"Königin der Wüste": Aus Liebe immer tiefer in die Wüste

Nicole Kidman spielt in Werner Herzogs Film "Königin der Wüste" die Orientforscherin Gertrude Bell: als wagemutige, wissbegierige und widersprüchliche wilde Frau.

 „Ob ich aus diesem Abenteuer lebend herauskommen werde? Es ist mir vollkommen gleichgültig!“ Nicole Kidman als im Orient zu sich findende Frau.
 „Ob ich aus diesem Abenteuer lebend herauskommen werde? Es ist mir vollkommen gleichgültig!“ Nicole Kidman als im Orient zu sich findende Frau.
„Ob ich aus diesem Abenteuer lebend herauskommen werde? Es ist mir vollkommen gleichgültig!“ Nicole Kidman als im Orient zu sich findende Frau. – (c) Polyfilm

Dass sich der bayerische Ausnahmeregisseur Werner Herzog in seinem neuen Film „Königin der Wüste“ der Biografie der britischen Abenteurerin und Archäologin Gertrude Bell annähert, überrascht nicht. Ganz im Gegenteil: Die von der Tochter eines schwerreichen Industriellen unternommenen Orientexpeditionen im späten 19. und beginnenden 20. Jahrhundert sind so durchtränkt von Wissensgier, Wagemut und Wahnsinn, dass ihr Leben und Wirken beinahe automatisch mit all den anderen nach Grenzerfahrungen suchenden, gefühlsextremistischen Figuren im Werk des 73-Jährigen korrespondiert.

Was allerdings überrascht, jedenfalls bei der ersten Begegnung, ist die formale Beschaffenheit dieser „Königin der Wüste“. Die Ästhetik ist für Herzog-Verhältnisse eigentümlich aufgeräumt und organisiert, die Stringenz der Erzählung erlaubt kaum Schlupflöcher für die inszenatorischen Schräglinien, für deren Einziehen Herzog verehrt wird. Sie werden von der Steifheit des großbürgerlichen Milieus beschnitten, in dem die intelligente Gertrude Bell aufwächst, in dem sie nicht glücklich werden kann. Ihre progressiven Eltern erlauben ihr nicht nur eine Universitätsausbildung, sondern entlassen die junge Frau auch in die weite Welt. Während eines Aufenthalts bei Diplomatenfreunden ihrer Stiefmutter in Teheran wird Gertrude Bell vom damals noch annähernd intakten Orientphantasma erfasst. Sie ist fasziniert von der Gastfreundschaft der Einheimischen, von der Gewaltigkeit der Poeten, deren Werke sie in vielen Fällen erstmals ins Englische übersetzt, von der Widersprüchlichkeit der Landschaft. In ihrem ersten Reisebericht „Miniaturen aus dem Morgenland“, erstmalig aufgelegt 1928, beschreibt sie die „graue gestaltlose Weite, über der die Staubwolken aufsteigen und niederfallen“, nur um dann zu staunen: „Ein wenig Wasser nur – und Blumen entsprießen der Wüste.“

Nicole Kidman spielt diese Königin der Wüste mit einer ihrer manierierten Ausdrucksweise sehr entgegenkommenden Mischung aus Contenance, Sturm und Drang und blankem Furor. Ohne Zögern schreitet sie durch Werner Herzogs romantische Bearbeitung des Lebens Gertrude Bells: Sein Drehbuch idealisiert Bell nicht nur zu einer Pionierin, sondern erlaubt auch Einblicke in die Motivation für ihre Wüsten-Trecks. Es sind die Schranken ihrer familiären Abstammung, die es ihr verunmöglichen, ihre gewaltige Liebe zum jungen Diplomaten Henry Cadogan (farblos: James Franco) offiziell zu machen.

 

Wertvolles Wissen für die Briten

Herzog zeigt sie, wie sie gemeinsam auf einen „Turm des Schweigens“ vor den Toren Teherans klettern, auf dem die Zoroastrier ihre Verstorbenen den Aasgeiern zum Fraß überlassen haben: Das Vergehen ist schon da in ihre Beziehung eingefasst. Als Cadogan bald darauf bei einem Reitunfall stirbt, stürzt das die mittlerweile wieder nach Großbritannien heimgekehrte Gertrude Bell in tiefe Verzweiflung. Ihr weiterer Weg führt immer tiefer hinein in die Wüste. Sie flieht vor der Möglichkeit einer weiteren unglücklichen Liebe: Das Wissen, das sie dabei über die Drusen und andere Beduinenvölker sammelt, wird zunehmend wertvoll für die Kolonialmacht Großbritannien, die nach dem zu erwartenden Kollaps des Osmanischen Reichs eine Neuordnung des arabischen Raums anstrebt.

Die dramatischen politischen Konsequenzen von Gertrude Bells Reisen stehen allerdings nicht im Zentrum von „Königin der Wüste“. Sie geben lediglich die Rahmenhandlung vor. Anfangs erkundigt sich Winston Churchill nach dieser Frau, die mehr über den Orient weiß als alle anderen zusammengenommen, am Ende posiert Bell gemeinsam mit dem jungen T.E. Lawrence (eine schöne Kleinstrolle für Robert Pattinson) für ein Foto, während der britische Staatsmann feststellt, dass seine Zigarre ausgegangen ist, und anfügt: „This is the end of the world!“ Herzog verwechselt die Abenteurerin nicht mit einer Rebellin: Bell war überzeugte Imperialistin, hat sich weder gegen ihre Familie noch ihr Mutterland gestellt.

„Königin der Wüste“ zeichnet sie in ihrer Widersprüchlichkeit nach: Das Chiaroscuro des Naturlichts, mit dem Herzogs Stammkameramann, Peter Zeitlinger, Gertrude Bell in ihrem britischen Zuhause einfasst, weicht nach und nach den Farben des Orients. Hier, zwischen brüllenden Kamelen, saftigen Oasen und Sandstürmen, in diesem „perfekten Albtraum aus Blumen und Gerüchen“, findet eine Frau zu sich, die in der samtenen Welt, der sie entstammt, immer neben sich gestanden hat. In einem Brief schreibt sie: „Gelegentlich frage ich mich, ob ich aus diesem Abenteuer lebend herauskommen werde. Aber den Zweifel trübt kein Schatten von Ängstlichkeit – es ist mir vollkommen gleichgültig.“ Was für ein sattes Melodram!

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.09.2015)

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