„Jugend ohne Gott“ als Teenie-Soap

KritikAlain Gsponer hat Ödön von Horváths Roman in die nahe Zukunft verlegt. Angeklagt wird brutales Leistungsdenken. Dabei bleiben die Charaktere platt. Ab Freitag im Kino.

Ein herzenskalter junger Mann: Titus (Jannik Schümann) ist beispielhaft für eine Gesellschaft jenseits von Gut und Böse.
Ein herzenskalter junger Mann: Titus (Jannik Schümann) ist beispielhaft für eine Gesellschaft jenseits von Gut und Böse.
Ein herzenskalter junger Mann: Titus (Jannik Schümann) ist beispielhaft für eine Gesellschaft jenseits von Gut und Böse. – (c) Constantin Film

Die Nationalsozialisten haben rasch auf das Erscheinen des Romans „Jugend ohne Gott“ reagiert, den Ödön von Horváth Ende 1937 im Exil veröffentlicht hatte. Auf Antrag der Berliner Geheimen Staatspolizei wurde das schmale Buch „wegen seiner pazifistischen Tendenz auf die Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“ gesetzt. Pointiert übt Horváth in seinem Werk Kritik am NS-Regime. Aus der Perspektive eines von christlich-humanistischen Idealen geprägten Lehrers und in inneren Monologen wird klar, wie sich in den Dreißigerjahren faschistische Gesinnung bei der Jugend ausbreitet. Es geht um Diebstahl und Mord, um das Böse. Schüler T. ist ein Paradefall für kälteste Verstocktheit – kein Wunder, dass sich die Nazis in diesem plakativen Roman erkannten.

Der Schweizer Regisseur Alain Gsponer hat dieses Buch über die Tücken der Anpassung in eine Zeit übertragen, die in der nahen Zukunft liegen dürfte, jedenfalls aber heutigen Leistungsgesellschaften ähnelt. In einer Schulklasse der Elite wird weiter selektiert: Nur wenige dürfen an einem Camp im Gebirge teilnehmen. Dort kämpfen sie in vor allem körperlich herausfordernden Prüfungen um Plätze an einer der exklusivsten Universitäten der Welt. Künftige Entscheidungsträger werden in der Natur ausgesetzt. Zur totalen Kontrolle hat man ihnen winzige Sender implantiert, stets werden ihre Daten aufgezeichnet, Drohnen ergänzen die Überwachung. Die Psychologin Loreen (Anna Maria Mühe) führt in diesem Lager ein strenges Regime. Handys und anderes elektronisches Zeug wird den Zöglingen abgenommen. Im Zeltlager erhalten die Jungen Aufgaben, die zu Outdoor Management-Kursen passen würden – Orientierungslauf, Steilwand, ein reißender Gebirgsbach. Gewarnt wird zudem vor „Illegalen“, die sich im Wald herumtreiben, sie werden pauschal als Kriminelle diffamiert. Auch die Themen Prekariat und Flucht haben also Platz in der adaptierten Story. Die Schüler arbeiten in wechselnden Teams und sind zugleich Konkurrenten. Wie brutal manche von ihnen auf Außenseiter reagieren, hat sich schon an der Schule gezeigt, einem kalten Betonblock irgendwo in der großen Stadt. Wer sich nicht anpasst, fliegt raus. Und im Camp eskaliert dann die Situation. Wie bei Horváth kommt es zur kapitalen Straftat.

 

Ein Sonderling schreibt Tagebuch

Im Vergleich zum Roman wirkt der Film jedoch in allzu vielen Passagen wie eine unbedarfte Teenie-Tragödie. Der Lehrer (Fahri Yardim) mit seinen Skrupeln – bei Horváth als Erzähler omnipräsent – wird hier zur Nebenfigur. In mehreren Rückblenden werden die wesentlichen Ereignisse, die den Jugendlichen widerfahren, aus verschiedenen Perspektiven gezeigt. Das ist recht interessant konstruiert. Die zentralen Figuren aber bleiben leider ziemlich platt gezeichnet.

Der Held der Geschichte, der talentierte und grüblerische Zach (Jannis Niewöhner), Sohn reicher Eltern, trauert um seinen Vater, der Suizid begangen hatte. Deshalb darf Zach sogar als einziger ein Tagebuch führen. Allein solch ein Buch, das in dieser Dystopie ohnehin längst out zu sein scheint, macht ihn zum Sonderling. Sorgsam hütet er dieses Relikt, aber prompt ist es dann auch weg. Was für ein Seelen-Drama!

 

Die kleine Wilde aus dem Wald

Zach verdächtigt ein Mädchen in seinem Zelt, Nadesh (Alicia von Rittberg), die ihn ungeniert anhimmelt. Sie stammt aus einfacheren Verhältnissen und will mit aller Kraft beides – den Platz an der Universität und im Herzen des Burschen. Doch der liebt eine andere, eine Illegale im Wald. Diese Ewa (Emilia Schüle) ist wie eine Wilde gekleidet, die versehentlich aus einem seichten Fantasy- in diesen simplen, mit heiligem Ernst gespielten Problemfilm geraten ist. Der Held zwischen zwei Mädchen. Da fehlt nur noch das Biest. Ganz dem Klischee (das in diesem Fall auch Horváth holzschnittartig pflegte) entspricht der Schüler T. Hier heißt er Titus – ein Name, der zu kriegerischen Kaisern oder unbeherrschten Kampfhunden passt. Jannik Schümann aalt sich im Bösen und im Schmerz. Ebenso drastisch wirkt das Sinnieren und Sehnen und Fremdeln der drei anderen Jung-Protagonisten, während die Älteren etwas Zurückhaltung zeigen dürfen. Die könnten in jedem „Tatort“ mitmachen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.08.2017)

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