Maren Ade: Der kleine Amoklauf der Liebe

Das Beziehungsdrama "Alle anderen", ab Freitag in den Kinos, war der Überraschungserfolg der Berlinale. Die junge Regisseurin Maren Ade sprach mit der "Presse am Sonntag" über Machtverhältnisse und Drehunlust.

Maren Ade
Maren Ade
(c) AP (Markus Schreiber)

Angeblich sind Sie schon mit 14 Jahren mit einer Videokamera herumgelaufen – Legende oder Tatsache?

Maren Ade: Na ja, also 14. Die Zahl wird immer niedriger. Ich war da 17. Ich hab mir irgendwann eine HI8-Kamera gewünscht und hab mit Freunden so einen kleinen Film gedreht. Aber das muss man sich alles sehr spielerisch vorstellen.

Was war das Erste, das Sie gefilmt haben?

Das Erste war mit Sicherheit meine Familie. Was anderes kann ich mir nicht vorstellen.

Wie sehr wachsen Sie mit Ihren Filmen mit?

Ich hab schon das Gefühl, dass ich mitwachse, während ich sie mache, weil immer alles so lange dauert (lacht). Die Arbeit an „Alle anderen“ etwa hat insgesamt vier Jahre gedauert. Auch das Drehbuch ist immer weiter gewachsen: Mich haben dann völlig andere Sachen beschäftigt als ganz am Anfang, auch was das Thema Beziehung angeht. An so einem Thema könnte man ewig schreiben, weil es sich dann doch immer mit dem eigenen Leben verändert.

Hat „Alle anderen“ mit einer konkreten Idee oder mit einem Gefühl begonnen?

Es war schon die Idee, einen Film zu machen über ein Paar. Am Anfang gab es diesen Wunsch, etwas über eine Beziehung zu erzählen, die jung ist, in der es noch viel auszukämpfen gibt. Ein Paar, das sich noch nicht offenbart oder gezeigt hat. Ich wollte über diese Details erzählen, die eine Liebesbeziehung ausmachen. Das, was nicht so greifbar ist oder was sich so im Kleinen abspielt. Mit den Ritualen, Ansprüchen, Ängsten: das ganze wirre Feld. Das stand am Anfang.

Viele Momente in diesem Film sind so echt, dass man sich fragt: Hat die Regisseurin einfach während ihrer eigenen Beziehung mitgeschrieben, diese flüchtigen Momente eingefangen, die man sonst nie sieht. Haben Sie das?

Manchmal mache ich das, da müsste ich lügen. Ich habe nur mich, meinen Kopf, was ich sehe, erlebe und was mir auffällt. Insofern ziehe ich viel aus meinem Alltag, mache das aber nicht eins zu eins. Da gibt es Transformationen, man verdichtet es, erhöht es, denkt es weiter. Oft sind es auch nur Anstöße. Da ist kein einziger Satz in dem Film, den ich so irgendwo mitgeschrieben hätte. Trotzdem finden sich dann Sätze, die in Beziehungen fallen, die auch in meiner Beziehung schon gefallen sind.

Gefühle sind bei Ihnen sehr präzise in Worte gefasst. Woher kommt diese Faszination an der Sprache?

Das Dialogeschreiben fällt mir sehr leicht. Das hinterfrage ich nicht, das mache ich sehr ausufernd. Bei „Alle anderen“ habe ich mir überhaupt keine Gedanken gemacht über den Hintergrund der Figuren. Um Gittis Figur zu entwickeln, habe ich viele Dialoge und Monologe frei heruntergeschrieben und so auch die Figur gefunden. Wenn man dann drübergeht, muss man das alles kürzen und verdichten.

Irgendwann reicht die Sprache nicht mehr, um etwas auszudrücken. Irgendwann braucht man Schauspieler, die Gesichter, die Gesten. Waren Sie nervös, ob Sie überhaupt jemanden finden würden, der diese komplexen Rollen spielen kann?

Ja, klar. Man muss dann einfach lernen, von seinem Drehbuch loszulassen, offen zu sein für das, was die Schauspieler mit sich bringen. Deshalb bin ich relativ früh mit Birgit (Minichmayr) und Lars (Eidinger) für eine Woche weggefahren: zum Proben, zum Gucken, was sind die beiden eigentlich für ein Paar. Danach habe ich das Drehbuch noch einmal angepasst. Beim Proben habe ich immer Witze gemacht, dass alles ab jetzt nur noch eine Zerstörung von diesem schönen Drehbuch ist. Aber da ging's wirklich um Details. Da ist nichts Großes weggefallen. Es ist eher sehr viel hinzugekommen an Emotionen. Die ganze physische Ebene, wer die beiden sind, wie sie sich verhalten, das ist alles erst dazu gekommen. Das kann ich so gar nicht schreiben oder beschreiben.

Sie schreiben also nicht mit Gesichtern von Schauspielern im Kopf?

Ich kannte Birgit (Minichmayr) und wusste, dass ich sie casten will. Aber ich habe auch andere gecastet, weil ich wusste, ich muss ein glaubwürdiges Paar finden. Das ist sehr interessant, ab welchem Moment man es zwei Leuten glaubt, dass sie zusammengehören, wenn sie nur nebeneinander sitzen.

Gab es viele Konstellationen, die Sie ausprobiert haben?

Da waren tolle Schauspieler dabei. Es ging eher darum, was erzählen zwei Leute, wenn sie zusammen sind. Bei Birgit und Lars fand ich es sehr interessant, da das Machtverhältnis zwischen den beiden ungeklärt war. Man wusste nicht, wer ist der Stärkere, wer ist der Schwächere.

Was mögen Sie als Regisseurin am liebsten am Set?

Generell drehe ich gar nicht so gerne. Ich habe immer das Gefühl, dass ich da nicht hin will. Es tritt ja nie das Gefühl ein, dass man etwas geschafft oder im Kasten hat. Jeden Tag drehst du irgendwas Neues und stehst auf und denkst: Was? Heute soll ich schon diese Szene drehen? Das geht doch eigentlich nicht! (Lacht.)

„Alle anderen“ ist voller einprägsamer Momente: Einer, der mir besonders gefallen hat, ist, wenn Chris das befreundete Paar durch das Haus seiner Eltern führt. Das ist eine ungemein harte Szene.

Viele empfinden das so hart aufgrund des Verrats an seiner Mutter, wenn er sich über ihre Glasfiguren lustig macht. Aber eigentlich ging es mir darum, dass er sich, Gitti, wo er herkommt, dass er das alles verrät und das auf eine Art auch selber spürt. Für uns war das immer so ein kleiner Amoklauf, den er da macht.

Gibt es für Sie die Utopie, allein oder als Paar, weit weg von allen anderen zu leben?

Klar, das ist der Traum vom Paradies, den man so hat. Dass man denkt, alles wär besser, würde funktionieren, alles wäre leichter, unschuldiger. Den Gedanken kenne ich natürlich.

Sie sind eine junge, aber schon sehr erfolgreiche Regisseurin. Verhalten sich Menschen Ihnen gegenüber jetzt anders?

Es hält sich in Grenzen, zum Glück. Und erfolgreich bin ich ja auch erst seit Februar (lacht).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.06.2009)

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