„Mistress America“: Stadtneurotikerin mit Sehnsucht nach Sinn

Auch Noah Baumbachs neuer Film handelt von verpassten Chancen: In „Mistress America“ spielt Ko-Autorin Greta Gerwig eine Traumtänzerin in Hipster-Manhattan, für die das Geld knapper und die Luft dünner wird.

Mistress America
Mistress America
(c) abc films

Es sei wie eine unaufhörliche Party, auf der sie niemanden kennt: So beschreibt die junge Studentin Tracy (Lola Kirke) ihr Erstsemestrigendasein am renommierten New Yorker Frauencollege Barnard. Sie findet dort keinen Anschluss – der elitäre Literaturklub lehnt ihre Kurzgeschichten ab, die erste Uni-Romanze erstickt im Keim. Ihre Mutter, die kurz vor der zweiten Hochzeit steht, empfiehlt ihr ein Kennenlern-Treffen mit der künftigen Stiefschwester Brooke (Greta Gerwig).

Diese Begegnung ist der eigentliche Startschuss zu Noah Baumbachs neuestem Film „Mistress America“: Die aufgekratzte Mittdreißigerin Brooke platzt wie ein wirbelnder Derwisch in Tracys Leben, steckt sie an mit unbändiger Energie und scheinbar grenzenlosem Optimismus. Bei einer feuchtfröhlichen Großstadtkneipentour sprudelt Brooke über vor (vagen) Ideen, Plänen und Lebensdevisen. Sie ist dabei, ihre „Beschäftigung zu kuratieren“! Hat sie schon erwähnt, dass sie Autodidaktin ist? Und dass „Autodidaktin“ eines der Wörter ist, das sie sich selbst beigebracht hat? Tracy entgeht nicht, dass sich hinter dem geradezu jugendlichen Übermut beträchtliche Vergänglichkeitsängste verbergen; aber wer Helden will, muss auch mal ein Auge zudrücken . . .

 

Thronfolger für Woody Allen?

Das erinnert ein wenig an die derzeitige Rezeption von Baumbachs Schaffen als Autorenfilmer: Seit „Frances Ha“, seiner zweiten Zusammenarbeit mit Greta Gerwig, wird er als Woody-Allen-Thronfolger gehandelt, als ein gefälliger Lieferant urbaner Fabeln zwischen Sarkasmus und Sentimentalität für die Programmkinos dieser Welt. Doch Baumbachs Arbeiten sind bei all ihrem Witz beizender und persönlicher als der jüngere Output Woody Allens. In „The Squid and the Whale“ warf er einen schonungslosen Blick auf seine eigene Familiengeschichte, und die privaten Kleinkriege von „Margot at the Wedding“ nehmen dem Begriff „Neurotiker“ jede Anmutung von liebenswerter Schrulligkeit. Ein Referenzpunkt wäre die sardonische Selbstbespiegelungsliteratur von Philip Roth, auch im Hinblick auf Baumbachs Affinitäten zur Belletristik: Er verfasste viele kurze Texte für den „New Yorker“ und hätte um ein Haar Jonathan Franzens „Korrekturen“ als HBO-Serie adaptiert.

Alle seine Filme handeln von verpassten Chancen, verhinderten Lebensentwürfen und verzweifelter Sinnsuche im Universum einer mehr oder weniger prekarisierten Mittelschicht – mit „Frances Ha“ traf er damit erstmals den Zeitgeist. Förderlich für dessen Erfolg war auch der schludrige Charme Gerwigs, die sich am Drehbuch beteiligte und seitdem mit Baumbach liiert ist; ihre quirlige Darstellung der durch Brooklyn stolpernden Hauptfigur manövrierte sein Kino vom Bitteren ins Bittersüße. „Mistress America“ wurde unmittelbar nach „Frances“ gedreht und kann als Komplementärwerk verstanden werden, wieder ist Gerwig Ko-Autorin. Hier wie dort geht es um den Umgang junger Frauen mit den Kompromisszwängen des Älterwerdens, doch die Temperamente der Protagonistinnen sind grundverschieden: Frances fügt sich ihren Selbstzweifeln, Brooke rennt unverdrossen gegen sie an.

 

Traum vom ehrlichen Kapitalismus

Ihr Herzensprojekt ist ein Hipsterlokal im Herzen der Stadt, doch als ihr reicher Freund sie verlässt, brechen die Finanzmittel weg. Brooke sieht sich genötigt, eine alte Rivalin aufzusuchen (auftoupiert und frustriert: Heather Lind), die eine ihrer früheren Geschäftsideen für sich beansprucht und zu Geld gemacht hat. Zusammen mit Tracy und ihrer Studentenclique fällt sie mit der Tür ins Designerhaus und entfacht dort ein amüsantes Fegefeuer der Eitelkeiten, das in seinen besten Momenten dank pointierter Verbalkaskaden und präziser Mise en Scène die Dynamik von Screwball-Klassikern entwickelt. Alle wollen verstanden werden und reden doch aneinander vorbei, niemand ist wirklich mit sich selbst im Reinen. Nur als Brooke vor versammeltem Publikum ihr Restaurantkonzept präsentiert, die märchenhafte Vision eines grundehrlichen Kleinunternehmens („Kapitalismus von seiner besten Seite“), kann sich jeder in diese zeittypische Wunschvorstellung hineinträumen.

Es bleibt eine Utopie: Baumbach und Gerwig gewähren Hoffnungsschimmer, doch der Film macht keinen Hehl daraus, dass die Luft für Traumtänzer – auch für unerschrocken zupackende wie Brooke – immer dünner wird. Eine berührende Nummer des Elektro-Wave-Duos Suicide auf dem synthesizerlastigen Soundtrack liefert den melancholischen Nachhall schwindender Sehnsüchte: „Dream baby dream, keep those dreams burnin' forever.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.12.2015)

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