„Chucks“ nach Cornelia Travnicek: So kitschig kann Punk sein

Sabine Hiebler und Gerhard Ertl trieben dem Roman über eine aufmüpfige junge Frau jede Leichtigkeit aus und machten daraus ein rührseliges Coming-of-Age-Drama. Immerhin bringt der Film Etliches an Wiener Lokalkolorit und ein paar rasante Episoden.

Chucks
Chucks
(c) Stadtkino

Es ist eine kurze Szene in der Mitte des Films – und nach ihr ist alles klar: Mae, die Punkerin mit dem knallroten Haar und der stets angefressenen Miene, nimmt hier an einem Poetry Slam teil. Sie ist wütend. Und sie ist gut! Sie hat ihre Zuschauer voll im Griff: „Arschkackpissbullenschweine“, ruft sie. „Arschkackpissbullenschweine“, brüllt das Publikum zurück. Die Stimmung ist aufgeheizt. Da taucht plötzlich Paul im Lokal auf. Paul, das ist jener schmächtige junge Mann, den Mae lieben wird bis in den Tod. Mae sieht ihn, und verstummt. Das Publikum verstummt auch. Lange Pause! In die Stille hinein beginnt sie ganz, ganz leise zu erzählen: vom Trauma ihres Lebens.

Ja, das macht die Liebe aus der trotzigen Punkerin: eine sanfte Frau. Ja, das macht der Film aus dem leichtfüßigen, ehrlichen Roman von Cornelia Travnicek: Kitsch. Wenn man in der Vorlage nachschaut, findet sich diese Szene jedenfalls ganz anders beschrieben, glaubwürdiger, rabiater und trotzdem berührend: Da braucht es kein unvermutetes Auftauchen des Geliebten, kein plötzliches Verstummen, keine intimen Bekenntnisse vor großem Publikum. Das wird im Laufe des Films noch häufiger passieren: Immer, wenn auf der Leinwand etwas zu sehen ist, das zu grob ist, zu bedeutungsschwanger oder zu pathetisch, dann weicht das Drehbuch vom Roman ab.

Das tut es leider oft.

 

In den Schuhen des Bruders

Dabei fängt der Film rasant an: mit Aufnahmen von Punks, die sich vor Graffitiwänden mit Bier bespritzen und am Donaukanal herumlungern. Mit Sprayern, die sich nächtens auf Bahnhöfen herumtreiben. Wir sehen Wiener Spielplätze, das von Zaha Hadid gebaute Haus am Kanal, eine U-Bahn-Station, in der drei Mädchen mit verfärbtem Haar am Boden kauern und die Passanten provokant höflich um Kleingeld anschnorren.

Mae (Nina Posch) ist eine von ihnen. Eine clevere junge Frau, die der Tod ihres älteren Bruders aus der Bahn geworfen hat und die seither in dessen Schuhen – Chucks – durch Wien läuft. Zu ihrer Mutter, die Tupperpartys feiert, hat sie keinen Draht mehr, ihren Bewährungshelfer, der Peter heißt und geduzt werden möchte, verachtet sie. Er hat ihr Sozialstunden in der Aids-Hilfe aufgebrummt, andernfalls, sagt er, komme sie in Haft. Nicht einmal das scheint sie mehr zu schrecken, jedenfalls führt sie sich dort auf, als bettle sie um den Rauswurf. Doch dann trifft sie Paul (Markus Subramaniam). Den schwer kranken Paul.

Leider reduzieren Sabine Hiebler und Gerhard Ertl die Geschichte auf ein rührseliges Coming-of-Age-Drama, was bedeutet, dass die entzückende Anna Posch den halben Film über trotzig-angewidert dreinblicken muss. Da freut man sich jedes Mal, wenn Maes Punkkumpel Tamara (Stefanie Reinsperger) ein bisschen Leben ins besetzte Haus oder auf die Tanzfläche bringt. Später erlebt man statt einer grantigen Mae eine abwartend-versonnene, die den Blick in die Ferne schweifen lässt. Alles wirkt schwer. Die leichten Elemente wurden gleich ganz getilgt: So gern hätten wir gesehen, wie die Katze aufs Krankenbett kotzt!

Am Ende hat Cornelia Travnicek noch einen kurzen Auftritt: Ein kleiner Scherz für alle, die sie erkennen. Was nett ist, aber nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass der Film sonst wenig Witz hat.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.09.2015)

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