Krieg in Aleppo: Bilder aus der Gefahrenzone

Am Donnerstag beginnt im Gartenbaukino das Menschenrechtsfilmfestival "This Human World".

Julia Sternthal & Djamila Grandits
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Julia Sternthal & Djamila Grandits
Julia Sternthal & Djamila Grandits – (c) ELSA OKAZAKI

Der Kanarienvogel flattert nervös im Käfig. „Er hat Angst“, sagt die Mutter des Regisseurs, doch eigentlich meint sie sich selbst. Im Zimmer ist es dunkel, nur beim Balkon kommt etwas Tageslicht herein. Vor Kurzem hatte man dort einen Blick auf die gegenüberliegende Wohnung. Aber von ihr ist nur noch ein Geröllhaufen übrig. Der Krieg ist in Aleppo angekommen.

Diese und andere Aufzeichnungen aus der Gefahrenzone fügen sich in „Houses without Doors“ von Avo Kaprealian zu einem düsteren Stimmungsbild, das den abgenutzten Medienbildern der syrischen Katastrophe eine eindringliche Privatperspektive entgegenstellt. Der Film eröffnet heute im Gartenbaukino das Filmfestival „This Human World“: eine mutige Programmentscheidung. Statt polierte Info-Clips aneinanderzureihen, setzt Kaprealians Video-Essay auf die intime Vermittlung einer Isolationserfahrung. Gedreht wurde es zwischen 2012 und 2015, bevor die armenischstämmige Familie des Filmemachers die Flucht ergreifen musste. Die Bilder sind billig, weil keine bessere Kamera zur Verfügung stand, die Aufnahmen flüchtig, weil Assads Geheimpolizei nie schläft. Aber durch die poetische Montage bekommt man ein besseres Gefühl dafür, was eine reale Kriegsbedrohung für die Weltwahrnehmung bedeutet, als durch Hunderte TV-Dokus.

 

Geschichten aus Paris und Peru

Vielleicht ist das ein Zeichen dafür, dass sich das seit 2008 bestehende Festival unter neuer Leitung (Djamila Grandits und Julia Sternthal) von seinem Themenfilmruf abheben will. Vom 1. bis zum 11. Dezember wirft es in vier Wiener Kinos und über hundert Filmen Schlaglichter auf Missstände und Hoffnungen in der globalisierten Welt. Darunter sind heuer viele Arbeiten, die tatsächlich die große Leinwand brauchen. Alice Diops „La permanence“ etwa spielt komplett in der Praxis eines Pariser Arztes. Seine Patienten sind vorwiegend Menschen mit ungeklärtem Aufenthaltsstatus. Szene für Szene sitzt er ihnen gegenüber, blickt in ihre übermüdeten Gesichter, hört ihre Geschichten – und erst in diesem Zeitnehmen erschließt sich die Verletzlichkeit ihrer Existenzen.

Zeit nimmt sich auch „Eldorado XXI“, der die extremen Lebensbedingungen im Umfeld einer peruanischen Goldmine als aschfahles Endzeitpanorama inszeniert. Und wer sich für die Zukunft wappnen will, kann immer noch Werner Herzog fragen: Dessen herrlich verschrobene Internetexegese „Lo and Behold, Reveries of the Connected World“ läuft am Sonntag nach der österreichischen Wahl.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.12.2016)

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