„Air Doll“: Das geheime Leben der Sexpuppe

Der erste Höhepunkt in Cannes: Hirokazu Kore-edas japanisches Märchen „Air Doll“ überragt die Konkurrenz. Der Film lief nur im Nebenwettbewerb „Un certain regard“.

(c) Festival Cannes

Der 3-D-Animationsfilm Up von Pixar sorgte für die netteste Cannes-Eröffnung seit Menschengedenken, aber nach dem enttäuschenden Beginn des Wettbewerbs wird nun wieder die Krise statt der Filme diskutiert: Ist die merklich ausgedünnte Menschenmenge im Palais des Festivals ein Symptom der Rezession – oder Auftakt einer längst überfälligen Korrektur? Zwar ist der Bombast, mit dem sich Cannes als Kinoevent feiert, derselbe geblieben. Aber beim riesigen Filmmarkt im Hintergrund setzen die Einkäufer auf sorgfältige Selektion, statt sich weiter auf teils wahnwitziges Wettbieten einzulassen.

Krise, Konkurrenz, Selektion: Das sind auch die Schlüsselwörter für das bisherige Programm. Denn in drei Kategorien sollte der fast nur mit bewährten Cannes-Teilnehmern besetzte Wettbewerb heuer punkten: mit Filmen von Frauen, innovativem Genrekino und neuen Impulsen aus Asien. In jeder Hinsicht wurde bisher enttäuscht.

Die Britin Andrea Arnold zeigte mit Fish Tank einhandelsübliches Mädchendrama – immerhin. Die Filme des Chinesen Lou Ye und des Südkoreaners Park Chan-wook ließen dann vollends an den künstlerischen Kriterien der Konkurrenz zweifeln. Lou Ye hat in China fünfjähriges Berufsverbot, seit sein Film Summer Palace 2006 ohne Genehmigung in Cannes lief. Nun zeigte er das heimlich gedrehte Dreiecksdrama Spring Fever, das obendrein vom Tabuthema Homosexualität erzählt. Nur ist „erzählen“ hier ein irreführendes Wort: Mit fahriger Handkamera wird eine beliebige Abfolge von Psychodramen und Milieubildern serviert, deren Motivation schleierhaft bleibt. Auch Park Chan-wooks überlanger Vampirfilm Thirst hat kaum dramaturgischen Zusammenhalt – und bereichert das Horrogenre höchstens um peinliche Halblustigkeiten.

Einen ersten Höhepunkt setzte indes ein anderer Cannes-Veteran: der Japaner Hirokazu Kore-eda mit dem bezaubernden Sexpuppen-Märchen Air Doll, das nur im Nebenwettbewerb „Un certain regard“ lief. Es geht um die aufblasbare Puppe, mit der ein Einsamer nach Feierabend Eheleben spielt. Eines Tages erwacht sie zum Leben: Wie die vielseitige Koreanerin Bae Doo Na diese Transformation spielt, ist ein subtiles Ereignis. Ihre ruckartigen Bewegungen werden geschmeidig, die ausdruckslosen Augen neugierig: Naiv wie Pinocchio geht die Puppenfrau durch die Welt, sogar bis zu ihrem Schöpfer: Sie will verstehen, was Menschsein ausmacht. Aber schließlich muss sie erkennen, dass die Großstadtmenschen in ihrer Einsamkeit ein ähnliches Gefühl der Leere plagt wie sie selbst: „Ein Herz zu bekommen ist herzzerreißend“, lautet die melancholische Bilanz dieses sanft fließenden und eigentümlich rührenden Films.

Vielleicht schien dem Auswahlkomitee die Idee zu absurd für den Wettbewerb, auch wenn die bisherige Auswahl noch absurder wirkt. Und Kore-eda ist nicht der einzige renommierte Regisseur, dem ein Platz in der Konkurrenz verweigert wurde: Francis Ford Coppola ist mit seinem neuen Film Tetrodeswegen gleich kurzerhand zur parallel in Cannes abgehaltenen Autorenfilmer-Schau Quinzaine des Réalisateurs abgewandert. Mehr darüber in der „Presse am Sonntag“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.05.2009)

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