"Valerian": Ein ziemlich fades Weltraumspektakel

Luc Bessons Sci-Fi-Comicverfilmung ist die teuerste französische Kinoproduktion aller Zeiten. Das Geld wurde vor allem in überwältigende Spezialeffekte angelegt – der Rest ist Ödnis.

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Wenn „Valerian“ eines gelingt, dann ist es die ästhetische Würdigung der Comicvorlage. Ansonsten gehört Bessons zweieinhalbstündiger Bilderbogen zu den schlechtesten Filmen des Jahres. – Universum Film

Irgendwann in ferner Zukunft, wenn wir alle in einem vierdimensionalen Hologramm leben und uns mit neuro-prismatischen Erinnerungstrips die Zeit vertreiben, wird man womöglich mit einem verwunderten Lächeln auf die aktuelle Blockbuster-Ära zurückblicken, auf ihre Superhelden-Legionen und expandierenden „Universen“, ihren Nostalgiekult und Spektakelfetischismus. Und wenn es dann um die Frage geht, wer die maßgeblichen Künstler dieser sonderbaren Großfilm-Epoche gewesen sind, kann man sich eigentlich ganz gut vorstellen, dass die Wahl der Nachwelt nicht auf Schauspieler, Regisseure und Drehbuchautoren fällt, sondern auf Illustratoren, Designer und Animationskünstler.

Denn kaum ein Kassenschlager kommt heute ohne Computereffekte aus, seien sie spektakulär oder subtil. Und obwohl diese oft wirken wie überzogener Budenzauber, steckt meist enorm viel Arbeit dahinter – nicht nur Rechnerleistung, sondern auch die kreative Energie unzähliger Fantasten, die mit großer Leidenschaft arabeske Anderswelten und ausgefallene Kostüme ersinnen. Wenn Kameraleute die Lichtmaler des klassischen Kinos waren, sind sie die Digitalmaler der Gegenwart.

Und nur selten sah man eine eindrucksvollere Demonstration ihrer Fähigkeiten als Luc Bessons neues Mammutwerk „Valerian – Die Stadt der tausend Planeten“: Eine Verfilmung der französischen Sci-Fi-Comic-Reihe „Valérian et Laureline“, die von den Abenteuern zweier Sternenagenten erzählt (im deutschsprachigen Raum bekannt unter dem Namen „Valerian und Veronique“). Es handelt sich um ein Herzensprojekt Bessons, der sich seit Jahrzehnten damit befasst und das astronomische Budget (ca. 200 Millionen Dollar) fast im Alleingang aufgestellt hat. Manche sprechen vom „teuersten Indie-Film aller Zeiten“ – eine der kostspieligsten Produktionen der europäischen Kinogeschichte ist „Valerian“ auf jeden Fall.

Das galaktische Idyll wird zerrissen

Wo das Geld hingeflossen ist, sieht man dem Film schnell an: Schon in den ersten zehn Minuten überwältigt er mit extravaganten Ansichten eines von geschmeidigen „Avatar“-Wesen bevölkerten Strandplaneten (erst der Sensationserfolg von James Camerons 3D-Schaulauf überzeugte Besson vollends von der Umsetzbarkeit seiner visuellen Ideen). Kurz darauf wird das galaktische Idyll zerrissen, und die Handlung nimmt ihren Lauf – sehr zum Leidwesen des Zuschauers.

Wenn „Valerian“ eines gelingt, dann ist es die ästhetische Würdigung der Comicvorlage. Jean-Claude Mézières‘ Panels zeichnen sich vor allem durch ihre Detailverliebtheit und unbändige Farbenpracht aus. Seine Vorstellung des Weltalls als exotisches Kuriositätenkabinett, wo verrückte Kreaturen durch unglaubliche Architekturen wuseln – angeblich ein großer Einfluss auf die erste „Star Wars“-Trilogie – wird hier beibehalten, und es gibt keine einzige Szene, die nicht mit surrealen Schauwerten aufwartet.

Doch in fast allen anderen Belangen gehört Bessons zweieinhalbstündiger Bilderbogen zu den schlechtesten Filmen des Jahres – ein kruder Parcours durch ungelenke Actionsequenzen und halbgare Konzepte, wo blutleere Figuren von Digitalkulisse zu Digitalkulisse kullern wie Kugeln in einem Flipperautomaten, auf den Spuren einer aufgeblähten Weltraum-Verschwörung, die gleichermaßen trivial wie undurchschaubar ist.

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Fehlbesetzung: Dane DeHaan und Cara Delevingne

Dabei frappiert vor allem die Fehlbesetzung der beiden Hauptrollen: Dane DeHaan soll Valerian als draufgängerischen Schwerenöter verkörpern, wirkt mit seiner schlaksigen Statur aber eher wie ein Emo-Sänger auf Landschulwoche. Und Supermodel Cara Delevingne reiht sich als seine Partnerin Laureline mehr schlecht als recht in die (ohnehin nur mäßig schmeichelhafte) Riege von Bessons sexy Powerfrauen ein (Milla Jovovich im gleichfalls Mézières-inspirierten „Fünften Element“, Scarlett Johansson in „Lucy“): Sie darf vor allem Augenzucker streuen und die Avancen ihres Ko-Stars abwehren. Als Draufgabe gibt es bizarre Gastauftritte von Ethan Hawke, Rutger Hauer, Rihanna – und, weil’s so lustig ist, auch Herbie Hancock. Am Ende dieses überkandidelten Konfettiregens bleibt nur Überforderung und Langeweile.

Dennoch muss man eingestehen: Auf seine zügellose, ungraziöse Art ist  „Valerian“ ein Unikat. „Das fünfte Element“ brauchte eine Weile, um sich zum Kultfilm zu mausern – vielleicht schafft es ja auch Bessons jüngste Weltraumoper. Aber wahrscheinlich erst im 28. Jahrhundert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.07.2017)

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