Irak: Bomben zünden im Kino nicht

In den USA gelten die Filme zu aktuellen Kriegsthemen als notorische Flops. Auch im Ausland können sie keinen allzu großen Eindruck hinterlassen. Der Grund dafür ist politisch – aber es ist die Politik des Marktes.

(c) Concorde

Ein „dunkles Zeitalter“ droht, glaubt man einem Eintrag im Online-Blog von US-Kritikerpapst Roger Ebert. Grund der düsteren Prognose: Kathryn Bigelows virtuoser Thriller The Hurt Locker wird vom jungen Publikum ignoriert, obwohl der Film sonst ein unerwarteter Erfolg ist. Als unerwartet gilt der Erfolg wegen des Themas: Bigelows Film über eine Bombenentschärfer-Eliteeinheit spielt im Irak.

Die Frage geistert seit Jahren durch die US-Medien: Warum sind Filme mit aktuellem Kriegsthema unweigerlich Flops? Die Bilanz ist jedenfalls ernüchternd, blickt man auf die enttäuschenden Einspielergebnisse von oft starbesetzten Spielfilmen in der Heimat: Trotz Tom Cruise, Meryl Streep und Regisseur Robert Redford in den Hauptrollen brachte es das (äußerst wortlastige) Afghanistan-Drama Von Löwen und Lämmern gerade mal auf 15 Millionen US-Dollar, die Irak-Heimkehrer-Tragödie Im Tal von Elahmit Tommy Lee Jones und Charlize Theron spielte keine sieben Millionen Dollar ein.

Berüchtigter Flop für Brian De Palma

Besonders berüchtigt ist der Fall Redacted:Das Agitprop-Experiment von Starregisseur Brian De Palma erreichte 60.000 Dollar Kinoeinnahmen. Insbesondere erzürnte konservative Kommentatoren führten das auf sein Sujet zurück: US-Besatzungssoldaten vergewaltigen eine Irakerin. Dabei hatte De Palma im Prinzip dieselbe Geschichte schon 1989 in Die Verdammten des Krieges vor dem Hintergrund von Vietnam verfilmt, mit akzeptablem Box Office. Tatsächlich lief Redacted einfach nur in einem Dutzend Kinos: Der Film war eigentlich eine Low-Budget-Auftragsarbeit für einen Digitalkanal.

The Hurt Locker läuft noch in den USA, wird auch höchstens 15 Millionen Dollar einspielen: Dennoch ein Erfolg, weil es keine Marketingkampagne, keine Stars in den Hauptrollen gibt. Bigelow hat den Film unabhängig produziert (um etwa elf Millionen), um die Einmischungen der großen Hollywood-Studios zu vermeiden. Das erklärt die mitreißende Kompromisslosigkeit ihrer absolut realistisch wirkenden Spannungsinszenierung. Die ironische Folge: Der packendste US-Actionfilm der letzten Jahre wird vertrieben, als wäre er eine „delikate, exotische Blume für die Kunstkinos“, wie die New York Times trocken anmerkte.

Das Kassengift-Stigma der Kriegsfilme beeinflusst auch den internationalen Verleih: In Deutschland startete Bigelows Thriller klein, unter dem verwechselbaren Titel Tödliches Kommando, in Österreich wurde der Kinoeinsatz kurzerhand abgeblasen. (Der Film läuft nur als Premiere im Österreichischen Filmmuseum, die heutige Vorstellung ist so gut wie ausverkauft.) Die Logik solcher Verleihentscheidungen scheint, dass Europäer schon gar nicht interessieren kann, was nicht Amerikas Kinos erobert. Es waltet eine eigentümliche Erfolgslogik von Hollywood-Marketing: Woche für Woche wird ein vorprogrammierter Blockbuster medial breit lanciert, die Konkurrenz in die Nische gedrängt – gegen Transformers 2 und G.I. Joe hatte The Hurt Locker keine Chance, wiewohl inszenatorisch, intellektuell und als Entertainment weit überlegen.

 

Desinteresse auch an Dokumentationen

Die Hauptzielgruppe der globalen Marketingmaschine sind Teenager, ergo Eberts eingangs erwähntes „dunklen Zeitalter“, in dem die Jungen wie Lämmer der Werbung und dem sozialen Druck durch gleichgeschaltete Gleichaltrige folgen. Aber die meisten Kriegsfilme zielen auf ein anspruchsvolleres und/oder älteres Publikum. Da sieht es nicht viel besser aus. Für Spielfilme belegen das die oben zitierten Zahlen. Aber der größte Teil der Filme über Irak sind Dokumentationen, die dank digitaler Mittel heute leichter herzustellen sind: Im Vergleich zu Vietnam hat sich die Menge mindestens verzehnfacht – bei gleich bleibendem Desinteresse. Damals hatte selbst der Oscar-Sieger Hearts and Minds kaum Publikum, heute kann es die vielen ähnlichen Arbeiten nicht einmal auseinanderhalten.

US-Kritiker Anthony Kaufman analysierte das knapp: „Die zehn erfolgreichsten Dokumentarfilme in Amerika haben entweder Michael Moore, Tiere oder große Publicity-Kampagnen.“ Doku-Erfolge wie Die Reise der Pinguine oder Eine unbequeme Wahrheit mit Al Gore werden ebenfalls mit Millionensummen vermarktet, für kleine Kriegsdokumentationen ist das undenkbar.

Ist der Flop von Kriegsfilmen also politisch, wie gemeinhin behauptet wird? Bezeichnenderweise beeilten sich die Kritiker ebenso wie Bigelow selbst, The Hurt Lockerals „unpolitisch“ zu deklarieren, um ein vermeintliches Vorurteil auszuhebeln. Aber es ist ein hochpolitischer Film, nur deklariert er sich nicht pro oder kontra Irak-Besatzung. Der Politikbegriff ist eben durch oberflächliche Verwendung entwertet. Der Misserfolg der Filme hat tatsächlich politische Gründe – aber es ist die Politik des Marktes.

Flops trotz STARS

Ob Tom Cruise und Robert Redford(„Von Löwen und Lämmern“, Boxoffice: 15 Mio. $) oder Tommy Lee Jones und Charlize Theron („Im Tal von Elah“, 7 Mio. $): Trotz großer Namen enttäuschen die Einspielergebnisse von Filmen mit Kriegsthematik in den USA.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.10.2009)

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