentlichkeit umgeht. Das finde ich authentisch und hochinteressant. Ich bin mehr der Gleiter. Beim Autofahren und auch bei der Persönlichkeitsentwicklung.

Bei Ihnen sind es eher stete Schritte nach vorn und kein radikaler Kurswechsel.

Ich hatte eine ganz andere Sozialisation, war als Jugendlicher schon mit verschiedenen gesellschaftlichen Haltungen konfrontiert. Ich bin auch ein Geschichtsfreak. In der Schule habe ich als Erstes die Geschichtsbücher ausgelesen. Und deshalb habe ich manchmal das Gefühl, dass Düringer die Dinge zu einfach sieht. Und er hat manchmal das Gefühl, dass ich ein wenig altklug bin.

Ich habe als Vorbereitung etliche Interviews mit Ihnen gelesen und in so gut wie jedem sind Sie auf Politik angesprochen worden.

Immerhin bin ich Kabarettist. Die Art, wie heutzutage manche Politiker ihre Arbeit machen, sollte nicht zu dem Gedanken verführen, es wäre ganz einfach. Wenn man es gut machen will, ist es einer der schwierigsten Berufe. Wir werden ständig belohnt, wenn wir gut sind. In der Politik kann es sein, dass jemand etwas ganz gut hinbekommt und trotzdem zerpflückt wird. Wir Künstler wären da zu sensibel. Da braucht man eine dicke Haut.


Wen würde Simon Brenner wählen?

Wenn ich böse bin mit dem Brenner, dann sage ich, dass er oft nicht zur Wahl geht. Aber vielleicht gehen ihm dann manche Politiker so auf den Nerv, dass er doch hingeht. Und dann wählt er denjenigen, der ihn am wenigsten nervt.
Ein Wechselwähler also.

Er hätte eine Schwäche für manche Politiker, die ohne Absicherung einfach das sagen, was sie sich denken, und würde versuchen, die zu belohnen.

Das kann auch gefährlich sein.

Ich vermute hinter dieser Bemerkung, dass Sie der Auffassung sind, dass Rechtspolitiker sagen, was sie sich denken. Das stimmt überhaupt nicht. Rechtspolitiker sagen überhaupt nie, was sie sich denken, denn wenn sie das sagen müssten, was sie sich denken, wäre ihr erster Satz immer: „Meine Geschäftsgrundlage ist die schlechte Laune der Menschen.“ Aber das sagen sie nie. Höchstens in der Milchbar.

 Linkspolitiker sagen auch nicht, was sie sich denken.

Das stimmt. Es gibt einige, aber nur ganz wenige. Persönlichkeiten wie Alexander Van der Bellen zum Beispiel. Der ist klug genug, authentisch zu sein, weiß, welche Anziehungskraft das hat und hat eine ausreichende Persönlichkeit, damit es interessant ist.

Zum Abschluss noch einmal zurück zum Brenner: Zwischen den Filmen vergehen immer um die fünf Jahre. Also kommt der neue Brenner 2019, 2020?

Wir gehen immer davon aus, dass der aktuelle Brenner-Film der letzte ist.

Steckbrief

1962
wurde Josef Hader in Waldhausen geboren. Schon im Stiftsgymnasium Melk trat er vor seinen Mitschülern als Kabarettist auf.

1993
kam der kultige Roadfilm „Indien“ ins Kino, an dem er als Hauptdarsteller und Drehbuchautor mitwirkte. Bühnenerfolge feierte er mit seinen Programmen „Im Keller“, „Privat“ und „Hader muss weg“. Seit Jahren tourt er vor allem mit seinem Best-of-Programm „Hader spielt Hader“.

2001
spielte Hader erstmals den Privatdetektiv Brenner in „Komm, süßer Tod“ nach dem Roman von Wolf Haas.

2015
arbeitet Hader an seinem ersten eigenen Kinofilm „Die wilde Maus“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.03.2015)

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