Einsteigen bitte, Gott sitzt am Steuer

Kritik  „American Gods“ auf Amazon macht alles, um cool zu wirken: Falsche Fährten gehören dazu – und Blutfontänen natürlich. Leider ist der Hauptstrang der Erzählung eher platt.

Ein alter Gott (Ian McShane als Mr. Wednesday vulgo Odin) kämpft mit Hilfe eines Sterblichen (Ricky Whittle als Shadow Moon) um seine Existenz. Aber was, bitte, macht das Bison da?
Schließen
Ein alter Gott (Ian McShane als Mr. Wednesday vulgo Odin) kämpft mit Hilfe eines Sterblichen (Ricky Whittle als Shadow Moon) um seine Existenz. Aber was, bitte, macht das Bison da?
Ein alter Gott (Ian McShane als Mr. Wednesday vulgo Odin) kämpft mit Hilfe eines Sterblichen (Ricky Whittle als Shadow Moon) um seine Existenz. Aber was, bitte, macht das Bison da? – (c) Amazon

Schon am Beginn steht ein Gewaltexzess. Die Wikinger befinden sich auf der Suche nach neuen Welten, doch als sie am Ufer einer sehr wirtlich aussehende Insel landen, werden sie ausgesprochen unwirtlich empfangen. Ein Pfeilregen! Nichts wie weg! Doch das ist leichter gesagt als getan, kein Lüftlein weht. Um die Götter gnädig zu stimmen, stechen sich die Seeleute gegenseitig die Augen aus. Als das nichts hilft, folgt ein Gemetzel auf Leben und Tod. Gliedmaßen segeln durch die Luft, als handle es sich um Puppenarme, Puppenbeine, und das Blut spritzt, ach es spritzt so schön, wie Blut in Wirklichkeit nie spritzen kann, so hell und klar und leuchtend und in perfekten Fontänen. Und siehe da, der Wind frischt auf, geschafft. Zurück bleibt eine Statue.

 

Odin alias Mr. Wednesday

Und schon sind wir mitten drin. Also nicht in der Geschichte selbst, die spielt größtenteils in der Gegenwart und erzählt vom Kampf des Gottes Odin alias Mr. Wednesday gegen die neuen Götter der Technik und vom Ex-Häftling Shadow Moon, der ihn in diesem Kampf unterstützen soll. Aber schon die ersten Minuten verraten fast alles darüber, wie diese Serie konzipiert ist: Es geht um Gewalt, keine schmutzige Gewalt, sondern um Gewalt, die glänzt wie das Silberbesteck der Großmama. Es geht um schöne, große Bilder, um große alte Mythen – und es geht darum, uns zu verwirren. Nie, nie, nie sollen wir wissen, was uns in der nächsten Sekunde erwartet. Was, bitte, hat es zum Beispiel mit der grimmigen Statue auf sich, die von den Seeleuten auf der Insel zurückgelassen wird?

Gewalt und Verwirrung – das braucht eine Serie, damit sie als cool durchgeht: Die Gewalt, um sich vom Harmlosen abzugrenzen, und die Verwirrung, weil man nicht mit irgendeiner vorhersehbaren traditionellen TV-Produktion verwechselt werden will. Darum ist hier das Tote nicht tot, das Lebendige lebt nicht, der Feind ist dein Freund oder auch nicht, darum weiß man nie, in welcher Mythenwelt man sich gerade befindet, und weil die Serie wirklich gut gemacht ist, setzt sich das bis in die kleinsten Verästelungen fort: Als Mr. Wednesday und Shadow Moon auf der Suche nach verbündeten Göttern durch die USA reisen, kehren sie unter anderem bei drei Schwestern ein, wobei die älteste locker als Großmutter der jüngsten durchgehen könnte, und auch emotional bleibt die Beziehung der drei zueinander schleierhaft. Mag sein, dass das Buch Neil Gaimans, auf dem diese Serie beruht, den einen oder anderen Hinweis geben könnte. Aber nötig ist das nicht, im Gegenteil: Die Undurchdringlichkeit der Serie ist ihr größter Reiz.

Außerdem gibt es ja noch, damit wir nicht ganz aus der Kurve geschleudert werden, die Figur des Shadow Moon. Der kennt sich genauso wenig aus wie wir selbst: Wieso wurde er aufgeknüpft? Und wer hat ihn vom Strick befreit? Warum erklärt ihm niemand was? Und kann er wirklich durch reine Konzentration dafür sorgen, dass es schneit?

 

Ricky Whittle mit Hundeblick

Diese Figur ist auch die größte Schwäche der Serie: Ricky Whittle hat sich zwar einen beeindruckenden Oberkörper antrainiert, aber keine besonders raffinierten Schauspielkünste. Und auch wenn er es getan hätte: So schillernd und variantenreich die Geschichten rund um all die alten und neuen Götter sind, so hanebüchen ist die Geschichte von Shadow Moon ausgefallen: Der harte Kerl bezirzt die Welt mit seinem Hundeblick, hört auf den Kosename „Puppy“, ist im Gefängnis gelandet, weil er seiner Frau einen sehnlichen Wunsch erfüllen wollte – und wird dann auch noch von ihr betrogen. Dafür muss sie allerdings büßen, sie stirbt mit dem Glied ihres Liebhabers im Mund. Leider fehlt der Serie der Humor.

Aber egal, dafür gibt es einige schöne Szenen mit Pusteblumen und Sternen, ein Alptraum wie von Kubin ausgedacht (diese Vagina frisst wirklich Männer!) – und die Geschichte eines taxifahrenden Gottes, der dem Passagier schon beim Einsteigen erklärt, dass er keine Wünsche erfüllt.

„American Gods“: seit 1. Mai bei Amazon Prime, wöchentlich geht eine neue Folge online. Die Serie beruht auf dem gleichnamigen Roman von Neil Gaiman. Idee: Bryan Fuller und Michael Green.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.05.2017)

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Meistgelesen
    Meistgekauft
      Kommentar zu Artikel:

      Einsteigen bitte, Gott sitzt am Steuer

      Schließen

      Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
      Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.