Filmfestival Venedig: „Ich stelle mir vor, wie der Tod sein wird“

Mittwoch beginnt die 66. Kinomostra. Österreich ist stark beteiligt, etwa mit Peter Schreiners „Totó“. Der große Regie-Einzelgänger erzählt von seiner unüblichen Methodik und dem Zukunftsaspekt des Kinos.

(c) SixpackFilms (Peter Schreiner)

Man kann den den Dingen nicht nachjagen, man muss sie werden lassen.“ Der Wiener Regisseur Peter Schreiner weiß zweifellos, wovon er redet. Sein erster Langfilm liegt mittlerweile 27 Jahre zurück, damals hatte er die Gelassenheit noch nicht, suchte mit jugendlicher Leidenschaft: Grelles Lichtentstand 1982, mitgewirkt hat auch der kürzlich verstorbene Niki List. Die beiden waren Freunde als Filmstudenten: Schreiner führte Kamera bei Lists gefeiertem Szeneporträt Malaria (1982), hätte auch dessen Superhit Müllers Büro fotografieren sollen.

Doch da, erzählt Schreiner, hatte er schon andere Prioritäten gesetzt: „Als Kameramann arbeitete ich viel im Fernsehen, an Sendungen wie ,Ohne Maulkorb‘, ich hatte den Ruf, eher langsam, aber gut zu sein, nahe an den Leuten, mit originellen Ideen. Aber schon in der Ausübung wurde mir klar: Das will ich nicht. Ein Fieberkrampf meines Kindes gab schließlich den Ausschlag: Ich sagte die TV-Dreharbeiten für eine Sendung ab, dann für die nächsten.“ Stattdessen zog Schreiner seine eigene Linie im österreichischen Kino, marginal gewürdigt, doch (zu) lange im Schatten der Öffentlichkeit: Dass seine persönlichen, meditativen und – bis auf wenige Szenen – stets schwarz-weißen Filme kaum in Kategorien passen, hat damit zweifellos zu tun. Oft lautet die Bezeichnung „experimenteller Dokumentarfilm“:InGrelles Licht treffen Szenen einer Deutschlandreise auf Bühnenproben oder Gespräche mit Verwandten und Bekannten.

 

„Der Zuschauer ist auch Filmemacher“

Ein späterer Film trägt den emblematischen Titel Auf dem Weg (1989): Schreiners Arbeiten nehmen den Zuseher mit auf Reisen – Bilder aus Zügen sind ein wiederkehrendes Motiv –, bieten eine Erfahrung, die sich stärker sinnlich mitteilt als über die herkömmlichen Sinnzusammenhänge des Erzählkinos.Die fragmentarischen Eindrücke und kostbaren Stimmungen von Schreiners geduldigen Studien laden zur Versenkung ein, lassen dabei Interpretationsfreiraum: „Der Zuschauer ist auch Filmemacher“, sagt Schreiner. Für sich selbst nimmt er den Begriff nicht so gern in Anspruch: „Als Filmemacher scheint man zum Beobachten verdammt. Meine Methode sehe ich nicht als Beobachten, eher als Geschehenlassen.“

Das gilt auch für Schreiners wunderbaren neuen Film Totó, der diese Woche bei den Filmfestspielen Venedig uraufgeführt wird, im Zweitwettbewerb „Orizzonti“, wo stark auf ästhetisch gewagtes Kino gesetzt wird. Es ist eine weitere unerwartete Wendung in Schreiners Comebackphase: Über eine Dekade war es still um ihn, nach Blaue Ferne(1994), einem Projekt, bei dem viel schiefging. Die Tonspur musste wegen eines Defekts mühsam rekonstruiert werden: „Film“, so Schreiner, „ist zu 60 Prozent Ton.“ Am Schneidetisch ruinierte sich Schreiner die Augen: „Über ein Jahr lang nahm ich die Dinge nur sprunghaft wahr – und meine kleinen Kinder sausten rund um mich.“

Schreiner wandte sich der Theologie zu, als Pastoralassistent machte er viel Jugendarbeit. Mit einem angestrebten Diakonat wurde es nach Intrigen nichts: „Vielleicht war ich zu naiv in meinem Idealismus“, resümiert Schreiner. Die Zeit und die dabei gewonnenen Freunde will er nicht missen.

Die große Rückkehr zum Kino kam 2006, mit Bellavista. Das vieldeutige Porträt rund um das gleichnamige Hotel in einer Dialektenklave in Osttirol gewann den großen Preis als bester österreichischer Dokumentarfilm: Und erstmals, erinnert sich Schreiner, bekam einer seiner Filme einen Verleih. Bellavista hatte eine dreijährige Vorbereitungsphase, auch Totó brauchte seine Zeit: „Man muss lange genug an einem Ort sein, damit etwas Bleibendes entstehen kann“, betont Schreiner. Ab 2007 begleitete er wiederholt den Titelhelden in seine Heimat, Tropea in Kalabrien. Emigrant Antonio Cotroneo lebt als Familienvater in Wien, arbeitet im Konzerthaus als Billeteur. Seit seinem 50. Geburtstag plagt ihn die Sehnsucht nach der Welt, die er als jugendlicher Rebell verließ: Hinter dieser Kurve sei er wieder Totó, sagt er über Bilder der Bahnstrecke.

 

Filmschnitt ist wie Bildhauerei

Die felsige Küstenlandschaft von Tropea wird dem marmorierten Spiegelkabinett des Konzerthauses gegenübergestellt, zu spüren ist Totós Entfremdung von der Umwelt beiderorts. „Er ist zwar ein Gefangener“, sagt Schreiner, „aber es gibt eine Perspektive.“ Schon bevor das im umwerfenden Schlussbild auf den Punkt gebracht wird, überrascht der Reichtum an Tonlagen: Ein alter Kalabrese monologisiert unerwartet über die Vorzüge von „bellissima marijuana“. Später – da denkt man wohl eher an Schreiners Lieblingsregisseur Ingmar Bergman – sinniert Totó zu einer atemberaubenden Vogelperspektive auf einen Strand: „Ich stelle mir vor, wie der Tod sein wird.“ 160 Stunden Material hat Schreiner aufgenommen: „Ein Spiel mit der Lebenszeit: Das muss mehrmals durchgesichtet werden, mindestens zweimal ganz, auch die Stellen, bei denen ich die Kamera einfach habe durchlaufen lassen. Auf dem Kniesessel im Keller, vor dem Computer: Da bin ich öfters mit dem Kopf auf der Tastatur aufgewacht, bei langen Einstellungen geht das bis an die Grenze.“

Aber der Schnitt ist etwas Besonderes: „Beim Drehen entsteht ein Rhythmus, in dem man Material sammelt, so ist das auch bei der Montage. Eigentlich nehme ich dabei das heraus, was zu mir gehört. Die erste Fassung von Totó war zehn Stunden, die nächste acht. Es wird immer schwieriger und schmerzvoller zu kürzen, man muss immer entschlossener handeln und zwischendurch weggehen. Als Reduktion ist es ein wenig wie Bildhauerei. Aber man spürt auch, wie eine Struktur wächst und etwas völlig Neues entsteht: Das zählt mit zum Schönsten, was es gibt. Überhaupt ist das etwas, was entscheidend für mich ist am Filmen: der Zukunftsaspekt. Kino, wie ich es verstehe, heißt eben nicht, etwas festzuhalten und festzunageln – sondern etwas umformen und etwas Neues draus zu machen.“

Österreicher in Venedig

Peter Schreiner wurde 1957 in Wien geboren. Studium an der Wiener Filmakademie, Kameramann bei Fernsehen und Film („Malaria“ von Niki List, „Feldberg“ von Michael Pilz). 1981 gibt er mit „Grelles Licht“ sein Regiedebüt, es folgen Filme wie „Erste Liebe“ (1983) und „I cimbri“ (1996). Für „Bellavista“ (2006) erhält Schreiner den Großen Preis für den besten Österreichischen Dokumentarfilm. Sein neuer Film „Totó“ wird im Zweitwettbewerb von Venedig, „Orizzonti“, uraufgeführt.

Weitere Austro-Beiträge beim Filmfestival Venedig (2.–12. September): „Lourdes“ von Jessica Hausner läuft im Wettbewerb, weiters werden vier österreichische Koproduktionen gezeigt, zwei von bekannten Künstlerinnen: „Women Without Men“ von der Iranerin Shirin Neshat (Wettbewerb); „Pepperminta“ von der Schweizerin Pipilotti Rist (Orizzonti). In Nebensektionen laufen Patrick Chihas Drama „Domaine“ sowie „Wüstenblume“ nach der Biografie von Waris Dirie. [Ursula Schreiner]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.09.2009)

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