Ein behindertes Kind: Es bekommen – oder töten?

Film. Das mutige Spätabtreibungsdrama „24 Wochen“ stellt ein Paar vor die wohl schwierigste Entscheidung, die es gibt.

24 Wochen
24 Wochen
(c) Filmladen

So etwas muss ja heute nicht mehr sein: Ein Satz, den werdende Eltern wohl hören, wenn sie ein Kind mit Behinderung erwarten. „So etwas.“ Auch im Film „24 Wochen“ von Anne Zohra Berrached, der bei der Berlinale präsentiert wurde und nun in den Kinos startet, fällt der Satz in ähnlicher Form: „Man muss solche Kinder heute nicht auf Biegen und Brechen bekommen“, sagt die Großmutter des ungeborenen Babys den Eltern. Muss man nicht? Darf man denn laut darüber nachdenken, sein Kind im sechsten, siebten, gar achten Monat abzutreiben?

Gemeinhin laufen solche Überlegungen jedenfalls meist im Stillen ab. Die große Mehrheit der Eltern, die von einer Behinderung ihres Kindes erfahren, entscheidet sich für einen Schwangerschaftsabbruch. Die Geschichten, die später erzählt werden, in den Medien, in Filmen, handeln fast immer von den wenigen, die sich für ihr behindertes Kind entschieden haben. „24 Wochen“ geht nun nicht der Frage nach, welche Entscheidung die moralisch richtige wäre, sondern was schon der Umstand, eine solche treffen zu müssen, für den Einzelnen, für eine Beziehung bedeutet – und wie man damit umgeht, wenn moderne diagnostische Technologien einem mehr über sein ungeborenes Kind verraten, als man eigentlich ertragen kann.

Dabei fängt natürlich alles ganz unbesorgt an. Astrid (Julia Jentsch) und Markus (Bjarne Mädel) sind ein gut situiertes Paar, sie ist eine gefragte, schlagfertige Kabarettistin, er ihr Manager. „Ist euch was aufgefallen?“, fragt sie vor jubelndem Publikum im Glitzerkleid, aus dem sich bereits der Babybauch wölbt. „Richtig, ich habe neue Schuhe!“ Später liegen die beiden mit der neunjährigen Tochter in der Hängematte und lesen Astrids Fanpost, und es scheint nichts zu geben, was ihr Familienglück trüben könnte.

Mit der ersten Diagnose gehen Astrid und Markus denn auch sehr gefasst um. „Es gibt auch leichte Formen von Down-Syndrom“, sagt die Ärztin ihnen wie zum Trost, und die beiden Eltern scheinen gewillt, ihr zu glauben. Die Frage nach der Schuld wird kurz gestellt, Astrid gibt zu, eine halbe Zigarette geraucht zu haben, und Markus entgegnet, das habe doch keinen Einfluss auf die Chromosomenzahl ihres Kindes. Nur kurz trübt das Wissen um die Behinderung die Fröhlichkeit und Sicherheit des Paares, bald sitzen die beiden lächelnd mit Freunden und Verwandten um den Esstisch und verkünden, dass sie das Kind natürlich bekommen werden.

 

Schmerzhafter Realismus

Dann kommt die nächste Diagnose. Ihr Sohn hat auch einen schweren Herzfehler, die Möglichkeit eines Abbruchs steht wieder im Raum, und damit weitere Fragen: Nach Verantwortung, nach Selbstbestimmung, danach, ob man die Kraft hat, ein schwer behindertes Kind großzuziehen, oder die Kraft, es zu töten: Denn ab der 24. Woche kann ein Kind außerhalb des Mutterleibs überleben, es müsste daher vor Einleitung der Wehen mit einer Spritze getötet werden.

Julia Jentsch spielt berührend die verzweifelte Mutter, die so gern ein sorgenfreies Leben hätte, Bjarne Mädel toll den Vater, der angestrengt versucht, seinen Optimismus zu bewahren. Im Film sind sie von echten Ärzten umgeben, was den Realismus der Szenen noch verstärkt. Wo ihnen die Worte fehlen, fängt Regisseurin Berrached mit in milchig-weißes Licht gehüllten Bildern die Stimmung ein. Als die Entscheidung näherrückt, schaut sie nicht weg, urteilt aber auch nicht. In diesen Momenten ist „24 Wochen“ so mutig und intensiv, dass es wehtut. Und der Schmerz wirkt noch nach, wenn Astrid am Ende bedrückt, aber sicher sagen wird: „Ich hätte mich so gern anders entschieden.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.09.2016)

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