„Kater“: Adam und Adam, vertrieben aus dem Paradies

Schlummert in jedem von uns ein unberechenbares Element? Und wie viel kann die Liebe aushalten? Händl Klaus' zweiter Film, „Kater“, ist ein bewegendes Beziehungsporträt – und so intensiv, dass es wehtut.

Kater
Kater
(c) Thimfilm

Das Paradies ist ein altes, stilvoll eingerichtetes Haus mit einem großen Garten am Rand von Wien. Stefan (Lukas Turtur) und Andreas (Philipp Hochmair) leben hier gemeinsam mit ihrem Kater Moses ein lustvolles Leben: Sie erfreuen sich an Musik, am Kochen und Gärtnern, an ausgelassenen Feiern mit Freunden, Wein und gutem Essen, vor allem aber aneinander. Die beiden, Stefan ist Hornist in einem Orchester, Andreas dessen Disponent, pflegen eine zärtliche Beziehung, sind sehr verliebt, sexuell aufgeschlossen. Sie wirken glücklich.

Der österreichische Schriftsteller und Regisseur Händl Klaus baut die Idylle in seinem zweiten Film, „Kater“, sorgsam auf, um sie dann auseinanderzunehmen. Es ist ein kurzer Moment, der alles verändert, er kommt unangekündigt und ist schon vorbei, bevor man realisiert hat, was passiert ist. Ein Gewaltausbruch, mehr sollte nicht verraten werden, der fernab von Hollywood-Schockeffekten erschreckend ist, weil er Grundsätzliches infrage stellt: Sind wir immer wir selbst? Schlummert in jedem von uns ein unberechenbares Element? Kennt man den Menschen, den man liebt, kennt er sich selbst? Und: Wie viel kann die Liebe aushalten?

Ohne den Tathergang selbst näher zu analysieren, konzentriert sich der Film fortan auf die Folgen für die Beziehung der beiden. Es ist die ausgebreitete Darstellung der beiden Extreme, die „Kater“ so bewegend und so schmerzhaft macht: erst die große Leidenschaft, dann die große Entfremdung. Der erste Teil des Films zeigt in langen Nahaufnahmen sehr sinnliche, auch explizite Bilder einer aufregenden Partnerschaft. Heraus ragt eine Szene, in der Stefan und Andreas zu Miles Davis' „All Blues“ in einem wilden Paartanz übereinander herfallen, einander im gedimmten Licht streicheln, küssen und umkreisen wie spielende Raubtiere; die Kamera von Gerald Kerkletz dreht sich mit ihnen zum Takt der Musik. Die Nähe und Vertrautheit der beiden, auch ihre Nacktheit wird man später vermissen, wenn sie kaum noch gemeinsam in einem Bild zu sehen sind, wenn Andreas sich emotional verschließt und Stefan in ein tiefes Loch der Verzweiflung fällt. „Ich hätt mich so gern immer im Griff“, wird er sagen, und man spürt, wie sehr die Angst vor einem weiteren Kontrollverlust einen betäuben kann.

 

Biblische Symbolik

In seinen besten Momenten ist „Kater“ ein Liebesfilm von großer Intensität, in den anderen eine scharf beobachtende Charakterstudie, wunderschön in Bild und Ton eingefangen – Musik spielt überhaupt eine große Rolle, das RSO gibt (erweitert um Schauspieler wie Thomas Stipsits und Manuel Rubey) das Orchester, das Stefan und Andreas nicht nur Arbeit, sondern auch Freundschaft und Halt bietet. Über den ganzen Film hinweg zieht sich biblische Symbolik: Der Kater (Moses!) trägt eines Tages eine Schlange ins Haus – ein Omen? Dabei wird es aber nie plump oder allzu eindeutig: Am Ende wird es ausgerechnet ein Baum sein, der die Tür ins Paradies, aus dem Adam und Adam vertrieben wurden, wieder einen Spaltbreit öffnet – dabei aber auch Opfer fordert.

An der Glaubhaftigkeit des Films zweifelt man keine Sekunde, das liegt vor allem an dem nuancierten, einnehmenden (Zusammen-)Spiel der beiden Darsteller. Der Theaterschauspieler Lukas Turtur (derzeit an der Schaubühne Berlin) und der Wiener Film- und Theaterschauspieler Philipp Hochmair (bis 2009 an der Burg, jetzt in Hamburg) ziehen in den Bann – man will nicht, dass dieser Film aufhört, so schmerzhaft er auch oft ist. Über das Label „Schwulenkino“ ist „Kater“ trotz seiner ausgestellten Erotik übrigens erhaben. Im Kern steht die Beziehung zweier Menschen. Dass sie beide Männer sind, ist dabei nebensächlich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.11.2016)

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