"Inferno" im Kino: Dan Browns Tod in Venedig

Der Film "Inferno" nach dem Roman von Dan Brown führt sämtliche Schwächen des Bestsellerautors vor Augen - und vernichtet, was viele Leser fasziniert hat, gleich mit.

(c) Jonathan Prime

Tom Hanks ist älter geworden, richtig älter. Das passt zu seiner Figur, dem Symbologen Robert Langdon, den Hanks schon in den Verfilmungen der Romane „Sakrileg“ und „Illuminati“ gespielt hat. Langdon ist in „Inferno“, dem vierten Teil der Romanreihe, 49 Jahre alt. Außerdem ist er darin längere Zeit, gelinde gesagt, gesundheitlich schwer angeschlagen.

Tom Hanks' Alterserscheinungen haben im Film des bereits Dan-Brown-geübten Regisseurs Ron Howard zwischendurch auch etwas Sympathisches; vor allem im wehmütigen Erinnerungsaustausch mit der einzigen lebendig wirkenden Figur dieses Films, Sidse Babett Knudsen als WHO-Direktorin Elizabeth Sinskey. Fast immer aber wirkt der früher oft so großartige Schauspieler hier sagenhaft schwerfällig, steif, uncharismatisch. Er kann wohl kaum anders. Er demonstriert unfreiwillig – und mit ihm der ganze Film – überdeutlich die Alterserscheinungen des Systems Dan Brown. Eines unglaublichen Hypes rund um Verschwörungstheorien, Kryptologie und „brisant“ wirkende Bildungshäppchen, der sich schon vor Jahren selbst überlebt hat.

Dieser Hype begann 2002 mit dem Thriller „Sakrileg“ (im Original „The Da Vinci Code“), der über Nacht berühmt wurde. Zur Mischung aus religiöser, auf das Opus Dei anspielender Verschwörungstheorie (Maria Magdalena und Jesus seien verheiratet gewesen, die Kirche habe diese Wahrheit unterdrückt) und der Legende vom Heiligen Gral hatten Brown die fantasievollen Sachbuchautoren Michael Baigent und Richard Leigh inspiriert. Der Folgeroman „Illuminati“ mit Harvard-Professor Robert Langdon als Helden handelte ebenfalls von einer religiösen Verschwörung rund um den Illuminatenorden. Etwas weniger erfolgreich als diese zwei war 2009 „Das verlorene Symbol“, von den vier Langdon-Romanen der einzige nicht verfilmte. „Inferno“ schließlich ist 2013 erschienen, die Verschwörungstheorie diesmal: Ein Genetiker will mit einem Virus die halbe Menschheit ausrotten und damit das Problem der Überbevölkerung lösen.

 

Schade um Florenz und Dante

Eigentlich hat der Roman „Inferno“ wie seine Vorgänger sehr g'schmackige visuelle Ingredienzien – in diesem Fall Dantes Totenmaske, eine Botticelli-Malerei, die Kulissen von Florenz und Venedig . . . Man fragt sich, warum Regisseur Ron Howard diese Kulissen nicht mehr genutzt hat. Warum am Anfang des Films die dantesken Höllenbilder, die den kranken Robert Langdon heimsuchen, aussehen wie aus einem zweitklassigen Horrorfilm. Und warum der Soundtrack des Films wirkt, als käme jeder einzelne Takt aus irgendeinem jüngeren Actionfilm made in Hollywood. Das Gesetz des auch an den atemberaubendsten Kulissen atemlos vorbeijagenden Actionfilms wird dem Roman zum Verhängnis.

Und der Romanstoff dem Film – denn die kryptografischen, dialogreichen Schnitzeljagdteile sind auf der Leinwand einfach öde. Will man alles im Detail verstehen, sind Browns Romane ja keine unanstrengende Lektüre; der Autor verwirrt mit Absicht, der Kopf des Lesers soll schwirren vor Viertel- und Halbverstehen und in ihm das Gefühl entstehen, ein Lehrling zu sein in einer Loge der Eingeweihten, wie Langdon und Dan Brown. Beim Lesen freilich kann man die Verwirrung eigenhändig verringern, indem man das Tempo drosselt oder zurückblättert. Der Film „Inferno“ hingegen muss den Zuschauer durch die Theorieteile jagen, weil sie filmisch unergiebig sind.

Nur darin aber liegt die übergreifende Struktur von Browns Romanen. Ein Film wie „Inferno“ enthüllt, was ohne diesen Überbau von Dan Brown übrig bleibt: eine monotone Kette von Verfolgungs- und Schnitzeljagden. Mit Pappfiguren, die nicht einmal ein Tom Hanks zum Leben erwecken kann. Einzig das Ende in der antiken Zisterne von Istanbul ist visuell eindrucksvoll und endlich spannend. Zu spät, nach zwei vertanen Stunden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.10.2016)

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