„Before I Fall“: Täglich grüßt die Highschool-Hölle

KritikEin beliebtes Teenagermädchen gerät in „Before I Fall“ in eine Zeitschleife – und soll dabei Verantwortung lernen. Eine Klischeeparade im Repeat-Modus, derzeit im Kino.

Sie hat alles, nur auf menschlicher Ebene fehlen ihr noch ein paar Kompetenzen: Sam (Zoey Deutch, rechts, neben Halston Sage). Die Zeitschleife gibt ihr Gelegenheit zur Nachhilfe.
Sie hat alles, nur auf menschlicher Ebene fehlen ihr noch ein paar Kompetenzen: Sam (Zoey Deutch, rechts, neben Halston Sage). Die Zeitschleife gibt ihr Gelegenheit zur Nachhilfe.
Sie hat alles, nur auf menschlicher Ebene fehlen ihr noch ein paar Kompetenzen: Sam (Zoey Deutch, rechts, neben Halston Sage). Die Zeitschleife gibt ihr Gelegenheit zur Nachhilfe. – (c) Polyfilm

Es war der „Murmeltiertag“, der Bill Murray 1993 in „Und täglich grüßt das Murmeltier“ gefangen hielt. Für Teenagermädchen Sam, das im neuen Film mit dem sperrigen Titel „Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie“ (im Original schlicht: „Before I Fall“) in eine ähnliche Zeitschleife fällt, ist es der „Cupid Day“: eine Kombination aus Valentinstag und den für amerikanische Highschools so typischen Beliebtheitswettbewerben. Wer von seinen Kollegen die meisten Rosen einstreift, dem ist Ehre auf dem Gang sicher; wer leer ausgeht, bekommt Hohn und Spott.

Sam (Zoey Deutch) gehört zu den Mädchen erster Kategorie: Mit perfekten Haaren schreitet sie an der Seite ihrer wohlstandsverwahrlosten Girlie-Clique durch das stereotype Highschool-Soziotop im hügeligen Nordwesten der USA, ignoriert den süßen Burschen, der sie seit Jahren anhimmelt, mobbt eine Mitschülerin wegen deren zotteliger Mähne und düsteren Kunstgeschmacks als „Psycho“ und freut sich auf die Party am Abend, wo sie zum ersten Mal mit ihrem Draufgängerfreund Rob schlafen will. Damit wäre das Thema Jungfräulichkeit, der einzige Minuspunkt auf Sams Coolness-Konto, auch erledigt. So weit kommt es aber (vorerst) nicht: Nach ein bisschen beschwipstem Schmusen und einem handgreiflichen Streit mit „Psycho“ Juliet macht sich Sam mit ihren Freundinnen auf den Heimweg. Dann kracht es plötzlich, der SUV überschlägt sich mehrmals – und Sam müsste eigentlich tot sein. Stattdessen wacht sie in ihrem Bett auf. Und wieder ist Cupid Day.

 

Auch Mobbing wird irgendwann fad

Der Tag ist eine einzige Klischeeparade – und dass er sich ständig wiederholt, nutzt Regisseurin Ry Russo-Young (nach einem Drehbuch auf Basis des gleichnamigen Romans von Lauren Oliver) zwar nicht gerade dazu, die Klischees aufzubrechen, aber immerhin, um die Protagonistin ihre Rolle im gnadenlosen Teenagergefüge hinterfragen zu lassen. Die Idee: Wer immer wieder vor dieselbe Situation gestellt wird, erkennt, dass er eine Wahl hat, dass er für sein Tun verantwortlich ist – und dass jede Entscheidung Folgen hat. Eigentlich eine wertvolle Lektion für Heranwachsende. Das Leben im Repeat-Modus ruft auch Sam zur Vernunft: „Warum hassen wir Juliet noch einmal?“, fragt sie etwa ihre Freundinnen, als das immer gleiche Mobbing schon ein bisschen fad wird.

Läuterung war auch bei Bill Murray das Ziel, der Weg dahin gestaltete sich aber weitaus vergnüglicher: Seine Erkenntnis, dass er als Gefangener der Zeit de facto Narrenfreiheit hat, veranlasste ihn zu rücksichtslosem Hedonismus. Bei Sam wohnt selbst dieser rebellischen Phase eine Verzweiflung inne, jugendliche Sinnsuche ist eben keine Hetz, auch nicht im übernatürlichen Setting. Ästhetisch kommt der Film kühl bis trist daher (es ist ein grauer Regentag, der sich hier wiederholt) und nimmt trotz treibenden Soundtracks nicht wirklich Fahrt auf.

So durchlebt Sam also verschiedene Versionen ihres Tages und versucht dabei, ein besserer Mensch zu werden – dafür, dass es um die Überwindung von Egozentrik geht, interessiert sich der Film aber denkbar wenig für die anderen Figuren. Sie bleiben eindimensionale Abziehfiguren, während Hauptdarstellerin Zoey Deutch der anfangs eher charakterarmen Sam mit jeder Runde im Zeitkarussell neue Facetten abringt.

Was wirklich schade ist, ist, dass dem jugendlichen Publikum keine eigenen Schlüsse zugetraut werden. Selbst offensichtlichste Sachverhalte werden wiederholt durchgespielt, die Moral der Geschichte wird durch lähmende, semiphilosophische Voice-overs klargestellt: Lebe jeden Tag so, wie du erinnert werden willst. Ob man sich an diesen Film noch lang erinnern wird?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.06.2017)

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