Beckermann: "Ein Film muss atmen"

Gesichter der Liebe, Überraschungen beim Dreh: Regisseurin Ruth Beckermann hat mit "Die Geträumten" die Beziehung zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan verfilmt.

Ablenkung. Während Anja Plaschg und Laurence Rupp pausieren, wirkt das Ringen um die Sprache nach.
Ablenkung. Während Anja Plaschg und Laurence Rupp pausieren, wirkt das Ringen um die Sprache nach.
Ablenkung. Während Anja Plaschg und Laurence Rupp pausieren, wirkt das Ringen um die Sprache nach. – Ruth Beckermann Filmproduktion

Als vor einigen Jahren der Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan unter dem Titel "Herzzeit" als Buch herauskam, wurde klar: Die Liebesgeschichte zwischen den beiden deutschsprachigen Literaten war nicht nur intensiv, sondern oftmals auch un glücklich und höchst dramatisch. Letztendlich war es ihnen nicht möglich, als Paar zusammen zu sein. "Aber was ist eine unmögliche Liebe? Die Liebe hat viele Gesichter, und nicht jede muss zu einer Ehe führen. Der Wunsch, mit jemandem jeden Tag zu frühstücken, ist etwas anderes, als es dann auch tatsächlich zu tun!", sinniert die Filmemacherin Ruth Beckermann über die verschiedenen Arten zu lieben. Bachmanns und Celans Verhältnis sei auf jeden Fall eine mögliche Art gewesen: "Sie waren beide sehr komplizierte Menschen, und es war ihnen wohl von Anfang an klar, dass sie nicht miteinander leben werden." Der Ausgangspunkt des Verhältnisses ist Wien, 1948: Die beiden begegnen einander und verlieben sich. Schon nach wenigen Wochen trennen sie sich wieder, als Celan nach Paris geht, doch beginnen sie einen Briefwechsel, der rund zwanzig Jahre anhält. Einmal schreiben sie öfter, einmal seltener, ihre Sätze zeugen von Hochs und Tiefs, von Nähe und Missverständnissen, auch pragmatische Belange des Schriftstellerlebens verhandeln sie. Der letzte Brief ist mit 1967 datiert, 1970 begeht Celan Selbstmord, Bachmann stirbt drei Jahre später.

Beckermann, die viel liest, hat an diesen Briefen großen Gefallen gefunden. Die Idee, sie zu verfilmen, reifte, als sie die Literaturwissenschaftlerin Ina Hartwig kennenlernte. Zusammen arbeiteten sie ein Jahr lang an einem Drehbuch. "Die Geträumten" heißt der Film, der nach dieser Vorlage unter Beckermanns Regie entstanden ist. Der Titel ist den Briefen entlehnt: "Herzzeit, es stehn die Geträumten für die Mitternachtsziffer", schreibt Celan im Gedicht "Köln, Am Hof", das er 1957 an Bachmann schickt, als zwischen ihnen erneut eine kurze Affäre aufflammt. Bachmann, die an der Vertrautheit zweifelt, auch weil Celan inzwischen mit einer anderen verheiratet ist, antwortet: "Aber sind wir nur die Geträumten?"

Zeitlos. In der Tat muten viele Passagen der Briefe wie ein nicht erfüllter Traum an: "Sie haben sich die Liebe auch herbeigeschrieben", sagt Beckermann. Dass zwischen ihnen überhaupt eine Art der Liebe möglich war, "war schon sehr außergewöhnlich nach dem Krieg", glaubt die Filmemacherin, war doch er Jude, während ihr Vater bei der NSDAP gewesen war: "Jedes Wort bekommt noch eine zusätzliche Dramatik vor diesem Hintergrund." Insofern sei diese Nachkriegszeit-Beziehung einzigartig gewesen. Gerade weil die beiden einander immer ein wenig fremd blieben, war es für Regisseurin Beckermann aber auch eine ganz "exem plarische moderne Liebe. Weil es Teil der Moderne ist zu wissen, dass man den anderen nur zu einem gewissen Grad kennen kann." Mit dem Filmprojekt wollte sie herausfinden, wie die sehr starken Worte, die die Dichter füreinander gefunden haben, auch in der Zeit von Tinder und Co. noch wirken selbst wenn man nicht weiß, wer Bachmann und Celan waren: "Ich war davon überzeugt, dass diese Texte auch heute bei jungen Menschen etwas auslösen. Und dass es auch heute Paare gibt, die wirklich versuchen, Gefühle mit Worten auszudrücken, Gedichte zu schreiben. Auch wenn sie es anders machen, etwa in E-Mails."

Wegen dieses Interesses hat sie in ihrem Film den Fokus auf den "inneren Raum der Gefühle" gelegt, wie sie sagt. Anfänglich habe sie an Plätzen gefilmt, an denen die Literaten gelebt hatten, doch habe sie sich schnell dagegen entschieden: "Ich glaube, beim Film sind die negativen Entscheidungen oft die wichtigsten. Weil man durch Weglassungen stärker auf das fokussiert, was zentral ist." So ist der äußere Raum nun auf das ORF-Funkhaus in Wien beschränkt. Im Aufnahmestudio sprechen Musikerin Anja Plaschg, auch bekannt als Soap&Skin, und Schauspieler Laurence Rupp die Texte vor Mikrofonen ein. In Nahaufnahmen der Ge sichter zeigt die Kamera Emotionen, die dabei ausgelöst werden: "Jede Geste und jeder Blick bekommt eine Bedeutung, wenn man so ein reduziertes Kammerspiel macht", so Beckermann. Man sieht etwa Rupp mitgerissen lächeln, dann reißt Plaschgs Stimme ab, wenn die Sätze allzu pathetisch werden: "Ich habe alles auf eine Karte gesetzt und alles verloren", liest sie und muss ihre Tränen unterdrücken.

Neue Formen. Ob Plaschg und Rupp die Reaktionen spielen, ist mitunter schwer zu bestimmen: Der Film wagt einen Spagat zwischen Inszenierung und Improvisation, zwischen Fiktion und Dokumentarfilm. Letzterer ist ja das eigentliche Metier Beckermanns: Seit ihrem Erstlingswerk über die Besetzung der Wiener Arena 1977 bis zu ihrem letztem Film "Those Who Go Those Who Stay" über Migrationsbewegungen hat sie sich sehr subjektiv, aber immer dokumentarisch mit für sie virulenten Themen beschäftigt. Dabei versuche sie zwar immer, neue Formen auszuprobieren, aktuell arbeitet sie an einem Kompilationsfilm über die Waldheim-Affäre. Dass sie wie bei "Die Geträumten" mit einem präzisen Drehbuch und Schauspielern ans Werk geht, war allerdings das erste Mal für sie. "Das Experiment war auch, mit Plaschg und Rupp zu vereinbaren, dass wir nicht nur das Lesen drehen, sondern auch die Pausen," erklärt sie.

Für die Lesepausen seien nur Orte festgestanden, etwa die Kantine im Funkhaus, was dort passiert, sollte offenbleiben: "Das Überraschende finde ich generell sehr wichtig, weil ein Film atmen muss." Man sieht die beiden nun etwa, wenn sie sich beim Rauchen und Gesprächen über Tatoos oder Musik annähern, oder wenn sie distanziert und schweigend durch die Studioräume streifen ganz vergleichbar mit dem Spiel von Nähe und Distanz in den Inhalten der Briefe. Diese Inhalte werden mit Absicht nur in einer dieser Pausen diskutiert, so Beckermann: "Es sollte auf keinen Fall ein germanistisches Seminar werden!" Eine Frage habe Beckermann bei diesem Projekt noch beschäftigt: Sind Leben und Kunst vereinbar? "Gerade an Bachmanns Leben hat sich gezeigt, dass es sehr schwierig ist. Heute ist es einfacher, aber es gibt auch nicht so viele Schriftstellerinnen, die in dieser Radikalität arbeiten und trotzdem ein funktionierendes Familienleben führen."

Tipp

"Die Geträumten". Der Film von Ruth Beckermann mit Anja Plaschg und Laurence Rupp kommt am
16.Dezember ins Kino.

Retrospektive. Von 12.Dezember bis 5.Jänner findet im Filmmuseum zudem eine Schau aller Filme Beckermanns statt, mit Gesprächen.

("Kultur Magazin", 21.10.2016)

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