Zarte Kinoskizzen eines Unabhängigen

Sympathische Figuren voller Makel und Alltagsszenen von bemerkenswerter Tiefe: Dustin Guy Defas Werk zeugt von der neuen Intimität im US-Indie-Kino. Heute präsentiert er Kurzfilme im Wiener Filmcasino.

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(c) Michaela Brucklberger

Der Begriff „Indie-Film“ hat keinen gegenkulturellen Beiklang mehr. Besonders in den USA ist er zu einem billigen Label für preziöse Wohlfühldramolette verkommen, die sich bei Publikum und Produzenten gleichermaßen anbiedern.

Was keineswegs heißt, dass das unabhängige Kino Amerikas der Vergangenheit angehört: In den vergangenen fünfzehn Jahren hat sich eine aktive Szene herausgebildet, die das Erbe von Pionieren wie John Cassavetes weiterträgt. Rohe, intime und improvisationslustige Low-Budget-Stücke von Jungregisseuren wie Andrew Bujalski und Joe Swanberg inspirierten eine neue Generation von Filmemachern, deren Arbeiten auch außerhalb cinephiler Kreise immer stärker rezipiert werden.

Einer von ihnen ist Dustin Guy Defa. Seine Filme handeln meist von Menschen, die auf die eine oder andere Art neben sich stehen und nach Gleichgewicht suchen. Doch im Unterschied zu artverwandten Zeitgenossen wie Alex Ross Perry ist Defa weniger an der Bloßstellung von Fehlverhalten interessiert als an der Herstellung von Empathie. Diese einfühlsame Ader hat finstere Wurzeln: Das Frühwerk „Family Nightmare“ montiert alte Heimvideos aus Defas Familienkreis zu einem unheimlichen Selbstzerstörungsdokument. In seinem Langspielfilmdebüt, „Bad Fever“, geht es um die fruchtlose Liebe eines emotional angeknacksten Möchtegernkomödianten: Trist, aber voller Verständnis für die Makel seiner Figuren.

 

Eine Frau, die einfach nicht gehen will

Defas jüngere Arbeiten haben sich atmosphärisch merklich aufgehellt. Sein bevorzugtes Medium ist der Kurzfilm – er hat ein Händchen für verquere Alltagsminiaturen, die beiläufig bemerkenswerte Tiefe entfalten. In „Review“ lauscht eine Tischrunde neugierig der zwanglosen Beschreibung eines New-Hollywood-Klassikers, als wäre dieser völlig unbekannt – und stellt so die Oberflächlichkeit zeitgenössischer Kulturdiskurse in Frage. „Person to Person“ erzählt von einem New Yorker Plattenhändler, der nach einer Party eine schlafende Frau bei sich im Flur entdeckt.

Sie weigert sich hartnäckig, die Wohnung zu verlassen – und gerät zu einem Lackmustest für die vermeintliche Offenheit des Gastgebers (gespielt wird dieser von Bene Coopersmith, einem realen Plattensammler und ehemaligen WG-Kollegen Defas). Aus dieser zarten 16-mm-Skizze hat Defa inzwischen einen längeren Episodenfilm entwickelt, der heuer beim Sundance-Festival Premiere feierte. Bleibt zu hoffen, dass er ihm endlich zum verdienten Durchbruch verhilft. Heute, Dienstag, Abend zeigt das Filmcasino eine schöne Auswahl seiner bisherigen Kurzfilme. Im Anschluss wird der Regisseur für ein Gespräch zugegen sein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.06.2017)

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