Filmfestival Cannes schützt sich mit Miliz und beweist Mut

Das Festival wird 70 und strotzt vor großen Namen. Michael Haneke könnte zum dritten Mal gewinnen. Desplechins Eröffnungsfilm verwirrte – aber auf bezaubernde Weise.

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Symbolbild. – (c) imago/teutopress (teutopress GmbH)

Die Filmfestspiele in Cannes sind eine janusköpfige Sache. Manchmal fühlen sie sich an wie eine Sommerfrische, manchmal wie eine Strafkolonie – und manchmal wie beides zugleich. Auf der einen Seite die Meeresluft der Côte d'Azur, das (meist) gute Wetter, die üppige Filmauswahl. Auf der anderen die Menschenmengen, der Sichtungsstress und das ewige Schlangestehen. Heuer fallen diese Widersprüche noch extremer aus: Denn die Grande Dame unter den A-Festivals feiert ihren Siebziger. Mit Stars wie Nicole Kidman, Dustin Hoffman und Jurymitglied Will Smith.

Die Paparazzi tummeln sich schon auf der sonnigen Croisette, zugleich liegt eine unmerkliche Spannung in der Luft, die von den (wieder einmal) erhöhten Sicherheitsvorkehrungen herrührt. Das Echo des Lkw-Anschlags auf eine Strandpromenade im benachbarten Nizza hallt in Cannes besonders laut. Bürgermeister David Lisnard hat einen israelischen Sicherheitsexperten die Gefahrenlage einschätzen lassen, neue Überwachungskameras installiert und eine Art Zivilmiliz eingesetzt, die Auffälliges melden soll. Am Kinoeinlass stehen Metalldetektoren.

 

Hanekes „Happy End“: Dritte Palme?

Sicherheit schätzt auch Cannes-Intendant Thierry Frémaux, auf dem Festivalgelände wie im Programm. Er setzt mit Vorliebe auf große, etablierte Namen – und fährt in puncto Medienpräsenz ziemlich gut damit. Nicht nur das Blockbusterkino tendiert in Richtung Monopolismus: Auch im Festivalzirkus drängen die ansehnlichsten Attraktionen ihre Konkurrenz vermehrt ins Hintertreffen. Und Cannes saugt renommierte Autorenfilmer auf wie ein Schwamm. Im Wettbewerb finden sich dieses Jahr Arthaus-Aufsteiger wie Ruben Östlund und Yorgos Lanthimos – aber auch Veteranen wie Michael Haneke, der sich mit seinem Beitrag „Happy End“ (mit Isabelle Huppert und Jean-Louis Trintignant) Hoffnungen auf einen historischen Goldpalmen-Hattrick machen darf.

Hollywood ist heuer weniger präsent – dafür sind die Streamingdienste Netflix und Amazon mit je zwei Filmen im Wettbewerb vertreten. Besonders im Fall von Netflix sorgte das für eine Vorabkontroverse: Der Internetvideoanbieter war nicht bereit, der vom französischen Kinoverband FNCF geforderten Leinwandpräsenz seiner Produktionen im gewünschten Ausmaß nachzukommen. Das Festival reagierte mit einer neuen Regel: Wer in den Wettbewerb will, muss einen Kinostart in Frankreich garantieren. Wirksam wird das Dekret aber erst 2018.

Es liest sich wie ein Bekenntnis zur siebten Kunst in ihrer klassischen Form, passend zur Jubiläumsausgabe des traditionsreichen Filmevents. Cannes gibt sich wieder betont cinephil – obwohl viele der spannendsten „Auteurs“, wie so oft, auf einen Platz in der unabhängigen Nebensektion Quinzaine des réalisateurs verwiesen wurden. Doch eines muss man Frémaux lassen: Mit dem Eröffnungsfilm „Les fantômes d'Ismaël“ hat er diesmal wirklich etwas Mut bewiesen. Nicht dass der Regisseur Arnaud Desplechin ein Unbekannter wäre, ganz im Gegenteil. Aber sein Werk entzieht sich einfachen Kategorisierungen und bleibt bei allem Unterhaltungsanspruch völlig unberechenbar.

 

„Les fantômes d'Ismaël“ : Schrullig gut

Sein jüngster Streich bildet da keine Ausnahme. Er beginnt als Agententhriller, kippt dann plötzlich in den Modus eines autobiografisch angehauchten Melodrams und mutiert irgendwann zur schrulligen Metaklamotte. Im Mittelpunkt steht eine Dreiecksbeziehung: Der neurotische Filmemacher Ismaël (herrlich tragikomisch: Desplechins Stammschauspieler Mathieu Amalric mit Wuschelkopf und Stoppelbart) verliebt sich in eine Astrophysikerin (Charlotte Gainsbourg) und nimmt mit ihr in seinem Landhaus Zuflucht vor dem Alltag. Die Idylle zerreißt, als Ismaëls seit Jahrzehnten verschollene Gattin, Carlotta (Marion Cotillard), anklopft und ihren Mann zurückhaben will. Das führt zu Tränen, ekstatischen Liebesszenen und emotionalen Eskalationen – bis alles auseinanderfällt. Und dann setzt es Desplechin auf faszinierende Weise wieder zusammen. Der Thriller vom Anfang erweist sich als stockendes Filmprojekt. Dessen Fantasiewelt hilft dem gequälten Regisseur, seine Gespenster auszutreiben.

Fraglos werden viele „Les fantômes d'Ismaël“ als konfus abtun: Der Film wechselt abrupt Register und Perspektiven, blödelt mit explodierenden Handys und angeschossenen Produzenten, um Momente später in hohes Pathos zu verfallen. Kohärent ist das alles nicht (es handelt sich um eine für Cannes gekürzte Fassung) und überdies voll von Desplechins Privatmythologie – aber nichtsdestoweniger tief gefühlt und bezaubernd in seiner Exzentrik, wie der bizarre Tanz, den Cotillard an einer Stelle des Films zu den Klängen von Bob Dylans „It Ain't Me Babe“ aus ihrem Körper schüttelt. Diese Art von Idiosynkrasie ist nur im Kino möglich, möchte man fast sagen. Wenn da nicht die neue „Twin Peaks“-Staffel wäre: Kommende Woche wird sie in Cannes präsentiert. Ob sie ihre Schrulligkeitsversprechen einlöst? Man wird sehen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.05.2017)

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