Geld, Zilk, Sexspiele hinterm Eisernen Vorhang und ein Luster

Franz Novotny spinnt in „Deckname Holec“ fantasievoll die gut begründete Mutmaßung weiter, dass Helmut Zilk in den Sechzigerjahren ein Informant im Sold der CSSR war. Das Milieu in Prag wirkt gekünstelt, jenes in Wien jedoch bis ins Detail absolut glaubwürdig. Ab Freitag im Kino.

Holec Zilk
Holec Zilk
(c) Thimfilm

Der Mann geht gleich zur Sache: „Küss die Hand. Zilk. Helmut Zilk“, sagt der von Johannes Zeiler gespielte Antiheld in „Deckname Holec“, als er sich bei einem Empfang in Prag eine tschechische Liebschaft aufgabeln will. Die platte Anspielung auf den britischen Geheimagenten James Bond ist gewollt, doch Regisseur Franz Novotny porträtiert in seinem auf einer offenbar wahren Geschichte basierenden Kinofilm nicht die große Welt der Spione, sondern kleine Wiener Schweinereien, die ohne Konsequenz geblieben sind. Helmut Zilk, in seiner Jugend Kommunist, später für die SPÖ Bundesminister und Wiener Bürgermeister, soll in den Sechzigerjahren für das KP-Regime der Tschechoslowakei jahrelang bezahlte Spitzeltätigkeiten erbracht haben. Damals war er für den ORF tätig, er schaffte es hoch bis zum Fernsehdirektor, führte u. a. die äußerst populären „Stadtgespräche“ ein.

Eine dieser Livesendungen moderierte er 1964 in Prag. Im Film werden die „Stadtgespräche“ bereits in die Nähe des Prager Frühlings von 1968 gerückt, der Reformbewegung unter Parteichef Alexander Dubcek, die durch den Einmarsch von Truppen des Warschauer Paktes ein Ende gefunden hat. Novotny verdichtet das Geschehen: Zilk trifft bei der Sendung in der CSSR auf den gegen das alte Regime rebellierenden Filmregisseur Honza (Krystof Hádek). Das Vorbild für diese Rolle ist der im März 2016 verstorbene Jan Nĕmec. Er galt einst als Paradebeispiel tschechischer Nouvelle Vague. Sein Filmmaterial über die Niederschlagung des Prager Frühlings wurde weltberühmt. Seine Erzählung „Italská Spojka“ fand Eingang in Novotnys Drehbuch.

Mehr als Systemkritiker Honza interessiert Zilk dessen Freundin, die aufstrebende Schauspielerin Eva (Vica Kerekes). Nun führt Zilk mehr als ein Doppelleben. Er beginnt eine Affäre mit ihr, eine Fülle von Sexszenen geben Bescheid über die Vorlieben dieses sich stets hölzern bewegenden Herrn. Er steht längst unter Beobachtung des Geheimdienstes der CSSR. Agent Nahodil (David Novotný) lotet seine Schwächen für Frauen und Geld aus, er wirbt ihn als Informanten an. Deckname: Holec. Nach Erhalt eines Geldbündels tauscht Zilk seinen alten Mercedes gegen ein größeres neues Modell ein.

 

Volkshochschulkurs in Zeitgeschichte

Er wird erpressbar. Ein Mensch, der offenbar wenig Skrupel hat, steht nach dem Auffahren der Panzer und der Herstellung der alten Ordnung im Nachbarland vor einem moralischen Dilemma: Weiter im Sold der Kommunisten Lügen verbreiten – oder dabei helfen, dass die Wahrheit über das blutige Ende der Reform sogar in Wien rasch ans Licht kommt? Honza hat die Ereignisse gefilmt. Wie wird der TV-Direktor mit dem ihm zugespielten Material umgehen? Mächtig schleicht sich nun Pathos ein. Schon anfangs ist der idealistische Regisseur überzeichnet, das Amouröse weich gespült. Das Prager Milieu wirkt gekünstelt, man sieht eine Art Volkshochschulkurs in Zeitgeschichte.

Trefflich ist der Film jedoch, wenn es um die Wiener Zustände geht. Heribert Sasse gibt perfekt den zynischen Polizeichef Fuchs, der irgendwie immer auch mit von der Partie zu sein scheint. Man trifft sich in der Sauna – da rennt der Schmäh. Man trifft Zilk vor dem Autogeschäft knapp nach einer Geldübergabe – da scheint dem lieben Freund der Schmäh auszugehen. Und zu Hause bei Zilks, wo die Ehefrau im Penthouse mit Aussicht auf das Wiener Rathaus vor sich hin brütet, hängt schließlich ein riesiger Luster aus böhmischem Kristall – eine reizvolle Ergänzung zu der übrigen neureichen Geschmacklosigkeit. Ist er verwanzt? War Zilk tatsächlich ein Spion? Darüber möge die Geschichte befinden, oder eine betrübte Witwe. Bei dieser kleinen Homestory über den Dächern von Wien gerät das zur Nebensache. Wer so wohnt, dem ist alles zuzutrauen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.07.2016)

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