Goebbels-Sekretärin: "Gehöre zu den Feigen"

Unerhört lebendig erzählt die 103-jährige Brunhilde Pomsel in "Ein deutsches Leben" von ihrer Vergangenheit in Berlin und bei Goebbels. Das Nebeneinander des scheinbar Unvereinbaren ist das Unheimlichste daran. Dabei kennen wir es alle.

„Rundfunk oder Propagandaministerium, war doch alles dieselbe Sauce“: Pomsel über ihren Jobwechsel. Sie starb 106-jährig – am Holocaust-Gedenktag.
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„Rundfunk oder Propagandaministerium, war doch alles dieselbe Sauce“: Pomsel über ihren Jobwechsel. Sie starb 106-jährig – am Holocaust-Gedenktag.
„Rundfunk oder Propagandaministerium, war doch alles dieselbe Sauce“: Pomsel über ihren Jobwechsel. Sie starb 106-jährig – am Holocaust-Gedenktag. – (c) Polyfilm

Das Erste, was ins Auge springt, sind die Falten. Ein Gesicht wie ein Faltengebirge, von der Kamera raffiniert in Licht und Schatten getaucht, zugleich unerhört lebendig: nicht nur für eine 103-Jährige. Aus ihm macht die Kamera eine Landschaft, von ihm macht sie zugleich, wie unter dem Mikroskop, jedes kleinste Härchen sichtbar. Es ist das Gesicht der Brunhilde Pomsel, das fast den ganzen Film hindurch zu sehen ist, und die Art, wie es gefilmt ist, ist schon wie eine Botschaft an den Zuschauer, oder eigentlich wie zwei. Die erste Botschaft: Hier kommen wir ganz nah ran – an eine Person, ihr Leben, an die Zeit, um die es geht. Die zweite, ebenso zentrale Botschaft: Achtung! Das hier ist eine inszenierte Geschichte.

Die Geschichte der Brunhilde Pomsel, die 1911 in Berlin geboren wurde und diesen Jänner im Alter von 106 Jahren gestorben ist – am Holocaust-Gedenktag, ausgerechnet. Die als junges Mädchen bei einem jüdischen Rechtsanwalt arbeitete, in den Dreißigerjahren beim Rundfunk eine Stelle als Sekretärin und Stenografin hatte und schließlich 1942 die Gelegenheit erhielt, im Ministerbüro von Joseph Goebbels als Sekretärin zu arbeiten. Nach fünfjähriger Internierung durch die Sowjets arbeitete sie in der Nachkriegszeit wieder beim Rundfunk, unter anderem bei der ARD.

„Das fand ich sehr edel von mir“

Bei Goebbels zu arbeiten, war „nett“, erzählt sie. „Gar nicht Partei“, schöne Möbel, freundliche Leute. „Ungemein gepflegt“ sei Goebbels immer gewesen, ein bisschen arrogant, ein toller Schauspieler. Nie habe er im Büro die Contenance verloren. „Ein einziges Mal sagten wir alle: Er hat gebrüllt!“ Einmal, glaubt sie sich zu erinnern, musste sie Akten über die Geschwister Scholl in einen Panzerschrank tun. Er verlasse sich auf sie, dass sie nicht reinsehe, habe ein Vorgesetzter gesagt, und obwohl sie so gern „nachgeguckt“ hätte, habe sie's nicht getan: „Ich war stolz auf mich. Das fand ich sehr edel von mir.“

Nein, Brunhilde war nicht „Goebbels Sekretärin“, mag man das derzeit auch häufig lesen. Brunhilde Pomsel war eine Sekretärin im Büro des Propagandaministers, offenbar ohne irgendeine Art von persönlicherem Kontakt zu ihm. Eine Nuance – aber eine entscheidende. Und dass man sie nun eineinhalb Stunden erzählen hören und sehen kann, ist nicht deswegen wertvoll, weil, wie eine unsägliche Internetschlagzeile es formuliert hat, „Goebbels Sekretärin“ hier „auspackt“. Sondern gerade weil sie eines der vielen sprichwörtlichen Rädchen im Nazigetriebe war – die wir zwar schon oft haben erzählen hören, aber nicht oft so bildhaft, so lebendig, ja so schauspielerisch begabt wie hier.

„Rundfunk oder Propagandaministerium, war doch alles dieselbe Sauce“, sagt sie über ihren Jobwechsel. Und dass sie sich von den Sowjets „absolut falsch behandelt“ fühlte, „weil ich ja nichts getan hatte, als bei Herrn Goebbels getippt, und was dahinter steckte, wusste ich ja alles gar nicht.“ Sie bewundere die politisch bewussten jungen Leute von heute, ihre Eltern hätten nie über Politik geredet, „verspielt“ und „oberflächlich“ sei sie gewesen. Nur von KZs als „Umerziehungslagern“ hätten sie gewusst, und dass ein schwuler Rundfunkmitarbeiter dorthin gebracht worden sei. „Keiner hat sich Gedanken darüber gemacht. Man glaubt es uns immer nicht. Nichts haben wir gewusst.“ Außerdem: „Ich gehöre zu den Feigen.“

Mit der jüdischen Freundin zur Partei

Immer wieder ist die jüdische Freundin Eva mit von der Partie, die kaum Geld hat und im Lokal immer von den Freunden eingeladen wird. Als Brunhilde sich nicht lang nach Hitlers Machtergreifung in der NSDAP einschreiben will, um den Job im Rundfunk zu bekommen, „hat die Eva gesagt, ich geh mit!“ Später besucht Eva Brunhilde immer wieder dort, im Ministerium dann nicht mehr: „Ich hab' ihr gesagt, ich arbeite jetzt beim Goebbels, vergiss deinen Besuch.“ Brunhilde besucht Eva noch nach ihrer Übersiedlung in einen anderen Vorort – „es war so ärmlich dort“. 1945 findet sie ihren Namen auf einer Stele. Eva „hat mit uns allen am Tisch gesessen“, sagt sie noch. „Eva gehörte dazu.“

Wie passt das alles zusammen? Eben: gar nicht. Aber warum sich wundern? Kinder sind fähig, zugleich an den Osterhasen zu glauben und irgendwie doch nicht; Erwachsene switchen binnen Sekunden von politischer Empörung zur Planung des nächsten Fitnesslaufs. Menschen erzählen den anderen, aber vor allem sich selbst ständig Geschichten – und zwar viele verschiedene parallel, die einander durchaus widersprechen können. Nicht die Schrecklichkeiten der Zeit, von der Pomsel erzählt, machen „Ein deutsches Leben“ unheimlich – sondern genau dieses Nebeneinander von scheinbar unvereinbaren Gefühlen und Verhaltensweisen. Eine wirklich gute Gelegenheit, sich selbst zu begegnen, sich selbst zu hinterfragen.

DER FILM, DAS BUCH

Am Freitag, den 7. April, startet „Ein deutsches Leben“ in österreichischen Kinos. Ein vierköpfiges Team (Österreicher Christian Krönes, Olaf S. Müller, Roland Schrotthofer, Florian Weigensamer) hat ihn gedreht, er wurde am 1. April bei der Diagonale vorgestellt. Thore D. Hansen hat ein gleichnamiges Begleitbuch zum Film geschrieben (Europa Verlag), mit dem Untertitel: „Was uns die Geschichte von Goebbels' Sekretärin für die Gegenwart lehrt.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.04.2017)

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