„Meine Cousine Rachel“: Mystery-Romanze über weibliche Macht

KritikRoger Michells Verfilmung von Daphne du Mauriers Roman „Meine Cousine Rachel“ betört mit düsteren Bildern – und liefert eine durchaus feministische Botschaft. Rachel Weisz fasziniert als geheimnisvolle Witwe.

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(c) abc-films

War sie es? War sie es nicht? Wird sie es wieder tun? Auf den ersten Blick ist Daphne du Mauriers „Meine Cousine Rachel“, 1951 erschienen und 1952 erstmals mit Olivia de Havilland und Richard Burton verfilmt, eine spannende, psychologisch komplexe Mystery-Romanze. Auf den zweiten Blick eine durchaus feministisch lesbare Beziehungsstudie, die viel erzählt über die weibliche Unabhängigkeit, die Macht der Sexualität – und über die Furcht mancher Männer vor dem Moment, in dem eine Frau sowohl emotionale als auch materielle Kontrolle innehat.

Die erst zweite Kinoverfilmung des Stoffs, die ab Freitag zu sehen ist, bringt beide Facetten der Geschichte in betörenden Bildern zum Ausdruck. Der junge Philipp (Sam Claflin) bleibt auf dem englischen Landgut seines geliebten Cousins und Vormunds, Ambrose, während dieser für eine Kur nach Italien fährt – und dort eine weitere Cousine, Rachel, kennen- und lieben lernt. Die anfangs schwärmerischen Briefe über sie weichen aber bald wirren Notizen, in denen Ambrose Rachel verdächtigt, ihn vergiften zu wollen, und Philipp bittet, zu seiner Rettung nach Italien zu reisen. Doch als Philipp ankommt, ist es bereits zu spät, Ambrose ist tot. Und die ominöse Witwe Rachel kündigt sich für einen Besuch in England an . . .

 

Lust und Paranoia

Rachel Weisz fasziniert ab der Sekunde, in der sie erstmals die Leinwand betritt. Sie füllt diese Rolle perfekt, ist nobel und geheimnisvoll, anziehend und manipulativ. Claflins Philipp dagegen ist impulsiv, seine Gefühle werden schnell zu Obsessionen. An Rachel will er Rache nehmen, er tut sich viel an, es ihr ungemütlich zu machen, doch sie dreht den Spieß mit diskreter Leichtigkeit um. Er verliebt sich, aber er ist in allen Dingen unerfahren, auch in romantischen. Sexuelle Begegnungen deutet er als Beginn ewiger Liebe, weibliche Freundlichkeit als Bereitschaft zur Unterwürfigkeit. Wie falsch er liegt, und wie sehr es ihn quält, das zu erfahren!

Regisseur Roger Michell („Notting Hill“) inszeniert mit viel Ruhe, Spannung erzeugt er durch das Wechselspiel von Lust und Paranoia, die ständige Ambiguität – und die Mysterien, die Rachel umgeben: Was ist in diesem scheußlichen Tee, den sie Philipp brüht? Die Männer, mit denen sie sich heimlich trifft, das Geld, das sie ins Ausland schafft – hat sie ein dunkles Geheimnis? Vieles deutet darauf hin, ist aber auch das legitime Recht einer Frau, die sich nicht bevormunden lässt.

Der Film hat seine Längen, die (romantischen) Begegnungen geraten oft allzu steif, das Prickeln zwischen den beiden Protagonisten muss man sich dazudenken. Einnehmend ist der Film aber trotzdem. Auch dank der schönen Bilder: der Steilklippen und sattgrünen Wiesen von Cornwall, des melancholischen, morbiden Blicks auf das Leben im alten Landgut. Sehenswert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.09.2017)

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