Spike Jonze: Krawall auf der Monsterinsel

Wo die wilden Kerle wohnen - Spike Jonzes erweiterte Verfilmung des klassischen Kinderbuchs: oft mehr mild als wild, aber treffend – und hinreißend handgemacht.

(c) Filmverleih

Sieben Minuten dauerte 1973 Wo die wilden Kerle wohnen, ein recht werkgetreuer Animationsfilm nach Maurice Sendaks gleichnamigem Bilderbuch: Sendaks Klassiker kommt schließlich mit knapp einem Dutzend Sätzen auf unter 40 Seiten aus, scheint dabei einfach perfekt– die pointierte, unauffällige Eleganz seiner Verdichtung ist mit ein Grund für den zeitlosen Erfolg der Geschichte vom kleinen Max, der ohne Essen ins Bett geschickt wird, weil er sich so ungebührlich aufführt.

Woraufhin er eine magische Reise zur Insel der wilden Kerle antritt – riesige, haarige, meist mit Hörnern bewehrte Kreaturen, die so knuddelig wie unheimlich sind. Und Unheilstifter – der Originaltitel Where the Wild Things Are betont ihre freudianische Bedeutung: Max lebt mit ihnen seine unterbewussten Impulse bis zur Neige aus, insbesondere nachdem sie ihn zum König gemacht haben, und er fordert: „Machen wir Krach!“ Dem folgenden Krawall – im Original „Wild Rumpus“ – widmet Sendak sechs wortlose Seiten: das orgiastische Zentrum, bevor Max selbst seine Monster hungrig schlafen schickt und dem Ruf der Heimat (eigentlich: dem verlockenden Duft des Abendessens – „noch immer heiß“) folgt.

Um nun ihre Neuverfilmung auf abendfüllende Länge zu bringen, mussten Regisseur Spike Jonze – bisher bekannt für einflussreiche Musikvideos und vetrackte Komödien wie Being John Malkovich – sowie Schriftsteller Dave Eggers einiges mehr ins Drehbuch packen. Das gelingt großteils, da sie auf Interpretationsversuche verzichten, die Sendaks Fabel verzerren würden.

So beginnt der Film mit Kritzeleien wie von Kinderhand auf dem Warner-Firmenlogo, gefolgt von einer anarchischen Handkameraraserei, dem herumtobenden Max hinterdrein. Den die Handlung auslösenden Wutanfall erklärt im Film eine plausible Hintergrundgeschichte: Max flieht außer Haus, nachdem sein Iglu bei einer Schneeballschlacht zerstört wurde, seine Schwester ihn im Stich lässt und seine Mutter (Catherine Keener) einen Freund heimbringt – und steigt ins Boot Richtung Monsterinsel.

 

Der heilige Geist von Jim Henson

Die Kreaturen sind der Clou des Films: Der heilige Geist von „Muppets“-Schöpfer Jim Henson schwebt über den Ereignissen. Dessen Werkstatt hat Monsterpuppen gebastelt, die hinreißend nahe an Sendaks Zeichnungen sind. Nur die Gesichtsbewegungen wurden – auch wegen produktionstechnischer Probleme – digital nachgebessert, sonst regiert der Charme des Handgemachten. Überhaupt legt Jonze Wert auf realistische Texturen, auch in den Fantasielandschaften. Das entspricht einem entscheidenden Element kindlicher Vorstellungskraft: der Gabe, Alltagsobjekte spielerisch in wunderbare Gegenstände zu verwandeln. Max ist zwar vom Kind zum Teenager befördert worden, aber das bezwingend natürliche Auftreten des Darstellers (der tatsächlich Max Records heißt) macht das, gerade im Zusammenspiel mit den Kreaturen, wieder wett.

Weniger locker ist unvermeidlicherweise die zweite Hälfte des Films, in der Max zunehmend bedrängt wird: Seine monströse Ersatzfamilie erweist sich als Ansammlung bedürftiger Neurotiker, der Bub muss lernen, was elterliche Verantwortung heißt. Er wollte „einen Film über die Kindheit machen“, sagt Jonze, „keinen Kinderfilm“ – in dessen handelsübliche Formate passt dieses sympathische Herzensprojekt nicht (wie demnächst der erste Animationsfilm eines anderen Hollywood-Hoffnungsträgers: Wes Andersons Der fantastische Mr. Fox nach Roald Dahl). Vom Alternative-Rock-Soundtrack für Berufsjugendliche abgesehen, speist sich Jonzes nachgerade nachdenklicher Surrealismus aus einem Gefühl der Unsicherheit und einer Erfahrung von Vergänglichkeit, die manche früher machen als andere. Auch wenn Hollywood das nicht gern zeigt: 2005 begann der Dreh zu Wo die wilden Kerle wohnen, dem Studio war das Resultat angeblich zu verstörend, ein langes Hin und Her war die Folge. Vielleicht deswegen ist Jonzes Vision manchmal mehr mild als wild – aber treffend ist sie doch.

Zur person

Spike Jonze (*1969, Rockville) inszenierte zuvor erfolgreiche Werbespots und Videoclips (für die Beastie Boys u.a.) sowie die Kinofilme Being John Malkovich und Adaptation.

„Wo die wilden Kerle wohnen“ kommt am Freitag, dem 18. Dezember, in die Kinos.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.12.2009)

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