Wonder Woman, eine Kämpferin wider Willen

KritikTrotz Vorab-Kontroversen schaffte es die Superheldin an die Spitze der US-Kinocharts, ab Donnerstag läuft der Film auch hierzulande. Eine Heldengeschichte, die diesen Namen verdient.

Der Film hat Leichtigkeit und Humor, etwa wenn die Amazonen-Prinzessin Diana (Gal Gadot) sich ins London der 1910er-Jahre einzuleben versucht.
Der Film hat Leichtigkeit und Humor, etwa wenn die Amazonen-Prinzessin Diana (Gal Gadot) sich ins London der 1910er-Jahre einzuleben versucht.
Der Film hat Leichtigkeit und Humor, etwa wenn die Amazonen-Prinzessin Diana (Gal Gadot) sich ins London der 1910er-Jahre einzuleben versucht. – (c) Warner Bros.

Dass sich das Filmdebüt der Comicfigur Wonder Woman zum Streitobjekt entwickeln würde, war absehbar. Eine der berühmtesten Superheldinnen der Comicgeschichte bekommt endlich ihren eigenen Blockbuster, der erste seiner Art in dieser Größenordnung. Die Chance, den Marvel- und DC-Jungsklub ein wenig aufzumischen, bietet sich nicht jeden Tag – Fans (und Verächter) waren deshalb besonders wachsam, nahmen jeden Teilaspekt der Produktion unter die Lupe. Verständlich.

Dennoch noch frappiert die Vielzahl an (Mini-)Kontroversen und (Schein-)Debatten, die der Film ausgelöst hat. Sie bilden ein nicht immer schmeichelhaftes Zeugnis der popkulturellen Hypersensibilität der Gegenwart. Schon die Besetzung der israelischen Schauspielerin Gal Gadot, die als Model bekannt wurde, sorgte für Unmut – im Nahen Osten. Gadot hatte sich mit Lob der israelischen Streitkräfte, wo sie ihren Pflichtwehrdienst geleistet hatte, unbeliebt gemacht. Der Libanon zog „Wonder Woman“ kurz vor Veröffentlichung aus dem Verkehr, Tunesien folgte. Der erste Aufschrei im Westen entzündete sich indes an den Achselhaaren der Hauptdarstellerin – bzw. an deren Abwesenheit. Ein Trailer-Screenshot zeigte Gadot mit erhobenen Armen, im Internet empörte man sich über digitale „Beschönigung“.

 

Nur für Frauen? Nur für Männer?

Als der Film Ende Mai in den USA anlief, organisierte die Kinokette Alamo Drafthouse Sondervorführungen nur für Frauen – und zog damit den Zorn von Männerrechtlern auf sich. In Deutschland passierte das Gegenteil, nachdem der Multiplex-Betreiber Cinemaxx bekanntgab, „Wonder Woman“ in seine „Männerabend“-Reihe aufzunehmen. Und obwohl die Kritiken zur Superheldenaction überwiegend positiv ausfielen, wuchern online konfliktgeladene Diskussionen über das erste Leinwandabenteuer der Comic-Amazone. Ist es subversiv und feministisch, oder doch nur eine Männerfantasie? Ist das knappe Outfit der Hauptfigur vertretbar? Ist sie wirklich stark und unabhängig oder bloß ein Spielball ihres Schicksals?

Allen wird es „Wonder Woman“ nicht recht machen können. Ironischerweise geht es auch im Film um überhöhte Ansprüche. Um die Unmöglichkeit, mit einem Schlag die Welt zu retten. Die Weigerung, sich davon entmutigen zu lassen. Die Kraft, trotzdem weiterzumachen. Was auch immer man von dieser Inkarnation der Superheldin halten mag – anders als ihre DC-Kollegen Batman und Superman, deren jüngste Kinoauftritte eher wie Wutanfälle übermenschlicher Teenager anmuteten, hat sie die Bezeichnung „Superheldin“ tatsächlich verdient.

Prinzessin Diana wächst auf der mythischen Paradiesinsel Themyscira auf – ein Hort des Friedens, bevölkert von Amazonen. Mutter Hippolyta (Connie Nielsen) will ihre Tochter vor Gewalt bewahren, doch Tante Antiope (Robin Wright) gewährt dem Mädchen heimliches Training und erzieht sie zur Kriegerin. Der Absturz des US-Geheimagenten Steve Trevor (Chris Pine) bringt den Krieg in die Utopie – und verleitet Diana zum Ausbruch in die wilde, weite Männerwelt. Dort wird sie mit einer Realität konfrontiert, die ihren Idealen nicht ansatzweise gerecht wird: Schmutzige Metropolen, geifernde Machos, unterdrückte Frauen, Schrecken des Krieges. Hinter dessen Grausamkeit vermutet Diana einen alten Erzfeind ihres Volkes, den Kriegsgott Ares – und macht sich zusammen mit Trevor und einer Söldnerbande auf die Suche nach der Wurzel des Bösen.

„Wonder Woman“ hat den mürrischen und überfrachteten Monolithen des DC-Kinouniversums einiges voraus. Die Handlung des Films ist stringent, frei von Abschweifungen. Sie bietet Kurzweil trotz zweieinhalbstündiger Laufzeit. Der Humor erwächst organisch aus dem Grundkonzept: Szenen, in denen Diana vergeblich versucht, sich ins London der 1910er-Jahre einzufügen, gehören zu den besten des Films. Pine und Gadot wirken wie ein eingespieltes Team. Sie werden unterstützt von tollen Nebendarstellern wie Ewen Bremner (Spud aus „Trainspoitting“) und Lucy Davis („The Office“). Auch ästhetisch hebt sich der Film angenehm vom üblichen DC-Blockbuster-Kloaken-Look ab, seine 3D-Effekte können sich (buchstäblich) sehen lassen.

Insgesamt zeichnet ihn eine gewisse Leichtigkeit aus – passend zum behänden Hochsprung seiner Protagonistin. Natürlich geht es trotzdem um Alles oder Nichts. Regisseurin Patty Jenkins („Monster“) gebührt Lob, doch die Handschrift des DC-Doyens Zack Snyder, diesmal Produzent und Ko-Autor der Story, ist nicht zu übersehen. Weder bei den Actionsequenzen mit ihren Zeitlupenexzessen noch beim Showdown, in dem das absolut Gute auf das absolut Böse trifft und eine überdimensionale Pathosexplosion den Zuschauer in den Sitz drückt.

 

„Nur Liebe kann die Welt retten!“

Aber hier ist einem wenigstens nicht egal, wer gewinnt. Dieser „Wonder Woman“-Version kann man, genau wie ihrer Comic-Vorlage, Essentialismus vorwerfen. Ihre größte Stärke ist Empathie. Sie räumt hinter den Männern auf, deren Zerstörungswut keine Grenzen kennt. Sie kann kämpfen – und wie! – doch zuinnerst ist ihr Gewalt zuwider. Ihre eindringlichste Pose ist die Verteidigungshaltung, ein Knie auf dem Boden, das Schild zur Kugelabwehr nach vorne gestreckt. „Nur Liebe kann die Welt retten“, lautet ihr Schlussurteil. Aber in einem Genre, das Sanftmut für gewöhnlich mit Schwäche gleichsetzt, ist das ein radikales Statement – ganz gleich, ob es von einem Mann oder von einer Frau kommt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.06.2017)

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